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»Das Sterben von Illusionen«

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Von: Andreas Matlé

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Schauspieler Helmut Zierl liest bei »Friedberg lässt lesen« aus seinem Buch »Follow the sun«. Darin thematisiert er Erinnerungen aus dem »Sommer seines Lebens«. FOTO: OVAG/JAMES © pv

Friedberg (am). »Wie kann man so blöd sein, so dämlich, auf dem Raucherschulhof mit Haschisch zu handeln?« - Blöd oder jugendlichem Leichtsinn geschuldet? Alle Ausreden halfen jedenfalls nichts. »Zierlchen, wir haben es schon lange geahnt, und jetzt bist du verpfiffen worden«, stellte ihn der Direktor seines Gymnasiums in Hamburg vor vollendete Tatsachen:

Rauswurf.

»Und so verließ ich die hässlichste Schule der Welt«, schreibt Helmut Zierl. Aber es sollte nicht der einzige Rauswurf bleiben. »Raus mit dir, wir wollen dich hier nicht mehr sehen«, setzt ihn der Vater, Polizeiobermeister Zierl, vor die häusliche Tür.

Und damit begann die irre Odyssee des damals 16-jährigen Helmut Zierl, ausgestattet mit einem See- und Schlafsack. Inzwischen ist er seit vielen Jahren ein gestandener Schauspieler - in kaum noch zu zählenden Kino- und Fernsehproduktionen und auf den Theaterbühnen des Landes.

Mit diesem doppelten Rausschmiss fuhr Helmut Zierl 1971 unverhofft, aber geradewegs, in den »Sommer meines Lebens«. Erinnerungen, die er in seinem Buch »Follow the sun« zu Papier gebracht hat. Aus diesem Buch las er im Rahmen der Reihe »Friedberg lässt lesen« in der gut besuchten Aula der Augustinerschule.

Geradezu jugendlich kam der 67-Jährige in Jeans und weißem Shirt daher, die Haare eher verwegen denn dem Stil von Männern seiner Generation angepasst. Minus fünfzehn Jahre seines tatsächlichen Alters würde man ihm locker abnehmen. Auf einem Kassettenrekorder spielte er zwischen den Lesepassagen Lieder aus jener Zeit ab, die eine Bedeutung für ihn hatten - und offenbar auch für viele Zuhörer, die mitsangen und ihre Körper ein wenig in Bewegung setzten. »Me and Bobby McGee« von Janis Joplin, »Misses Robinson« von Simon & Garfunkel, »Follow the sun« von Paul McCartney, »Whole lotta love« von Led Zepplin. Das waren die Lieder, die den Teenager nach Belgien und Frankreich - logischerweise meist per Anhalter - begleiteten. Auch ins damalige Hippie-Paradies von Europa, nach Amsterdam, wo bevorzugt unter freiem Himmel genächtigt und geträumt wurde. »Das waren meine Themen: Frauen und Haschisch.«

Helmut Zierl präsentiert authentisch ohne jegliche Verklärung, Koketterie oder Pathos ein Kaleidoskop jener Zeit. Er schreibt von Menschen, denen andere in dieser geballten Form und Vielfalt ihr Leben lang nicht begegnen. Ein »Nazi-Lieder« grölender Belgier, mit dem er in einer heruntergekommenen WG wohnt, »I believe in Jesus«-People, Tunesier, die ihn zwingen, gefälschte Edeluhren zu verkaufen, Männer, die zwar so aussehen, aber alles andere als Spießer sind, Musiker, jede Menge Dealer, »Blumenkinder«, die, wie er in dieser Zeit, in den Tag hineinleben.

Es wird gekifft, als gebe es kein Morgen. Es wird mit LSD und Meskalin experimentiert, was bei Helmut Zierl Depressionen auslöst. Bis er eines Tages kurz davorsteht, sich den ersten Schuss zu setzen. Es kommt aber nicht dazu - ansonsten wäre sein Leben möglicherweise anders verlaufen. Vielleicht so wie jenes einer Freundin aus diesen Tagen, Mary, die in der WG, in der auch er wohnt, an einer Überdosis stirbt. Quasi vor seinen Augen.

Ein Lied, das er an diesem Abend in der Augustinerschule anspielte, erinnere ihn bis heute an diesen Tag, an dem »meine Hippie-Welt einen gewaltigen Riss bekam«. Es ist »Stairway to heaven« von Led Zeppelin.

Abschiede und Verluste prägen ihn

Neben all seiner jugendlichen Abenteuerlust, vielleicht auch eine Zeit, in der ihn das Leben lehrte, prägte ihn »das Sterben von Illusionen«. Außerdem, sagt Helmut Zierl, prägten ihn auch »Abschiede und Verluste. Oft hatte ich mit den Tränen zu kämpfen, weil es mich, trotz der vielen Jahre, die inzwischen vergangen sind, zutiefst berührt.«

Es war ein amüsanter, aber gleichfalls berührender, bisweilen melancholischer Abend mit Helmut Zierl bei »Friedberg lässt lesen«. Vor allem aber: Von der ersten bis zur letzten Minute authentisch.

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