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Hühnerkeulen und gute Gespräche unterm Abendmahlfenster

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Von: Jürgen Wagner

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jw_kirche3_300422_4c © Nicole Merz

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Hähnchenkeule, Kartoffeln und Gemüse sollten nicht fehlen. Das und mehr gibt’s beim »Gemeinsamen Mittagessen« in der Friedberger Stadtkirche.

Die Lage des »Speisesaals« in der Friedberger Stadtkirche wurde nicht zufällig gewählt: Tische und Stühle sind unter dem Abendmahlfenster aufgebaut, das Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Treffen vor der Kreuzigung zeigt. Das Abendmahl steht für »Gemeinschaft«, dies ist auch die Übersetzung des lateinischen Wortes »Kommunion«. Das »Gemeinsame Mittagessen« der Evangelischen Kirchengemeinde will genau dies schaffen: Gemeinschaft.

Gut zwei Jahre lang war dies nicht möglich. Während der Pandemie wurde die beliebte Veranstaltung, zu der in Spitzenzeiten gut 50 Menschen kamen, eingestellt. Der Abschied von Pfarrerin Susanne Domnick und die Tatsache, dass die Aktiven des »alten« Teams tatsächlich nicht mehr die Jüngsten waren, kamen hinzu.

»Das hat gefehlt«, sagt ein 78-jähriger Rentner, der gerade mit Genuss ein Hühnerbein verspeist. »Die Leute haben sich schon gefragt, wann das wieder angeboten wird.« Diese Frage hat man sich auch in der Evangelischen Kirchengemeinde gestellt. Und entschieden: Ja, wir machen das wieder.

Die Organisation hat Gemeindepädagogin Tine Hölzinger übernommen. Helferinnen und Helfer zu finden, sei nicht schwer gewesen. »Es gab viel Resonanz«, erzählt sie. So übernehmen bei der Premiere der Neuauflage acht Mitglieder einer iranischen Gruppe in der Kirchengemeinde die Essensausgabe und die Bedienung. Das klappt vorzüglich: Die Gäste nehmen Platz, werden freundlich begrüßt, und so schnell wie in vermutlich keinem anderen Lokal der Welt steht schon ein gut gefüllter Teller vor einem auf dem Tisch. Wasser oder Apfelsaft werden prompt gebracht, dem netten Service bescheinigt man gerne Sterne-Niveau.

Neue Küche und neues Service-Team

Das Essen schmeckt vorzüglich. Seit die Veranstaltung im September 2005 aus der Taufe gehoben wurde, lieferte die Küche des Karl-Wagner-Hauses das Essen. »Das klappt nicht mehr; wir haben mit der Diakonie-Werkstatt einen neuen Kooperationspartner gefunden«, sagt Hölzinger. Als Nachtisch wird ein saftiger Fanta-Kuchen gereicht. Dass alle genüsslich kauen, beantwortet die Frage, ob’s schmeckt.

»Keiner soll bei dieser Veranstaltung ausgeschlossen werden«, sagt Hölzinger. Deshalb - und dank finanzieller Unterstützung des Dekanats - sind die Preise niedrig: Erwachsene zahlen 1 Euro, Kinder 50 Cent. Wer mehr hat, zahlt 4,50 Euro. »Viele haben heute 5 Euro gegeben«, sagt Karin Rogalski, die am Eingang hinter der Kasse sitzt. Das mag damit zusammenhängen, dass auch Friedberger gekommen sind, die sich jeden Tag ein warmes Mittagessen leisten können, aber die Atmosphäre des »Gemeinsamen Mittagessens« schätzen. Wie Ortsvorsteher Rudi Mwese von den Grünen. »Bislang hat das bei mir nie geklappt, jetzt hatte ich Zeit. Wegen der Pandemie sollte man vorsichtig sein. Aber es ist gut, dass wieder Leben in die Stadt einzieht.« Eine 66-jährige Friedbergerin hat die Weihnachtsfeier des »Gemeinsamen Mittagessens« vermisst. Umso mehr freut sie sich, heute wieder hier sein zu dürfen. »Ich kenne die Frau dort drüben und den Herrn dort«, zählt sie auf. Flüchtige, aber liebgewordene Bekanntschaften, mit denen man ein Schwätzchen halten kann.

Ein Angebot der Nächstenliebe

Kaum haben die meisten Anwesenden gegessen, plappern alle wild durcheinander, lachen, freuen sich, erzählen sich lustige Begebenheiten. »Wir wollen Menschen erreichen, denen es nicht so gut geht«, sagt Wolfgang Dittrich, Referent für gesellschaftliche Verantwortung beim Evangelischen Dekanat. Das Gemeinsame Mittagessen sei »ein Angebot der Nächstenliebe. Jeder und jede ist willkommen.« Für Christen sei diese Haltung selbstverständlich.

Es ist ein Kommen und Gehen. Immer wieder schauen auch Spaziergänger vorbei, haben das Schild vorm Brautportal gesehen, sind zuerst neugierig und dann erstaunt über die muntere Tischgesellschaft. Ein Motorradfahrer nutzt die Gelegenheit. »Ich habe von einem Freund davon erfahren. Ich wollte gar nicht so viel essen, aber es schmeckt lecker«, sagt er und widmet sich wieder dem Hähnchenschenkel.

Nach einer halben Stunde sind bereits 30 Gäste versorgt. Für 50 wurde eingekauft. Tine Hölzinger wünscht sich, dass sie und ihr Team künftig noch mehr Gäste begrüßen. »Normalerweise würden diese Menschen nicht miteinander ins Gespräch kommen.« Die Stadtkirche aber ist der ideale Raum hierfür. Zumal noch viel Platz frei ist. Die Tafel unterm Abendmahlfenster lässt sich noch deutlich erweitern.

Das »Gemeinsame Mittagessen« der Evangelischen Kirchengemeinde Friedberg wird jeden Freitag um 12 Uhr in der Stadtkirche angeboten (Eingang am Brautportal). Erwachsene zahlen 1 Euro, Kinder 50 Cent; wer mehr zahlen, zahlt 4,50 Euro.

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jw_kirche1_300422_4c © Nicole Merz

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