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Friedberger Tafelladen: Kapazitäten sind ausgeschöpft

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Von: Jürgen Wagner

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So viel Zeit muss sein: Bevor die Lebensmittel-Ausgabe beginnt, überreicht Peter Radl dem Tafel-Helfer Horst Bernd (2. v. r.) Blumen und gratuliert nachträglich zum 70. Geburtstag. Die Tafeln blicken sorgenvoll in die Zukunft. © Jürgen Wagner

Ukraine-Krieg und Energiekrise sind große Herausforderungen für die Tafeln. Die SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl fordert einen Landeszuschuss, um die ehrenamtliche Arbeit zu sichern.

Wir brauchen einen neuen Kühlwagen«, sagt Peter Radl, Vorsitzender der Friedberger Tafel. Anschaffungspreis: 54 000 Euro. Radl hofft auf Zuschüsse aus Wiesbaden, hat bereits einen »Bettelbrief« ans Sozialministerium geschrieben. Das neue Fahrzeug, es wäre der vierte Kühlwagen, sei für die Arbeit dringend nötig. »Wir wollen unseren Helfern schließlich einen ordentlichen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen.«

Die Tafeln sind auf Spenden angewiesen. Nur so lässt sich die Unterstützung Bedürftiger mit günstigen Lebensmitteln aufrecht erhalten. In Krisenzeiten ist das schwierig. Die SPD-Fraktion im Hessischen Landtag fordert daher einen Landeszuschuss für die Tafeln. Lisa Gnadl, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion und sozialpolitische Sprecherin: »Eine Sondersituation, wie wir sie momentan haben, erfordert eine schnelle Lösung, damit die Tafeln, die sich mit weniger Spenden und mehr Bedürftigen konfrontiert sehen, zumindest handlungsfähig bleiben.«

Immer mehr Menschen bekämen die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine zu spüren und seien auf Lebensmittel der Tafeln angewiesen, sagt Gnadl. Steigende Energie- und Lebensmittelpreise seien gerade für Geringverdiener und Menschen, die an der Armutsgrenze lebten, ein großes Problem. Während das Land in der Pandemie die Tafeln mit 1,25 Millionen Euro zur Begleichung laufender Kosten großzügig unterstützt habe, hätten sie im vergangenen Jahr noch 150 000 Euro erhalten.

Gnadl (SPD) fordert Landeszuschuss

Ob sich Schwarzgrün in diesem Jahr zu einem zusätzlichen Zuschuss durchringen könne, sei nach Presseberichten unklar. Für Gnadl ist dies aber »ein Gebot der Stunde.« Die Wetterauer SPD-Politikerin betont dabei, dass Tafeln und Ehrenamt nicht alles auffangen könnten und die Zahl der Bedürftigen perspektivisch verringert werden müsse. »Wenn immer mehr Menschen bedürftig werden und auf Lebensmittel der Tafeln angewiesen sind, dann stimmt etwas nicht mehr in unserem Sozialstaat.«

Peter Radl würde einen Landeszuschuss begrüßen, keine Frage. »Der muss nicht regelmäßig sein, aber hoch«, sagt er augenzwinkernd. Als Tafel-Vorsitzender habe er »Spenden« stets im Kopf. Lieber wäre es ihm freilich, die Tafel hätte sie schon auf dem Konto. Vor drei Wochen gab die Tafel bekannt, dass durch den Ansturm von Flüchtlingen aus der Ukraine derzeit keine neuen Kunden aufnimmt. »Wir sind an der Kapazitätsgrenze«, sagt Radl. Der Lagerplatz ist ausgereizt, mehr als 100 Lebensmittelkisten können nicht gepackt werden. »Lebensmittel bekommen wir derzeit genügend.« Nur lange haltbare Artikel wie Nudeln, Reis oder Konservendosen fehlten. Die Hamsterkäufe bestimmter Produkte hinterlassen ihre Wirkung. Privatleute brachten Kartons mit Dosen vorbei. Zukaufen darf die Tafel solche Artikel aus steuerlichen Gründen nicht.

In Friedberg gelten strikte Regeln

Was Radl ebenfalls Sorgen macht: Aufgrund des großen Andrangs im Tafelladen kommen die Helfer eine halbe Stunde früher, viele arbeiten ohne größere Pausen, fangen vormittags an, hören erst um 17 Uhr auf. Die körperliche Belastung sei hoch, jede helfende Hand sei willkommen.

Sind die Tafeln aufgrund der aktuellen Krisen in ihrem Bestand gefährdet? Radl schüttelt den Kopf. »Die Tafeln« gebe es nicht, jede Tafel arbeite selbstständig, sei für ihren Betrieb allein verantwortlich. Bundes- und Landesverbände könnten nur Empfehlungen aussprechen. Die Friedberger Tafel sieht Radl gut aufgestellt. Während in anderen Tafelläden die Kunden freie Wahl haben, kaufen sie hier vorsortierte Kisten. Es wird Wert gelegt auf ausgewogene Ernährung, jeder bekommt das gleiche, niemand wird bevorzugt. Kunden, die ihre Kiste nicht abholen, ohne vorher Bescheid zu geben, müssen sie trotzdem bezahlen. »Die Lebensmittel müssen wir dann ja entsorgen.« Kunden, die dreimal unentschuldigt nicht erscheinen, werden für ein halbes Jahr gesperrt. »Wir handhaben das relativ stringent. Das sind wir unseren Kunden schuldig«, sagt Radl. Und auch all jenen, die auf der Warteliste der Tafel-Kunden stehen.

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