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Geschichten der Stadtkirchenuhr

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Von: red Redaktion

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Das Ziffernblatt der Friedberger Stadtkirchenuhr soll überholt werden. © pv

Friedberg (pm). Wer sich zu Fuß durch eine alte Stadt wie Friedberg bewegt und Türme sieht, neigt dazu, an diesen hinaufzuschauen. Sofern dort eine Uhr angebracht ist, dürfte der Passant vermutlich oftmals die ablesbare Uhrzeit mit jener der eigenen Armbanduhr oder auf dem Handy vergleichen.

So haben wohl auch nahezu alle Friedberger längst bemerkt, dass die von der Kaiserstraße zu sehende westliche Stadtkirchenuhr durch ein wildes Gemisch von dunklen und hellen Flecken nicht mehr lesbar ist. Dieser Zustand hat sich im Jahrzehnt seit der letzten Zifferblatterneuerung durch Witterungseinflüsse entwickelt und wartet auf eine grundlegende Reparatur.

Reparatur erfordert spezielle Maßnahme

Diese wäre längst geschehen, wenn sich die stattliche runde Blechtafel von immerhin drei Meter Durchmesser in leicht erreichbarer und nicht in 35 Meter Höhe befände. Stattdessen sind, zur Vermeidung sehr aufwendiger Gerüststellung, andere komplizierte Maßnahmen erforderlich.

Wenn dies gelingt, werden oben zunächst die Uhrzeiger ab- und dann das aus ursprünglich zwei halbrunden Feldern bestehende Zifferblatt heruntergenommen. Nur zu ebener Erde kann dann die riesige Blechtafel untersucht und repariert werden, damit darauf nach soliderer Grundierung der weiße, deckende Anstrich erfolgen kann.

Darauf sind mit schwarzer Farbe noch die aus römischen Großbuchstaben bestehenden Zahlen samt der Minutenmarkierungen und das dunkelrote Randprofil kunstvoll aufzumalen. Das Aufziehen der halben Tafelteile, ihr Montieren auf die verschieferte Turmwand oberhalb der Glockenstube und das Einrichten der Zeiger mag die Aktion glücklich beenden.

Die älteste aussagekräftige Ansicht der Stadtkirche mit dem immerhin höchsten Turm Friedbergs, im späten 16. Jahrhundert entstanden, lässt noch keine Uhr erkennen. Genau so unklar sind die zahlreichen, in der Regel als Stiche verbreiteten, Stadtansichten des darauffolgenden Säkulums. In diesem, das für die Stadt ohnehin durch die Folgen des 30-jährige Kriegs eine deutliche Verarmung brachte, wird es vermutlich auch noch keine Stadtkirchenuhr gegeben haben.

Abbildungen erst nach dem Jahr 1800

Etwas anders dürfte es 100 Jahre später gewesen sein, wovon es allerdings keine Nachricht gibt. Erst nach 1800 gibt es präzisere Abbildungen des Kirchengebäudes. So zeichnete im Jahr 1826 der angehende Architekt Max Hessemer die Stadtkirchenwestseite mit einer damals bestehenden großen Turmuhr so, wie man sie bis heute kennt. Ein im Jahrzehnt später entstandener Stahlstich der Kirchensüdseite lässt dort ein Zifferblatt vermissen, während eine ebenfalls in der ersten Jahrhunderthälfte entstandene Zeichnung eines Unbekannten die westliche Uhrentafel als dunkel angemalt überliefert.

Die heute vertraute Turmansicht mit drei großen weißen Zifferblättern, je an Nord-, West- und Südseite, muss demnach seit spätestens den Jahren nach 1860 existieren und somit zur unveränderlichen Stadtkirchen-Ansicht gehören. Das zentrale Uhrwerk weiter unten im Turmschaft, täglich aufzuziehen, sandte nach oben und nach drei Seiten drehbare Gestänge aus, die die jeweiligen Zeiger steuerten. Zugleich löste das mechanische Werk die jeweiligen viertel-, halb- und ganzstündigen Glöckenanschläge aus. Das Ganze bediente und betreute ein von der Stadt Friedberg beauftragter Mann, der in Kirchennähe wohnte und somit jeden Tag zur Verrichtung seines Dienstes den Turm besteigen musste, um die Uhrgewichte aufzuziehen.

Läutemaschine um 1960 etabliert

Zur selben, seit Reichsstadt-Zeiten unveränderten Aufgabe eines vom Rat der Stadt beauftragten Besorgers, zählte noch bis in die Jahre um 1960 das Läuten der jeweils für das »Bürgerliche Läuten« zuständigen Glocke.

Dies geschah am Morgen zum Schulanfang, zum Mittag und zum Abend, in der Regel vom Küster zusätzlich übernommen. Erst mit Einrichtung der elektrischen Läutemaschinen um das Jahr 1960 und dem Austauschen des zentralen Uhrwerks zu elektronischer Fernsteuerung konnte die Stadt diese personellen Dienste einsparen.

Dass hierbei die traditionellen Glockenschläge der Zeitangaben unpräzise vereinfacht wurden, geschah ohne Beanstandung von außen. Und als um 1990 das bisher städtische Eigentum des Bauwerks Stadtkirchturm gänzlich in kirchliche Hände abgelöst wurde, betraf dies auch die zuvor immer als öffentliche Aufgabe angesehene Pflege des Uhrwerks - anders als in den meisten Städten Deutschlands mit vergleichbaren Traditionen.

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