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Friedberger Bauern machen sich Sorgen um die Kirschernte

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Von: Harald Schuchardt

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laf_kirschen2_280322_4c © Loni Schuchardt

Ockstädter Kirschen- und Obstanbauer blicken sorgenvoll auf die neue Saison: Nicht nur anhaltende Trockenheit bedroht die diesjährige Kirschernte. Auch der Ukraine-Krieg ruft Probleme hervor.

Friedberg - Extremwetter mit Frost, Trockenheit und Starkregen, der zunehmende Kirschendiebstahl, Schädlinge wie Kirschfrucht- und Kirschessigfliege und zuletzt die Corona-Pandemie - das alles haben die Ockstädter Kirschen- und Obstanbauer bisher irgendwie gemeistert. Doch mit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine kommen neue Probleme dazu, wie die steigenden Betriebskosten, vor allem bei Diesel und Dünger, aber auch die Sorge, ob die Erntehelfer aus Osteuropa kommen werden. Und die neuen Regeln beim Einsatz oder besser Nicht-Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln machen die Sorgen der Nebenerwerbslandwirte noch größer.

Kirschernte in Friedberg: Preis für Dünger stark gestiegen

»Alleinigen Kirschenanbau im Vollerwerb gibt es in Deutschland gar nicht mehr«, sagt Werner Margraf, Vorstandsmitglied im Obst- und Gartenbauverein(OGV). Zusammen mit dem OGV-Vorsitzenden Werner Kipp, Schriftführerin Tanja Margraf und Vorstandsmitglied Christine Dönges, blickt Margraf sorgenvoll auf die kommende Kirschensaison. Hauptproblem momentan sind die enorm gestiegenen Preise für Diesel und Dünger.

»Wir benötigen im Jahr 21 000 Liter Diesel«, sagt Christine Dönges, die in ihrem landwirtschaftlichen Betrieb Obst und Getreide anbaut. Doch nicht nur der enorm gestiegene Dieselpreis macht den Obstanbauern zu schaffen.

Beim Dünger ist der Preisanstieg noch extremer. Hat Dönges im letzten Jahr für 100 Kilo des Stickstoffdüngers Kalkammon noch 21 Euro gezahlt, so musste sie im Januar 74 Euro bezahlen. »Aktuell sind es über 100 Euro«, sagt Dönges.

»Wenn wir die Preissteigerungen weitergeben würden, müssten wir bestimmt zwölf Euro pro Kilo Kirschen nehmen,« meint Werner Kipp und Tanja Margraf ergänzt: »Das zahlt hier im ländlichen Raum kaum jemand.« In Frankfurt wurden bereits im letzten Jahr zweistellige Euro-Beträge pro Kilo Kirschen aufgerufen. In Ockstadt lag der Kilo-Preis bei sieben Euro.

Kirschernte in Friedberg: Saisonarbeiter fallen vielleicht aus

Sorgen bereiten den Obstanbauern auch ihre Saisonarbeiter aus Osteuropa. Dönges: »Vier junge Männer aus dem polnischen Lubin, die seit Jahren bei uns arbeiten, sind jetzt zum Militär eingezogen worden und deren Frauen sind als ehrenamtliche Helferinnen an der polnisch-ukrainischen Grenze im Einsatz, um den Flüchtlingen zu helfen.«

Werner Kipp hofft, dass vielleicht Flüchtlinge aus der Ukraine aushelfen könnten. »Wir werden mit der Stadt Kontakt aufnehmen. Viele der geflohenen Frauen suchen ja bereits Arbeit,« sagt Kipp. Gezahlt wird der Mindestlohn von aktuell 10,40 Euro, der im Oktober bekanntlich auf 12 Euro steigt. »Das erhöht die Kosten im nächsten Jahr nochmal«, sagt Werner Margraf.

Von diesem Mindestlohn sind die Kirschenanbauer selbst weit entfernt. »Wir rechnen ja die Zeit, die wir mit der ganzen Familie in Anbau und Verkauf verbringen, gar nicht mit«, meint Margraf und Tanja Margraf ergänzt: »Da käme ein minimaler Stundenlohn heraus.«

Trotzdem wollen die Kirschenanbauer weitermachen und hoffen, dass wenigstens das Wetter mitspielt. Werner Margraf: »Es ist schon wieder viel zu trocken. Die Verdunstung ist wesentlich höher als der Niederschlag.« So fahren etliche Anbauer mit ihren Traktoren bereits wieder Wasser auf ihre Grundstücke, was aber bei den aktuellen Dieselpreisen ins Geld geht.

Kirschernte in Friedberg: Frostnächte drohen

Und es drohen Frostnächte. »Die Aprikosen blühen schon, die trifft es als erste«, meint Dönges, während Kipp sich mit Schrecken an das letztjährige »Katastrophenjahr« mit Frost während der Blüte und Starkregen mitten in der Ernte erinnert. »Am 4. Juli waren es 40 Liter Regen«, erinnert sich Kipp und Margraf ergänzt: »So ein Schlagregen bringt nichts, das Wasser fließt oberflächlich ab.«

Sorgen macht den Obstanabauern schließlich die Bekämpfung der Schädlinge, erhalten doch Schädlingsbekämpfungsmittel nur noch beim Überschreiten bestimmter Schadfälle eine Notzulassung. Werner Margraf: »Die kommt meist zu spät. Das wurde an den Schreibtischen von Menschen entschieden, die keine Ahnung haben.«

Trotz aller Sorgen kann Werner Kipp auch etwas Positives vermelden, das viele freuen dürfte: »Wir wollen im April endlich wieder unsere beliebte Kirschblütenwanderung durchführen«. Wann genau, das liegt - wie vieles, aber längst nicht mehr alles beim Kirschenanbau - am Wetter. (har)

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