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Flucht: Die Bilder aus dem Krieg werden wieder wach

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Ingeborg Maiwald im Alter von neun Jahren. Ein Jahr später floh sie mit ihrer Familie aus Schlesien, ein Erlebnis, das sie bis heute beschäftigt. © pv

Was erleben Menschen aus der Ukraine auf ihrer Flucht vor dem Krieg? Ingeborg Maiwald aus Friedberg wurde 1945 mit ihrer Familie aus Schlesien vertrieben und hat ein Buch darüber geschrieben.

Meine Erinnerungen sind noch sehr lebhaft. Ich habe, wie viele andere, das Leben von seiner schlimmsten Seite kennengelernt und oft gedacht, dass es bald zu Ende geht. Ich wurde als Ingeborg Maiwald in einem Dorf bei Breslau in Schlesien geboren, meine Eltern betrieben eine Gerberei. Unter russischer Bewachung mussten wir im Winter 1945, ich war 10, unser Zuhause verlassen. Wir waren Gefangene im eigenen Land. Schweren Herzens ließen wir die verwundete Großmutter Pauline zurück. Für meinen verzweifelten Papa muss es eine aussichtslose Herausforderung gewesen sein. Die Großmutter war nicht transportfähig, er musste seine Familie beschützen.

Die zwei Ochsen wurden morgens bei minus 30 Grad angespannt. Mit Wut und Resignation ging unsere Reise los. Auf dem Schäferberg schickte Papa meine große Schwester Ruth zu uns auf den Wagen, weil viele Gefallene blutüberströmt im Schnee lagen. Sie waren verstreut, hatten keine Mäntel mehr, ihre nackten Füße konnte man von weitem sehen. Es war ein Bild des Schreckens, der Schnee war rotgefärbt vom Blut der Leichen. Diesen Anblick werde ich niemals vergessen. Entlang der ganzen Strecke lagen tote Soldaten in den Gräben.

Wir drei Kinder hatten Schaffellkombinationen mit eingefassten Schlitzen für die Hände und froren noch nicht. Die Gruppe sollte nach Osten ziehen, musste aber einen Bogen um das umkämpfte Breslau machen. So ging es nordwärts Richtung Oder. Unsere Reise führte durch Schnee, ich hatte den Eindruck, wir wären die einzigen Menschen im ganzen Land. Wir verstanden die russischen Befehle nicht. Ich hatte Angst, suchte Mamas Nähe, der es genauso ging. Die Reise schien endlos. Mein Magen krampfte sich zusammen.

Plötzlich werden die Türen aufgerissen

Abends hielten wir in einem Dorf. Wegen der Kälte wurde in einem Gasthaussaal Stroh ausgelegt, in dem wir die Nacht verbrachten. Russische Soldaten zählten die Ankömmlige. Bevor wir zum Schlafen kamen, wurde die Saaltür aufgerissen und Soldaten leuchteten mit brennenden Kienspänen in die Gesichter der Gefangenen. Sie zählten erneut ab, deuteten auf die Frauen, die mitkommen sollten. Papa hatte Ruths Kopf unter die Decke gesteckt. Sie wurde nicht gefunden. Die Russen kannten die Gesamtzahl und als sich herausstellte, dass eine Frau fehlte, wurde es laut. Papa bat Frau Swoboda, die aufgrund ihres höheren Alters nicht ausgesucht worden war, anstelle von Ruth zu gehen. Alle wussten, dass den ausgesuchten Frauen Vergewaltigungen bevorstanden. Sie hatte keine Kinder, ihr Mann war Soldat. Sie nickte ohne zu zögern, stand auf und ging tapfer ihrem Schicksal entgegen. In meiner Erinnerung habe ich ihr ein Denkmal gesetzt, ich werde dieses Opfer nicht vergessen.

Ruths Freundin Rosel Priwattke hatte sich nach der ersten Nacht auf einem Dachboden erhängt. Sie konnte mit der Erinnerung an eine russische Vergewaltigung nicht weiterleben. Das erfuhren wir erst v iel später. Es gab unzählige Selbstmorde aus dem gleichen Grund. Der kommunistische Führer Stalin hatte seine Truppen ermutigt, Vergewaltigungen durchzuführen. ...

Ein Anblick, der das Mädchen nicht überraschte

Es sprach schon lange keiner mehr von Zukunft oder dass wir wieder in Frieden leben würden. Ich vertraute meinen Eltern mehr, als dass ich es in Worte fassen könnte. Das waren meine einzigen Gedanken in dieser Kälte und Hoffnungslosigkeit. Ich hielt mich bei Mama auf, die mit den anderen Frauen die Wäsche der Russen waschen musste. Unter dem Mist eines Bauernhofes wurden nach dem Ausschütten des Waschwassers die Beine einer toten Frau sichtbar. Es war ein schrecklicher Anblick, aber ich glaube nicht, dass er mich überraschte.

Meine Gedanken sind bei all den lieben Menschen, denen ich auf meinem Weg begegnete und die Opfer ihrer Zeit wurden, bei allen, die mir halfen an mich zu glauben, bei all denen, die mir zu essen gaben, wenn ich nichts mehr hatte, die mir Unterkunft gaben, wenn ich keine hatte.

Wenn die Erinnerungen wieder hochkommen

Unvorstellbar sei, was gerade in der Ukraine geschehe, sagt Ingeborg Maiwald. »Diese Menschen erleiden das gleiche, was auch unsere Familie und Millionen anderer Deutscher erleiden mussten«, sagt die 88-jährige Friedbergerin. An manchen Tagen sei es ihr unmöglich, die Fernsehnachrichten anzuschauen. »Die ersten Nächte des Krieges habe ich nicht geschlafen.« Die Bilder kehren zurück. Bilder vom Krieg, von der Vertreibung, von unermesslichem Leid und einer Grausamkeit, die bis vor kurzem in Europa undenkbar schien. Ingeborg Maiwald trägt heute einen anderen Namen, sie will nicht im Mittelpunkt stehen. Vor 20 Jahren begann sie, die Geschichte ihrer Flucht aufzuschreiben. »Es waren einzelne Episoden für meinen Sohn.« Der Sohn Jeron North lebt im Ausland. Er hat die Erzählungen der Mutter gesammelt und 2014 unter seinen Namen und dem Titel »Der 8. Februar« als Buch herausgegeben, auf Deutsch und auf Englisch. »Bei Amazon stand das Buch zwei Jahre lang in der Kategorie ›Frauenbiographien‹ an erster Stelle«, erinnert sich Maiwald. Viele positive Reaktionen und Kritiken hat sie erhalten. Das Buch, schrieb eine Leserin, sei »an Spannung und Dramatik nicht zu übertreffen«.

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