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Friedberg: Selbstkontrolle üben - SKOLL-Training für riskantes Konsumverhalten

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Von: Kim Luisa Engel

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Trinke ich zu viel Alkohol? Fragen wie diese liegen dem SKOLL-Training im Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe Friedberg zugrunde. Es soll Jung und Alt zu einem verantwortungsvollem Umgang mit Konsum verhelfen. SYMBOLFOTO: IMAGO © pv

Das Friedberger Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe bietet einen SKOLL-Kurs an. Das steht für Selbstkontrolltraining. Kursleiterin und Sozialpädagogin Simone Sannig erklärt, was den Kurs ausmacht.

Der Kurs richtet sich an Personen, die sich fragen, ob sie etwas übermäßig konsumieren. Gibt es eine Faustregel dafür, wie viel zu viel ist?

Es gibt Diagnosehandbücher oder statistische Klassifikationen, die genau bestimmen, ab wann was der Fall ist. Eine Abhängigkeit ist klar beschrieben und kann diagnostiziert werden. Hier geht es vor allem um eine persönliche Einschätzung. Der Leidensdruck der Menschen ist immer unterschiedlich. Jeder hat ein anderes Maß an Leid, was er aushalten kann, und ab wann es für ihn problematisch wird. Das ist für uns bei SKOLL die Orientierung. Nicht die theoretische Grundlage, sondern das subjektive Maß, an den Punkt zu kommen, zu sagen: Ich fühle mich nicht mehr wohl damit. Kann oder möchte ich etwas ändern? Was ist mein Ziel, und wie komme ich da hin?

Was hat es mit dem SKOLL-Training auf sich?

SKOLL ist ein Training, und so sollte man es auch wirklich verstehen. Das sind Dinge, die geübt werden. Auch in ständiger Wiederholung, damit es dann besser laufen kann.

SKOLL-Kurs Friedberg: Strukturiertes Programm hilft bei Suchtproblemen

Wie funktioniert das?

SKOLL ist ein sehr strukturiertes Programm. Denn Struktur, Rhythmus und Rituale sind ganz wichtig für Menschen mit Suchtproblemen. Das gibt ihnen Halt und Sicherheit. Im SKOLL-Programm gibt es einen Ablauf, durch den sich die Menschen durcharbeiten, und das in der Offenheit, die sie für sich selbst gewählt haben. Ganz klar geöffnet und für jeden sichtbar ist das Thema, an dem der Teilnehmer arbeitet. Das wird in Form eines Trainingsplans jedes Mal vor Beginn des Kurses ausgehängt. Auch die Ziele des Einzelnen werden dort klar benannt.

Wie kann so ein Trainingsplan aussehen?

Der Trainingsplan ist immer individuell. Ganz wichtig ist es, sein Thema zu benennen. Zur Zielformulierung nehmen wir die SMART-Kriterien zur Hilfe, dass ein Ziel spezifisch, messbar, angemessen, realistisch und termingebunden sein soll. Letzteres bekommen wir darüber hin, dass wir uns wöchentlich treffen und sich die Teilnehmer Woche für Woche ein kleines Ziel vornehmen, das sie überprüfen können.

SKOLL-Kurs Friedberg: Alternative Möglichkeiten für Entspannung suchen

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Vielleicht hat jemand Probleme mit Cannabis. Eine erste Formulierung kann sein: Ich will meinen Konsum immer weiter reduzieren bis zur Abstinenz. Das ist das große Ziel, das ganz hinten steht. Dann bricht er das runter, sodass er sagt: Ich will, z. B. nur noch zu bestimmten Anlässen kiffen. Dann nimmt er sich jede Woche ein Wochenziel vor, z. B.: Ich beschränke meinen Konsum auf zwei Tage pro Woche. Das ist je nach Teilnehmer unterschiedlich.

Worauf müssen Teilnehmer achten?

Es ist wichtig, dass sie formulieren, worauf sie besonders achten muss. Bei dem fiktiven Beispiel mit dem Cannabis könnte es sein, dass er sagt: Ich muss, um diese Veränderung herbeizuführen, nach der Arbeit eine alternative Entspannungsmöglichkeit finden.

SKOLL-Kurs Friedberg: Rituale verfestigen

Wie können solche Alternativen aussehen?

SKOLL ist so aufgebaut, dass es zehn Einheiten gibt. Jede Einheit steht unter einem Motto. Die Alternativen finden ihren Platz unter der Freizeitgestaltung. Man fragt sich: Was hat mir früher mal Spaß gemacht oder könnte mir heute Spaß machen? Viele haben verlernt, auf andere Dinge zuzugreifen. Da ist dann eine große Lücke. Es gehört auch dazu, für sich neue Rituale zu schaffen, um etwas anderes machen zu können und das zu verfestigen.

Der Kurs richtet sich an junge Menschen und Erwachsene. Kommen diese mit denselben Problemen zu Ihnen?

Es gibt Unterschiede, aber das ist das Besondere an SKOLL. Der Kurs ist sehr offen, von der Zielgruppe und auch von der Zielsetzung. Und was die inhaltlichen Themen der Teilnehmer betrifft. SKOLL lebt von der Gruppe. Von dem Jung und Alt, tatsächlich. Das ist vorteilhaft, da es sich ergänzt.

SKOLL-Kurs Friedberg: »Jeder lernt vom anderen«

Wie funktioniert das Training innerhalb der Gruppe?

Jeder definiert sein eigenes Ziel. Der eine hat die Stabilisierung im Blick, der andere die Reduzierung, der nächste möchte seinen Konsum vielleicht ganz einstellen. Das kann sehr unterschiedlich sein. Ich habe bisher erlebt, dass das für das Gegenüber sehr bereichernd war, die anderen Themen und Problematiken zu hören.

Wie kann die Gruppe dem Einzelnen weiterhelfen?

Die Ziele werden in kleinen Schritten benannt. Ich helfe, die Ziele stimmig und klein zu formulieren. Viele scheitern oft daran, dass sie sich zu viel vornehmen und große Schritte machen wollen. Das frustriert dann. In der Suchtarbeit wissen wir, dass viele Schritte nötig sind, um überhaupt ein Verhalten zu ändern. Da ist die Gruppe wiederum ein Spiegel, sie kann sagen: Vielleicht hast du dir da ein bisschen zu viel vorgenommen. Da lernt jeder vom anderen.

SKOLL-Kurs Friedberg: Abstinenz nicht unbedingt im Vordergrund

In der Kursbeschreibung steht, dass bei SKOLL die Abstinenz nicht unbedingt im Fokus steht. Ist ein gelegentlicher Joint zum Beispiel in Ordnung?

Die Frage ist immer, aus welcher Perspektive. Für wen ist das in Ordnung? Für mich geht es um den Teilnehmer des Kurses. Fragt man einen Richter, einen Polizisten oder den Teilnehmer, was in Ordnung ist, bekommt man sicher unterschiedliche Antworten. Insofern ist für mich das richtig, was der Teilnehmer für sich bestimmt. Jeder ist selbstbestimmt und kann sein Leben so formen, wie er das möchte.

Gibt es in dieser Hinsicht ein Gut oder Schlecht?

Die Politik oder auch Gesetze regeln nicht, was für den Mensch gut oder nicht gut ist. Da ist nicht die Orientierung: Alles, was legal ist, ist okay, und alles, was illegal ist, ist nicht okay. In Deutschland gibt es die meisten Konsum-toten durch Folgen des Rauchens. Danach kommt der Alkohol mit jährlich circa 74 000 Toten. Zählt man die Toten durch Folgen von allen illegalen Substanzen zusammen, kommt man auf etwa 1500. Da ist nicht die Orientierung für den Menschen zu sehen, was gut ist und was nicht. Es kommt wirklich auf das Eigene an. Wenn einer das in sein Leben integriert, ist das sein Weg. Die Menschen, die bei uns im SKOLL-Kurs sind, haben einen Leidensdruck und wollen dadurch etwas verändern.

Info: Noch Plätze frei

Am Donnerstag, 5. Mai, um 18 Uhr beginnt der zehnwöchige SKOLL-Kurs im Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe in Friedberg. Das jeweils 90-minütige Training findet danach donnerstags innerhalb einer festen Gruppe mit maximal acht Teilnehmern statt. »Es sind noch Plätze frei«, sagt Kursleiterin und Diplom-Sozialpädagogin Simone Sannig. Vor Kursbeginn sei allerdings ein Informationsgespräch zur Klärung von Fragen nötig. Interessierte schreiben eine E-Mail an zjswk@jj-ev.de.

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