1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Friedberg

Gemeinsam regt es sich besser auf

Erstellt: Aktualisiert:

Von: red Redaktion

Kommentare

koe_FLL_Martenstein_2_05_4c
»Ich bin ein böser alter Sack. Ich bin wirklich das Letzte. Aber was soll ich machen? Für eine Therapie bin ich zu alt«, sagt Harald Martenstein. © pv

Friedberg. »Ich bin ein böser alter Sack. Ich bin wirklich das Letzte. Aber was soll ich machen? Für eine Therapie bin ich zu alt.« So mancher seiner Gegner (für den einen oder anderen möchte sogar das Wort »Feind« das passendere sein) würde diese Aussage Harald Martensteins über sich selbst sofort unterschreiben. Der Journalist und Kolumnist, der für den »Tagesspiegel« schrieb und für die »Zeit« und die »Welt« schreibt, ist einer, der aneckt.

Aus Überzeugung. Bestimmt auch aus Vergnügen. Und ganz sicher, weil man das als Kolumnist sowieso hin und wieder tun muss.

Einer der Besten seiner Zunft

Es liegt allerdings in der Natur der Kolumne, dass eine so vordergründig böse Aussage eben auch zum Lachen sein darf. Zum Beispiel für das Publikum im Saal der Augustinerschule in Friedberg. Dort ist Martenstein an diesem Abend im Zuge der Reihe »Friedberg lässt lesen« von Ovag, Sparkasse Oberhessen, Stadt Friedberg und der Buchhandlung Bindernagel zu Gast und zeigt einmal mehr, warum er zu den Besten seiner Zunft gehört.

Das Bekenntnis, »das Letzte« zu sein stammt natürlich aus einem von Martensteins Texten, die der Autor an diesem Abend aus seiner neuesten Kolumnensammlung »Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff« vorträgt. Es geht darin um die Rubrik »Vermischtes« in der Zeitung. Die Klatsch-und-Tratsch-Seite voller Prominenter und solchen, die es sein wollen. Um Könige, Filmstars und Models. Darum, dass Martenstein sie liest, um sich aufzuregen. Weil sich dort allzu oft Halbwahrheiten und Hörensagen die Klinke in die Hand geben über Dinge, die, bei Lichte betrachtet, doch sehr, sehr belanglos sind. Und eben, weil er ein alter Sack sei. So. Der Text endet mit: »Ich kann gar nicht leben ohne dieses Zeug.« Und irgendwie ist plötzlich jeder im Publikum selbst ein bisschen böse, ein bisschen alt, ein bisschen das Letzte. Denn Martenstein gelingt es auch nach über 20 Jahren kolumnistischem Schreiben, den Alltag und unseren Umgang damit so präzise und zugleich unterhaltsam zu sezieren, dass man sich als Zuhörer geradezu wiederfinden muss: Wer von uns noch nie im Supermarkt heimlich die Revolverblätter flüchtig durchgeblättert hat, der verbreite das erste Gerücht.

Natürlich beschäftigt sich Martenstein in seinen Texten auch mit der Corona-Pandemie. Obwohl er, wie er im Vorwort seines Buches schreibt, nur wenige Kolumnen über dieses Thema mit hineingenommen habe, »denn Corona-Kolumnen veralten schnell«. Im Text »Blutiger Sonntag« zeigt der Autor, dass es manchmal nicht mehr braucht, als schlichte Beschreibung, was ja quasi der Kern des Journalismus ist. Es geht um den Versuch, gemeinsam und spontan sonntagmorgens einen Antikörper-Test zu machen.

Große Lust auf Kultur

Martenstein beschreibt. Man hat Bilder im Kopf. Die Komik kommt ganz von selbst. Das ist für Publikum und Autor ein großer Spaß.

Was bei der Lesung in Bezug auf Corona noch auffällt: Die Menschen haben offenbar große Lust auf Kultur, aufs Ausgehen, einen schönen Abend. Der Saal ist ausverkauft. Ein besonders großer Martenstein-Fan hat gar gleich seine Geburtstagsfeier in den Saal verlegt und viele Freunde mitgebracht. Das hat es so auch noch nicht gegeben bei »Friedberg lässt lesen«.

Im Laufe des Abends wird auch klar: Martenstein ist sich seiner Rolle, seinen Privilegien sehr bewusst. »Mein Kompass ist der Glaube daran, dass wir alle frei und mit gleichen Rechten geboren wurden«, schreibt er im Vorwort seines Buches. Die Grenzen bestimmten Gesetze, und nicht irgendein wütender Mob. Das halte er für vernünftig. Und Vernunft sei eine starke Kraft. Es ist auch das Spiel mit dieser Vernunft, die seinen Kolumnen oft das gewisse Feuer gibt, das viele seiner Fans so mögen.

Heute ist er vor allem auch einer, der immer wieder dazu anregt, sich mit Andersdenkenden auch wirklich auseinanderzusetzen, statt nur reflexartig auszugrenzen. Vor allem aber ist Harald Martenstein mit der Feder oder besser: an der Tastatur nach wie vor einer der Besten. Das Friedberger Publikum erkennt das mit lang anhaltendem Applaus zum Ende der Lesung an. Michel Kaufmann

Auch interessant

Kommentare