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Faszinierende Klänge aus den Tiefen von Raum und Zeit

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Von: Gerhard Kollmer

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Nach dem Solo: Oboist Christian Hommel hat die Mikwe zum Klingen gebracht. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Alles wird Klang: Mit jeweils vier Soli und einem abschließenden Duett (aus dem Bereich der modernen und Gegenwartsmusik) gelang dem Hornisten Saar Berger und seinem Partner, dem Oboisten Christian Hommel (beide langjährige Mitglieder des »Ensemble Modern«), in zwei einstündigen Auftritten das Kunststück, den 25 Meter tiefen Schacht der 760 Jahren alten Mikwe mit seinen 75 Stufen hinunter zum fließenden Wasser zum Klingen, zum »Singen« zu bringen.

Bereits das von Saar Berger intonierte Hornsolo »Kaddisch« (Totengebet) Maurice Ravels aus seinen »Deux Mélodies Hébraiques« ließ die Aura des weltweit einzigartigen Ambientes geradezu mit Händen greifbar werden. Nicht zuletzt die grandiose Akustik des altehrwürdigen Gemäuers trug ihren Teil zum Gelingen des Konzerts bei.

Der 1995 in Berlin verstorbene koreanische Tonsetzer Isang Yun verschmilzt in seinem Stück »Piri« (die koreanische Oboe) westliche und asiatische Musiktraditionen.

Quietschene Reifen, startende Flugzeuge

Mit seiner empathischen Interpretation des vierten, zwischen schmerzhaft-schrillen und leise-meditativen Klängen oszillierenden 4. Satzes setzte Christian Hommel den musikalischen Reigen fort.

Nach lautmalerischen, das Hochland der Anden evozierenden Klängen von Valentin Garvies Titel »Erke« (ein Auftragswerk für Saar Berger) ließ Christian Hommel mit Mark Andrés, ihm gewidmeten Werk »iv 5« mit tonlosen Atemgeräuschen die Stille hörbar werden.

Der chilenische Tonsetzer Christian Pedro Vásquez Miranda kontrastiert in seiner »Mikroskopia« Alltagsgeräusche wie quietschende Reifen, startende Flugzeuge, ratternde Züge mit konventionellen Tönen. Daraus erwächst eine eigenartige, schwer in Worte zu fassende Poesie.

Das in Frankfurt beheimatete renommierte »Ensemble Modern« wurde in einer Rezension als »polyglotter Verstärker zukunftsweisender Klangkonzepte« gefeiert. Sowohl Christian Hommel wie Saar Berger (beide sind auch als Professoren und Komponisten tätig) demonstrierten bei ihrem Auftritt, dass dieses Lob in vollem Umfang zutrifft. Wer jedoch - als musikalischer Laie - von Gegenwartsmusik, wie sie in der Mikwe zu hören war, »greifbare« Melodien erwartet hatte, kam nicht auf seine Kosten. Nein, nicht Melodien, sondern kunstvoll erzeugte Klänge waren es, die den Auftritt des Duos zum einmaligen Hörererlebnis werden ließen.

Das bestätigte auch Yitzhak Yedids »Purification Prayer« für Horn solo.

Der in Australien lebende israelische Tonsetzer hat dieses musikalische »Reinigungsgebet« eigens für das Konzert in der Mikwe geschrieben. Eine »Stimme« wird hier laut - es ist die des Kantors beim gemeinsamen Gebet.

In der Folge erklang das ungewöhnlichste Werk des Abends - Rolf Riehms »Ungebräuchliches« für Oboe solo. Christian Hommel nimmt sein Instrument regelrecht auseinander, entlockt den Fragmenten immer neue Saug- und Blasgeräusche. Riehm überlässt dem Interpreten den nötigen Freiraum, um eigene Ideen zu realisieren.

John Cage schrieb sein Werk »Ryoanji« 1983 anlässlich einer Performance von Yoko Ono im Ryoanji-Kloster in der japanischen Stadt Kyoto. Eine Grafik des klösterlichen Steingartens diente ihm als »Partitur« für sein mit wirklich allen Traditionen der Musikgeschichte brechendes Werk.

Nach langen Momenten der Stille brandete tosender Applaus für beide Interpreten auf, wofür Christian Hommel mit seiner Eigenkomposition »De profundis« (Aus der Tiefe) in beider Namen dankte.

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