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Friedberg: Videodreh mit Bembelgrüßen auf der Lederhose

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Von: Jürgen Wagner

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»Ei, was machst dann du hier?« Jutta Himmighofen alias »Gerda Schmidt« will ein hessisches Dirndl anprobieren, doch die Umkleidekabine wird von Ulf Berger blockiert. Die kurzen Werbefilme der beiden genießen Kulutstatus. © Nicole Merz

Werbefilme einmal anders: Wenn Ulf Berger mit dem Lastenrad durch Friedberg tourt und Jutta Himmighofen filmt, bleibt kein Auge trocken. Wir waren bei den Dreharbeiten dabei.

Friedberg - Wenn der Kameramann zwei Köpfe größer ist als die Hauptdarstellerin im Dirndl, ergeben sich spannende Kameraperspektiven. »Fribbicher Erotik«, juchzt Jutta Himmighofen und rückt ihr Dekolleté zurecht. Ulf Berger kommentiert trocken: »Mit den Fotos verkauft sich die WZ wie geschnitten Brot.«

Donnerstagnachmittag, im »Bembeltown«, dem Äppelwoi-Fachgeschäft im Friedberger Haingraben, laufen Dreharbeiten. Zwischen Bembeln, Gerippten und allen erdenklichen Produkten rund ums hessische Stöffche steht Inhaber Jürgen Schreiter und guckt ratlos aus der Wäsche. Zwei Minuten vorher hat er erfahren, dass er eine Rolle im neuen Werbefilm von Ulf Berger alias »Super Ü« übernehmen soll. Seit Beginn des Lockdowns dreht der Inhaber von »Lederwaren Steck« mit der Journalistin Jutta Himmighofen alias »Gerda Schmidt« kurze, absurd-witzige Filme, über die sich eine wachsende Fangemeinde in den sozialen Medien amüsiert.

Videodreh in Friedberg: Vom Feuerwehrmann zum Filmstar

Nur: Was soll Jürgen Schreiter jetzt tun? »Ich hab’ meinen Text nicht gelernt«, grummelt er. »Es gibt ja auch kein Drehbuch«, sagt Berger. Aber es gibt »Gerda«, das hessische Schlappmaul mit Gemüt, die nun zur Tür hereinplatzt und atemlos losbabbelt: Sie wolle es »so rischdisch krache lasse«, weil: Ihr sei so »frühlingshaft« zumute, weshalb sie aufs Oktoberfest wolle (wie gesagt: es gibt kein Drehbuch!). Dafür fehle ihr aber ein hessisches Dirndl. »Habbe sie sowas?« Damit kann Schreiter dienen. »Die haben wir unten im Keller.« Klappe, die Szene ist im Kasten. Aber hat überhaupt jemand gefilmt? Nein? Dann alles nochmal von vorne.

Ulf Berger ist Firmeninhaber, Familienvater, Feuerwehrmann, Vorsitzender von »Friedberg hat’s« und neuerdings Filmstar. In den Clips, die Himmighofen produziert, liefert er reparierte Taschen auf dem Adolfsturm aus, saust mit dem Lastenrad über die Kaiserstraße, paddelt im Schlauchboot auf der Wetter, schminkt sich die Lippen passend zur neuen Damenhandtasche knallrot oder zeltet im Burggarten, wo er »Pommes frisch vom Acker« erntet. Dass sich die Ledertaschen, Geldbörsen oder Handybeutel, die Berger in seinem Geschäft verkauft, bei den Abenteuern gut bewähren, ist selbstverständlich, rückt aber angesichts der absurd-komischen Abenteuer fast in den Hintergrund.

Videodreh in Friedberg: Vom Hosenlatz grüßt das Gerippte

Das ist beim Dreh im »Bembeltown« nicht anders. Seit acht Jahren verleiht und verkauft Schreiter in seinen Läden in Frankfurt und Friedberg auch hessische Trachten. Im Oktober boomt das Geschäft. Und wie »Gerda« wollen viele Hessen keine »Söder-Uniform« tragen. Hessische Trachten sind mit Äppelwoi-Applikationen geschmückt, da grüßt das Gerippte vom Hosenlatz und am Ohr der Dame hängt ein Bembelohrring.

Die passende Tasche fürs Handy darf nicht fehlen. Berger hat jede Menge Modelle dabei, Himmighofen will eine »goldige«, »weil ich doch so goldig bin«. Es wird dann eine braune, das Drehbuch ist da, wie gesagt, sehr flexibel.

Die nächste Szene wird im Keller gedreht. Hier werden sonst in Malkursen Bembel »hessisch veredelt«. »Das beliebtestes Motiv ist der Eintracht-Adler«, sagt Seifert, der jetzt Requisiteur spielen muss und aus Vorhängen eine Umkleidekabine improvisiert. »Wir sind schon zwei super Talente«, schwärmt Berger und wirft einen kritischen Blick auf seine Filmpartnerin: »Seh ich nett sexy aus?«, ruft »Gerda«, muss aber erfahren, dass ihre Perücke schief sitzt.

Nächste Szene, Kamera ab: »Gerda« reißt den Vorhang zur Seite, will ein Drindl anprobieren, doch in der Umkleidekabine steht Berger, der an den Hirschhornknöpfen seiner Lederhose herumnestelt. Ein kurzer, irrer Dialog, nach drei Anläufen (»War der Ton an?« »Ich hab den Ton noch nie ausgeschaltet.«) ist die Szene im Kasten. Jetzt fehlt noch die Schleife auf dem Dirndl. Links und somit »schon vergeben«? Oder rechts, was »Single« bedeutet? »Mach die Schleife nach rechts«, kreischt »Gerda«. Sie findet einfach nicht den Topf für den Deckel. »Un des, obwohl ich so wahnsinnig attraktiv bin!« Ein schlagendes Argument, nur: Die Symbolik der Schleifen ist genau umgekehrt! Ein tragischer Moment in dieser Inszenierung.

Videodreh in Friedberg: Mit dem Lastenrad zum nächsten Dreh

Für die Schlusszene vor dem »Bembeltown« besteigt Ulf Berger sein Lastenrad, »Gerda« setzt sich vorne auf die Ablage. »Fahr bloß nicht los. Wir drehen im Stehen und tun nur so als ob.« Seifert drückt die Aufnahmetaste, Berger tritt in die Pedale und »Gerda« stößt einen spitzen Schrei aus. Die Fahrt führt die beiden direkt in ihr nächstes Abenteuer.

Die Filme veröffentlichen Ulf Berger und Jutta Himmighofen auf ihren Facebook- und Instagram-Accounts. Empfehlenswert sind auch die filmischen Stadtführungen von »Gerda Schmidt«, die aktuell ein neues Format erarbeitet: Im Bettenhaus Decher dreht sie »Gerdas Bettgeflüster«. (jw)

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