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Der Mensch als Homo viator

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Von: Gerhard Kollmer

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koe_KofferPassion_300322_4c_2 © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Homo viator: Das Leben jedes Menschen gleicht einem Weg, den es zurückzulegen gilt - von der Geburt bis zum Tod. Nur selten verläuft er geradlinig, wird oft zum Irrweg, führt im Kreis herum, bricht vorzeitig ab, zwingt zum Neuaufbruch. Während er den einen Perspektiven und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung bietet, führt er für andere häufig durch »unwegsames« Gelände, wird im Alter meist beschwerlicher.

Manche beenden ihren Lebensweg vorzeitig, weil sie keinen Sinn mehr darin sehen, sich ziellos oder von schwerer Krankheit gezeichnet weiter durchs Leben zu quälen. Manche sehnen das Ende des irdischen Weges gottergeben in der Hoffnung auf jenseitige Erlösung herbei. Kein Weg gleicht dem anderen; oft will er allein beschritten sein.

Der Künstlerin Cornelia Rößler gelingt es in ihrer fünfteiligen Installation »Lebensweg«, die gegenwärtig in der Burgkirche zu sehen ist, die Komplexität der »Weg«-Metapher eindrucksvoll zu verbildlichen. Während in den beiden ersten Passionsandachten der Evangelischen Kirchengemeinde die Stationen »Leib« und »Leben« Gegenstand der theologischen Meditationen von Pfarrerin Claudia Ginkel und Pfarrer Joachim Neethen waren, stand nun die dritte Station »Weg« im Mittelpunkt. Der von etwa 20 alten Koffern beidseits gesäumte, vom Eingang zur Kanzel führende Mittelgang der Burgkirche evoziert zahlreiche Assoziationen. Melissa Gießen und Emilia Hammann steckten in ihrer Betrachtung den Rahmen ab.

Ein alter, abgewetzter Koffer zeugt von häufigem Unterwegssein. Wer sein Zuhause nie verlässt, benötigt keinen. Wer nirgendwo daheim ist, wird ihn und weitere brauchen. Auf einer Urlaubsreise würde man sich seiner schämen. Warum geht der Anblick dieser schäbigen Behältnisse so tief - fast »schlagartig« - unter die Haut? Sind es vielleicht die Erinnerungen an SchwarzWeiß-Fotos von Menschen, die hunderttausendfach in die Lager der braunen Nazi-Henker deportiert wurden - mit Koffern, welche die meisten gar nicht mehr brauchten, weil sie an ihrem »Bestimmungsort« sofort in den Gaskammern umgebracht wurden?

Oder sind es Koffer der Frauen, Kinder und alten Männer, die vor unseren Augen aus ihrem zum Opfer eines militärischen Überfalls gewordenen Land, der Ukraine, fliehen?

Wie lassen sich solche und andere Extremsituationen theologisch deuten? Verfügt der Glaube an Gott bzw. Jesus Christus als künftigen Erlöser der Welt über genug »Trostpotenzial«, um so viel kollektivem Leid den Stachel zu nehmen? »Wir haben hier auf Erden keine bleibende Statt. Sondern die zukünftige suchen wir«, heißt es sinngemäß im neutestamentlichen Brief an die Hebräer. Pfarrerin Ginkel verwies auf den Kreuzestod Christi, dessen in der Passionszeit gedacht wird. Die Koffer als Symbol von Flucht und unschuldigem Leid gemahnten daran, dass nichts Irdisches vor Zerstörung sicher sei, rief sie in Erinnerung. Um angesichts des Horrors in der Ukraine und anderswo nicht am Glauben zu verzweifeln, müssten wir uns immer wieder klarmachen, auf welch‹ schwankendem Grund wir stehen. Dies entbinde nicht davon, alles nur Menschenmögliche für die Minderung von unverschuldetem Leid zu tun.

Andrea und Ulrich Seeger umrahmten die Andacht unter anderem mit dem Largo aus Johann Sebastian Bachs Sonate in c-moll, BWV 1017.

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koe_Passionsandacht1_300_4c_2 © Gerhard Kollmer

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