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Hausarrest fürs Federvieh auch im Wetteraukreis

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Daniel Goldhammer und Lebengefährtin Sandra Gerresheim betreiben die Borsdorfer »Eierschachtel«. © Myriam Lenz

Mit einer Aufstallpflicht in einigen Gebieten will der Wetteraukreis die Tierbestände schützen. Wie kommen gewerbliche Betriebe wie die Borsdorfer Eierschachtel oder Hobbyzüchter damit zurecht?

Wetteraukreis - Die Hühner waren irritiert: Der Zugang zu dem Freigelände wollte sich nicht öffnen. Die Ursache für den Hausarrest in der Borsdorfer Eierschachtel steht in der Allgemeinverfügung zur Vogelgrippe des Wetteraukreises vom 20. Januar.

Vogelgrippe, Geflügelpest, Aviäre Influenza, die drei Namen stehen für einen Krankheitskomplex, für einen Influenzatyp. Am 18. Januar wurden in Gießen eine infizierte Wildgans und im Main-Kinzig-Kreis eine erkrankte Kanada-Gans gefunden.

Kurz darauf bestätigte sich die Infektion eines Storches in Bad Vilbel und einer Wildgans in Florstadt-Staden mit dem Geflügelgrippevirus H5N1. Vor allem Wild- und Wasservögel übertragen den Erreger. Die Gefahr, dass sie über den direkten Kontakt, Staub oder Kot Haustiere anstecken, ist groß.

Vorsicht vor Vogelgrippe: Aufstallungspflicht im Wetteraukreis

Aus diesem Grund hatte der Wetteraukreis die Aufstallungspflicht angeordnet.

Die Türen der sieben Offenställe der Borsdorfer Eierschachtel bleiben erst einmal geschlossen. In jedem halten Goldhammer und seine Lebensgefährtin Sandra Gerresheim 850 Hühner, die von dort normalerweise direkten Zugang zu großen Wiesenflächen haben. Täglich erhalten sie rund 4600 Eier, die sie vorwiegend im Einzelhandel der Region verkaufen.

»Würde es einen bestätigten Fall in unserem Bestand geben, ist es fraglich, wie es weitergeht. Das Risiko ist groß«, sagt Goldhammer. Bei mehr als 1000 gehaltenen Tieren greift auch für die Borsdorfer Eierschachtel die Stallpflicht.

Es ist nicht der erste drohende Ausbruch der Vogelgrippe. Trotzdem war der Tierhalter diesmal überrascht, zumal sich die Situation in Norddeutschland bereits wieder entspannt hatte. »Die Verordnung kam schlagartig«, erzählt er, eine große Vorbereitung sei nicht drin gewesen. Mit etwas Vorlauf hätte er die Tiere langsam an eine verkürzte Auslaufzeit gewöhnt. Nun blieb das Geflügel Knall auf Fall im Stall. Nach zwei bis drei Tagen hatten die Hühner sich damit abgefunden. Die Offenställe mit ihren Wintergärten bieten ihnen noch einen größeren Bewegungsspielraum als manch andere Ställe. Es bleiben 100 Quadratmeter pro Gruppe. Der Stall ist mit Stroh eingestreut, es gibt Staubbäder für die Pflege des Gefieders, Magensteinchen in einem Futtertrog. »Dadurch fühlen sich die Hühner weiterhin wohl, sind zufrieden und beschäftigt.«

Die Möglichkeit zu picken, ist allerdings eingeschränkt. Das Geflügel frisst nun ausschließlich Legehennenfutter und trinkt Frischwasser, was die Legeleistung im Gegensatz zur Freilandhaltung sogar noch erhöht. Wenn die Hühner morgens um 4 Uhr aufstehen, startet die Lichtsteuerung über eine Dauer von 15 Stunden. Auch diese Zeit sei gleichgeblieben. Aufgrund des Stallsystems sei der Aufwand nicht größer, berichtet Goldhammer.

Aufstallpflicht in der Wetterau: Probleme für das Wassergeflügel

Betroffen von der Allgemeinverfügung sind auch zahlreiche Hobbyzüchter- und halter in der Region. Thomas Müller ist Vorsitzender der Geflügelzüchter im Kreisverband Wetterau. Die Mitglieder kommen aus Reichelsheim, Florstadt, Wölfersheim, Friedberg-Ockstadt, Echzell-Bingenheim und Bad Nauheim.

»Dass die Tiere nun eingesperrt werden müssen, ist nicht gut. Die Tiere haben weniger Platz und geringeren Auslauf«, sagt der Vorsitzende. Mit Bedauern nimmt er die Rückmeldungen seiner Mitglieder zur Kenntnis, die ihren Bestand aufgrund des Platzmangels nun verkleinern, Tiere verkaufen oder schlachten.

Es gäbe auch Halter, die mit großem Aufwand und zusätzlichen Kosten die Volieren abdecken. »Wassergeflügel wie Enten, Gänse oder Puten müssen ins Wasser. Das kann man im Stall nicht bieten. Wenn Sie eine Bütte aufstellen, wird der Boden nass.« Auf rund 15 bis 20 Prozent schätzt er den Anteil des Wassergeflügels im Kreisverband.

Die Maßnahmen hält Müller für einen Schnellschuss. »Heute wird jeder Vogel, der irgendwo liegt, sofort untersucht. Wenn er etwas hat, wird gleich die Aufstallung angeordnet«, und fragt sich, was mit Kanada-Gänsen im Bingenheimer Ried oder den Wildenten im Kurpark in Bad Nauheim wäre. »Wir Züchter tun schon alles für die Gesundheit der Tiere und bekommen dann gesagt, ›jetzt müsst Ihr sie einsperren’.«

Die Folgen würden nicht berücksichtigt. »Die Enge im Stall kann zu Kannibalismus führen.« Das heißt, die Hühner picken sich gegenseitig die Federn heraus. Der Züchter müssten dann reagieren, reduzieren oder im schlimmsten Fall schlachten.

Ungern erinnert sich Müller an die Vogelgrippe, die 2016 aufgetreten war. Die Stallpflicht hätte über mehrere Wochen gedauert. »In dieser Zeit haben wir sehr viele Mitglieder verloren.« Der Vorsitzende der Geflügelzüchter hätte sich gewünscht, dass die Züchter die Informationen nicht nur aus der Zeitung oder das Internet erfahren hätten, sondern die Vorstände der drei Kreisverbände informiert worden wären.

Daniel Goldhammer hofft auf einen Impfstoff gegen die Vogelgrippe. Das Auftreten der Krankheit würde immer häufiger registriert. »Es wäre an der Zeit, einen Impfstoff zu haben, um die Gefahr zu reduzieren oder zu eliminieren.«

Dauer der Stallpflicht in der Wetterau ungewiss: Zahlreiche Risiken sind abzuwägen

Eine schnelle Aufhebung der Stallpflicht scheint allerdings nicht in Sicht zu sein. Es wurden weitere verendete Vögel zur Untersuchung zum Landesbetrieb Hessisches Landeslabor gebracht. »Die Ergebnisse stehen noch aus«, erklärt Michael Elsaß, Pressesprecher des Wetteraukreises, auf Anfrage dieser Zeitung.

Wann die Verfügung zurückgenommen werden kann, hängt von einer Risikoeinschätzung ab. Die örtlichen Gegebenheiten einschließlich der Nähe zu einem Feuchtbiotop oder Gewässer, in dem sich wildlebende Wat- und Wasservögel sammeln, rasten oder brüten, liegen dieser Bewertung zugrunde.

Zudem wird das Vorkommen oder Verhalten von Wildvögeln, wie die aus dem Süden zurückkehrenden Vögelzüge, berücksichtigt. Darüber hinaus sind die Geflügeldichte sowie weitere Funde relevant. Die Bewertung des Friedrich-Loeffler-Institutes fließt ebenfalls in die Entscheidung mit ein.

Diese Gebiete im Wetteraukreis sind betroffen

Die Allgemeinverfügung des Wetteraukreises vom 20. Januar gilt für Geflügel in der Nähe von Feuchtgebieten des Wetterauer Auenverbunds entlang der Horloff, der Nidda und der Wetter sowie den Ortschaften Berstadt, Ober-Widdersheim, Unter-Widdersheim und Grund-Schwalheim.

Später wurden auch Bad Vilbel mit seinen Ortsteilen sowie Echzell, Reichelsheim und Florstadt, jeweils mit den gesamten Ortsteilen, zu Risikogebieten erklärt. Von der Stallpflicht sind im Kreis zirka 285 Geflügelhalter, davon 15 größere Betriebe mit mehr als 1000 Tieren, betroffen. Ausstellungen sind ebenfalls untersagt.

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In der Stallung der Borsdorfer »Eierschachtel«: Hier geht es eigentlich zum Auslauf, aber der ist vorläufig gestrichen. © Myriam Lenz

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