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Für das seltenes Vogelschauspiel gibt’s eine Belohnung

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Von: Jürgen Wagner

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Vogelschützer Udo Seum von der NABU freut sich über die neue Saatkrähen-Kolonie. Die Vögel stehen unter Naturschutz, doch nicht überall werden sie geduldet. In Dorheim ist dies dank der tierlieben Nachbarn kein Problem. © Nicole Merz

In der Wetterau gibt es vier Kolonien der seltenen Saatkrähen. Nicht jeder nimmt Rücksicht auf Saatkrähen, vor Jahrzehnten wurden sie gar Opfer einer Fake-News-Kampagne.

Saatkrähe - der Name scheint alles zu sagen: Diese Rabenvögel fressen den Bauern die Saat weg! So dachte man früher und machte Jagd auf die schwarzen Vögel, die im Gegensatz zu anderen Raben und Krähen Kolonien bilden und im Verbund leben. So waren sie leichte Beute für Jäger, sagt der Biologie Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornothologie und Naturschutz (HGON).

Das waren Fake News, den Saatkrähen wurde übel mitgespielt. Die Vögel ernähren sich keineswegs nur von der Saat auf den Äckern. Gerade während der Aufzucht bevorzugen sie tierische Nahrung, jagen Regenwürmer, Insektenlarven, Laufkäfer und auch Mäuse. Stübing: »Saatkrähen sind also durchaus von Nutzen für die Landwirtschaft.«

Trotzdem waren sie hessenweit fast ausgerottet. »In der Wetterau war die Art mehr als 60 Jahre lang sogar komplett verschwunden«, sagt Stübing. Bis sich Saatkrähen 2015 in Karben und ein Jahr später in Schwalheim ansiedelten. Aktuell gibt es vier Kolonien in der Wetterau: Am Bahnhof in Friedberg, im Stadener Park, in Bruchenbrücken und am Gehöft »Dorheimer Grund«, direkt an der B 455 und dem Abzweig der »Hohen Straße« in Richtung Echzell.

Ein rauhes »Arrrgh« am frühen Morgen

»Die kamen im Februar. Sie kamen und sind geblieben«, freut sich Kathrin Laubach, die seit 40 Jahren auf dem Gehöft lebt und ein naturverbundener Mensch ist. Dabei sind Saatkrähen durchaus laut. »Morgen ums halb Sechs geht’s los.« Dann geben sie ein rauhes, heiseres »Arrrrgh« von sich. »Dieses Naturereignis erlebt man nicht so oft«, sagt Laubach.

Nicht umsonst hielten selbst im Feierabendverkehr Autos an, um die Kolonie zu fotografieren. Den Saatkrähen gefällt es offenbar in Dorheim. Vor allem aber werden sie hier nicht vertrieben. Das ist laut den Vogelschützern immer mal wieder der Fall. Mitglieder der HGON und des Nabu haben zwei Jahrer lang eine Kolonie in Wölfersheim beobachtet. Jetzt ist sie verschwunden. »Vielleicht hat der Waschbär die Tiere vertrieben«, meint Vogelschützer Udo Seum. Oder war’s der Mensch?

Die Kolonie direkt an der B 455 bei Dorheim zählt rund 40 Nester. Fast ein Viertel der rund 170 Wetterauer Brutpaare nistet hier. Im April begannen sie mit dem Nestbau. Laubach: »Man konnte beobachten, wie sie dafür kleine Äste sammelten.« Dazu muss man wissen, dass verwandte Vögel wie die Rabenkrähen keine anderen Nester in einem Umreis von rund 500 Meter dulden, wie Seum erläutert. Auch am »Dorheimer Grund« ist das Schauspiel bald vorbei. Stübing: »Saatkrähen sind Frühbrüter. Ab Mai verlassen sie die Kolonie wieder.«

Ein unerwartetes Geschenk

Als die Vogelschützer von der Kolonie erfuhren und hörten, dass sich Kathrin Laubach rührend um die Vögel kümmert, ihnen Körner und ein Wasserbad hinstellt, beschlossen Seum und Stübing, dieses Engagement zu belohnen. Was sie nicht wussten: Laubach feierte am Sonntag im Hof mit der Familie Geburtstag. Die 300 Euro, die Seum und Stübing überreichtem, waren ein unerwartetes Geschenk. HGON und Nabu hoffen auf Nachahmer, die genauso behutsam mit diesen geschützten Tieren umgehen.

Für Laubach und ihre Familie ist der liebevolle Umgang mit Tieren eine Selbstverständlichkeit. Die Familie bekommt öfter Besuch von Reihern, die majestätisch über die Felder schreiten. Oder von zugelaufenen Pferden. Über 30 Jahre lang hielt die Familie Freilandgänse auf dem Hof. Katzen leben hier, Hofhund Ben beschnuppert jeden Besucher, und im Stall des 1986 aufgegebenen landwirtschaftlichen Betriebs stehen noch drei Pferde und zwei Schaafe, die regelmäßig im Sommer Besuch bekommen. »Wir haben Rauchschwalben im Stall.« Die stehen auf der Roten Liste der bedrohten Tiere. Im tierlieben Gehöft »Dorheimer Grund« sind sie gut aufgehoben.

Wie sich Saat- und Rabenkrähen unterscheiden

In Hessen gab es um 1970 nur noch 200 Saatkrähen-Paare. Sie wurden systematisch ausgerottet. Mittlerweile hat sich der Bestand auf etwa 3000 Paare mit Schwerpunkt auf den Raum Frankfurt erholt. Während Rabenkrähen überall in Hessen weit verbreitet sind, kommt die Saatkrähe als Brutvogel nur entlang der Täler von Rhein und Main vor. Von dort erstreckt sich das Vorkommen bis in die Wetterau und das Kinzigtal bis Gelnhausen. Saatkrähen kriegen bis zu vier Junge; in Dorheim sind es laut den Vogelschützern nur ein bis zwei pro Nest, was mit der jüngsten Trockenheit zusammenhängt. Stefan Stübing: »2021 hatten wir das kälteste Frühjahr seit 40 Jahren. Viele Vogelarten haben die Hälfte ihres Bestandes eingebüßt. Der Klimawandel sorgt dafür, dass die Extreme zunehmen.« Saat- und Rabenkrähen sind etwa taubengroß und sehen sich ähnlich. Allerdings hat die erwachsene Saatkrähe unter dem Schnabel eine weiße, ungefiederte Basis. Rabenkrähen, aber auch junge Saatkrähen bis zu einem Jahr sind vom Schnabel bis zum Schwanz schwarz. Saatkrähen können laut sein und hinterlassen weiß-graue Kotflecken. Autofahrer sollten im Frühjahr nicht unter den Brutbäumen parken. An der Stelle solcher Kolonien kann zwar der Eindruck eines starken Auftretens entstehen, tatsächlich ist die nächste Kolonie aber meist viele Kilometer entfernt. In Hessen gibt es nicht einmal 100 solcher Kolonien, die Hälfte davon mit weniger als zehn Paaren, im Wetteraukreis sind es lediglich vier. Damit ist »die Saatkrähe ein landesweit sehr seltener Brutvogel, und jede Kolonie ist zur Bestandserhaltung wichtig«, sagt der Biologe Stübing.

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Geburtstagsgeschenk für die Vogelfreunde (v. l.): Stefan Stübing und Udo Seum überraschen Marlene, Kathrin und Ernst Laubach sowie Anna Ewald vom Hof »Dorheimer Grund«. © Jürgen Wagner
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jw_saatkraehesolo_170522_4c_3 © Red

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