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»Ein imaginäres Museum«

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Von: Gerhard Kollmer

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Martin Maria Schwarz (r.) moderiert die Lesung der Autorin Jenny Erpenbeck. FOTO: KOLLMER © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). »War der Augenblick ein glücklicher, in dem sie damals, als neunzehnjähriges Mädchen, Hans traf? An einem Tag Anfang November setzt sie sich auf den Fußboden und beginnt, Blatt für Blatt, Mappe für Mappe, den Inhalt des ersten, dann des zweiten Kartons durchzusehen.«

Als Katharina - lange nach Ende der Beziehung - vom Tod ihres einstigen, 34 Jahre älteren Geliebten Hans erfährt, beginnt sie mit einer intensiven, schonungslosen Trauerarbeit. Die Kostüm- und Bühnenbildnerin holt zwei Kartons hinter dem Schrank hervor und beginnt deren Inhalt zu sichten. Die Dokumente in Karton 1 zeugen vom Beginn und Höhepunkt des Amour fou, während Briefe und andere Hinterlassenschaften aus Karton 2 Niedergang und Ende des kurzlebigen Verhältnisses vergegenwärtigen.

Jenny Erpenbecks im vergangenen Jahr erschienener Roman »Kairos« erzählt - aus Katharinas Sicht - anhand dieses scheinbar chaotischen Sammelsuriums akribisch und detailliert Höhe- und Tiefpunkte einer Liebe in den Verfallsjahren der DDR. Die Erfolgsautorin war in das Bibliothekszentrum Klosterbau gekommen, um ihr Werk, das bewusst auf jede Art Chronologie verzichtet, bei »Friedberg lässt lesen« in zwei langen Passagen vorzustellen. Mitgekommen war der unter anderem aus dem HR2-»Morgenmagazin« bekannte Moderator Martin Maria Schwarz, der die Autorin durch geschicktes Fragen zu einem (vielleicht etwas zu) langen, ergiebigen Gespräch über »Kairos« bewegen konnte.

Bis an die Schmerzgrenze

Vergleichbar jemandem, der einen in zahlreiche Splitter zerborstenen Spiegel wieder zusammenzusetzen bemüht ist, versucht Katharina anhand der in den Kartons aufbewahrten Dokumente die zerbrochene Affäre mit dem in vielem rätselhaft bleibenden Hans zu rekonstruieren bzw. ihr wenigstens nachträglich einen Sinn zu verleihen, was ihr letztlich jedoch nicht gelingen will. Der definitiv fragmentierte Spiegel lässt bestenfalls ein Zerrbild zu. Die minuziöse, »gnadenlose« Protokollierung eines oft bis an die Schmerzgrenze nicht nur Katharinas, sondern auch des Lesers beziehungsweise der Leserin gehenden Aufarbeitungsversuchs macht die Stärke von »Kairos« aus. Stichwort »Kairos«: Es ist nicht nur der richtige, sondern einzige Moment, in dem etwas geschehen bzw. getan werden muss, um zu gelingen. Katharina stellt sich immer wieder die Frage, ob der Tag ihrer Begegnung mit Hans der richtige war. Sie bleibt unbeantwortet.

Hans ist, vergleichbar etwa Wolf Biermann, als überzeugter Sozialist in den 1950er Jahren vom Westen in die DDR übersiedelt, um am »Aufbau des Kommunismus« mitzuarbeiten. Angesichts des spätstalinistischen Ulbricht-Regimes setzt bald Desillusionierung bei dem jungen Schriftsteller ein, der es jedoch nicht zu einem völligen Bruch mit der DDR kommen lässt, sondern »gutbürgerlich« heiratet und eine Familie gründet - vergleichbar mit Autoren wie Stefan Heym, Christa Wolf, Heiner Müller und vielen anderen. Er genießt Privilegien, die den allermeisten DDR-Bürgern verwehrt sind. Die junge Katharina dagegen, zur Zeit der Wende 1989 etwa zwanzig Jahre alt, kennt die »heroischen« Anfangsjahre der DDR nur aus Erzählungen bspw. ihrer ebenfalls im Intellektuellenmilieu angesiedelten Eltern.

Trotz zahlreicher autobiografischer Bezüge ist »Kairos« kein Schlüsselroman. Jenny Erpenbeck nennt ihn im Gespräch ein »imaginäres Museum«, das Zeugnis von Menschen ablegt, die in einer unwiderruflich untergegangenen Epoche ein wahres Leben im Falschen zu leben versucht haben.

Verdienter herzlicher Applaus für Autorin und Moderator steht am Ende der gut 90-minütigen Lesung mit Gespräch.

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