Hanfanbau ist für die Landwirte in der Wetterau momentan noch kein Thema.
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Hanfanbau ist für die Landwirte in der Wetterau momentan noch kein Thema.

Aussichten für Bauern

Cannabis-Anbau in der Wetterau? Das sagen die heimischen Landwirte

  • VonOliver Potengowski
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Mit der neuen Bundesregierung könnte sich für die Wetterauer Landwirte einiges ändern. Nicht nur der mögliche Anbau von Cannabis will diskutiert werden.

Friedberg – Den Start des neuen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) haben die Landwirte des Wetteraukreises entspannt verfolgt, wie deren Vorsitzende Andrea Rahn-Farr erklärt. Viele Bäuerinnen und Bauern stehen in den Startlöchern, um Hanf anzubauen«, zitierte Spiegel Online den Landwirtschaftsminister am zweiten Weihnachtsfeiertag.

In der Wetterau zumindest haben die Landwirte diese Startlöcher noch nicht einmal gegraben, wie Rahn-Farr im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt. »Hanf in der Wetterau, das sehe ich noch nicht«, stellt die Vorsitzende des Regionalbauernverbands Wetterau-Frankfurt am Main nach Rücksprache mit Verbandsmitgliedern fest.

Cannabis-Anbau in der Wetterau: Landwirte müssten Felder bewachen lassen

»Es wird viel experimentiert im Moment«, berichtet sie, dass die Landwirte grundsätzlich schon daran interessiert seien, sich durch neue Kulturen auf den Feldern eine zusätzliche Basis für ihr Einkommen zu schaffen.

In der aktuellen Realität betreffe das jedoch vor allem Gemüse, Kräuter oder Gewürze. Bevor die Bauern in der Region ihre Felder mit Cannabis-Hanf bestellen könnten, seien noch eine Reihe von Fragen zu klären und wahrscheinlich auch erheblicher Aufwand notwendig. Landwirte, die Cannabis anbauen wollten, müssten nämlich gewährleisten, dass die Drogen nicht in falsche Hände gelangen könnten.

Denn bei der Diskussion über die Legalisierung der Droge steht fest, dass Cannabis nur an Erwachsene kontrolliert abgegeben werden solle. »Der Landwirt hätte die Pflicht, das Feld sieben Tage die Woche 24 Stunden lang zu bewachen«, erläutert Rahn-Farr. Dafür wären stabile Zäune und Sicherheitsdienste nötig. »Das werden wir hier nicht leisten können.«

Cannabis-Anbau in der Wetterau: Zielkonflikte benennen

Dass ein solcher Schutz notwendig sei, zeige der Fall eines Landwirts, der in der Nachbarschaft Faserhanf angebaut habe. »Es sind nachts Leute von Gott-weiß-woher gekommen und haben seine Pflanzen geklaut.« Wahrscheinlich werde der Cannabisanbau deshalb in einem größeren Rahmen stattfinden. »In der USA ist das in der Hand von Konzernen.«

Dabei findet Rahn-Farr es unpassend, dass Özdemir einerseits für gesündere Ernährung plädiert und sich dabei zugleich für den Anbau der Droge ausspricht. Die Zielrichtung seines Vorstoßes für mehr Lebensmittelqualität und gesicherte Einkommen für die Landwirte findet Rahn-Farr dagegen richtig.

Jetzt müsse man allerdings die Umsetzung beobachten. Bisher hätten die Grünen »eine Forderung nach der anderen aufgestellt«. Jetzt in Regierungsverantwortung müssten sie die Zielkonflikte zwischen solchen Forderungen und den finanziellen Auswirkungen auf Landwirte und Verbraucher benennen und lösen. Das betreffe insbesondere auch die Investitionen, um neue Ziele und Auflagen umzusetzen.

Wetterauer Landwirten fehlt die Planungssicherheit

»Was uns als Bauern fehlt, ist Planungssicherheit«, stellt sie fest. »In der Industrie reden wir von einem Return-on-Invest von fünf bis sechs Jahren, in der Landwirtschaft von 15 bis 20 Jahren.« Die Möglichkeiten zu investieren seien nicht unbegrenzt. Schon jetzt liege der Kapitaleinsatz in der Branche im Schnitt bei 600 000 Euro für jeden Erwerbstätigen.

Über höhere Lebensmittelpreise für Endkunden werde sich jedoch nicht mehr Qualität und ein besseres Einkommen für Landwirte regeln lassen. »Das haben wir ja jetzt schon, dass Sie ein teures Produkt kaufen können, wovon aber wenig beim Erzeuger ankommt.« Der Mehraufwand, den die Landwirte durch höhere Auflagen hätten, müsse sich auch auf den Preis auswirken, ist Rahn-Farr überzeugt. Das Problem sei aber, dass solche höherwertigen Produkte sowohl im Inland als auch im Export in Konkurrenz zu billigeren Produkten aus dem Ausland stünden, die mit deutlich geringerem Aufwand hergestellt würden.

Kennzeichnung muss nachvollziehbar sein

»Die Leute, die einheimische Produkte kaufen wollen, müssen das auf den ersten Blick erkennen können, fordert sie. Als gutes Beispiel nennt sie die 5D-Kennzeichnung bei einigen Lebensmittelhandelsketten.

Hier könne der Kunde nachvollziehen, dass bei Schweinefleisch von der Geburt des Ferkels über Aufzucht, Mast, Schlachtung und Verarbeitung alle Produktionsschritte bis zum Schnitzel oder Kotelett in Deutschland stattgefunden haben.

Als Gegenbeispiel nennt Rahn-Farr den ovalen Stempel auf Molkereiprodukten. »Da sehen Sie nur, wo die Milch abgefüllt wurde, mehr nicht.« Die Kennzeichnung müsse besser nachvollziehbar und ähnlich wie das 5D-Zeichen ein Marketinginstrument werden. »Wenn man damit auch ein Marketing machen will, braucht man politische Unterstützung«, erklärt sie. »Das ist etwas, was ich von der Regierung jetzt erwarte.«

Für Dialog mit dem Ministerium

Der Bauernverband spricht sich für einen Dialog mit dem Landwirtschaftsministerium aus. »Ich sage allen, die im Moment den Untergang des Abendlands sehen, jeder verdient eine Chance.« Man wolle die parlamentarische Staatssekretärin Manuela Rottmann, die als ehemalige Frankfurter Umweltdezernentin einen Bezug zur Region habe, zum Gespräch einladen.

Beifall bekommt Özdemir von Rahn-Farr für die Klarstellung, dass Bauern nicht gegen Klimaschutz und Tierwohl seien. »Wir können alles machen, was gewünscht ist«, betont sie die Bereitschaft der Bauern, Ziele und Vorgaben beim entsprechenden finanziellen Rahmen zu erfüllen. »Man kann es nicht machen, wenn man dabei pleite geht.«

Dieser Artikel stammt aus der Wetterauer Zeitung.

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