1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Friedberg

IHK-Vize-Präsidentin: Ausbildung ist keine Sackgasse

Erstellt:

Von: Jürgen Wagner

Kommentare

jw_messe4_220922
Weniger bekannte Berufe stehen bei der Ausbildungsmesse in Friedberg im Fokus. Hier der Stand der Firma Grimmel aus Ober-Mörlen. © Nicole Merz

Nach zwei Jahren Corona-Pause lud die IHK zum »Berufswegekompass« in Friedberg ein: Azubis und Fachkräfte heimischer Firmen informierten über Ausbildungsplätze. Der Andrang war groß.

Der Trend hält an: Die meisten jungen Leute wollen studieren. »Erst auf die Burg, dann Uni, dann Immobilienmakler«, sagt ein 15-Jähriger aus einer 9. Klasse der Geschwister-Scholl-Schule Niddatal. Sein Klassenkamerad will mal ein Unternehmen gründen. Also: »BWL studieren.« Aline und Shea von der gleichen Schule wollen lieber eine Ausbildung machen. »Erzieherin.« »Büro. In einem Autohaus oder bei der Stadt.«

Fragt man Selin Gerdt und Emily Lina Masch, ist Letzteres eine »sehr gute Idee«. Wie an vielen der über 40 Stände in der Stadthalle Friedberg setzt auch die Stadt Bad Nauheim bei der Ausbildungsmesse »Berufswegekompass« auf »Augenhöhe«: Azubis beraten die Schülerinnen und Schüler. Da fällt der Kontakt leichter.

Großer Andrang herrscht am Stand der Polizei. Auch die Kriminalhauptkommissarinnen Corina Weisbrod und Melanie Julius finden den richtigen Ton: »Schaut auf unseren Insta-Kanal!« Die Schüler erkundigen sich nach Praktika, fragen nach dualer Ausbildung. Ob Polizisten viele Berichte schreiben müssten, wird Weisbrod gefragt. Ihre Antwort: »In unserem Beruf ist Sprache jedenfalls wichtiger als das Schießeisen.«

Beim »Berufswegekompass« liegt ein Fokus auf unbekannteren Berufen. Zum Beispiel Papiertechnologe. Kann man bei der Firma Glatfelter in Ober-Schmitten lernen. Unfassbar dünnes Papier wird hier hergestellt, außerdem Pergamin, das Kunststoffe ersetzt und bei Briefumschlägen mit Sichtfenstern oder bei Süßigkeiten wie »After Eight« als (recycelte) Verpackung genutzt wird. Die Cymos Medizin-IT aus Karben setzt, wie der Name sagt, auf Medizintechnik. »Wir sind sieben Auzubis«, sagt Vanessa Schmidt. »Wir suchen fürs Büromanagement und für die IT.« Zwei Stände weiter zeigen Joshua Grimmel und Sebastian Schaller von Grimmel Wassertechnik aus Ober-Mörlen Schülern an einem Bildschirm, wie man das 3-D-Modell eines Bauteils für eine Maschine zur Abwasserreinigung mit einer Maus bewegt. Produktdesigner und Konstruktionsmechaniker bildet die Firma aus. Azubis zu finden, sei schwierig. »Die wollen alle studieren. Der Wasserkopf wird immer größer«, grinst Lukas (14) aus Karben. Er kann sich eine handwerkliche Lehre gut vorstellen.

Viele Azubi-Stellen sind unbesetzt

Seit 2017 geht die Zahl der jungen Menschen, die sich nach der Schule für eine Ausbildung entscheiden, zurück. Zuletzt sank die Zahl bundesweit um 13 000 auf 408 000 Azubis. Im Gegensatz dazu sei die Zahl der gemeldeten freien Plätze um 20 000 auf 526 000 gestiegen, sagt Dr. Angelika Schlaefke, Vize-Präsidentin der IHK Gießen-Friedberg. Laut Schlaefke heißt das aber auch: »Die Chancen auf einen guten Ausbildungsplatz sind erheblich gestiegen, ich möchte sogar sagen: Sie sind besser denn je.« Außerdem schließe eine Ausbildung ein späteres Studium nicht aus. Schlaefke: »Ausbildung ist keine Sackgasse.«

Auch die Bundeswehr ist vor Ort. Stabsfeldwebel Bernd Vogler informiert über 30 Studiengänge und 60 Berufe, »nicht nur militärische«. 50 000 Bewerber im Jahr, 20 000 Einstellungen: »Die Bundeswehr ist ein sicherer Arbeitgeber.« Zwei Jungs, deren Väter auch »beim Bund« waren, stimmen zu und nehmen sich Infomaterial mit.

Nicht alle Wünsche können erfüllt werden. Sein Traumberuf? »Schauspieler«, sagt ein 16-Jähriger. Er guckt traurig. »Da hatten die aber nichts.« Er will jetzt eine Lehre machen und erstmal Geld verdienen.

Was auffiel: Kurz vor dem offiziellen Start der Ausbildungsmesse stand eine riesige Traube junger Leute vor der Stadthalle. Punkt 9 Uhr strömten alle rein, als hätten sie einen inneren Gong gehört. Eine halbe Stunde später saß nur noch ein Junge in Flipflops draußen. »Hab’ verschlafen, find’ meine Klasse nicht.« Er könnte rein gehen und sie suchen. »Mhm.« Er raucht lieber, daddelt auf dem Handy rum. Bis ihn zwei Klassenkameraden entdecken und die drei gemeinsam zum Parkplatz schlurfen. Schule ist aus für heute, außerdem will auch der Junge in den Flipflops »lieber studieren«.

Berufswegekompass: 41 Stände, über 100 Berufe

Beim Berufswegekompass 2022 der IHK Gießen-Friedberg wurden an 41 Ständen über 100 Berufe vorgestellt. Ein Fokus lag auf weniger bekannten Berufen wie Fluggerätemechaniker, Mechatroniker für Kältetechnik, Straßenwärter oder veterinärmedizinisch-technische Assistentin. Es gehe darum, den jungen Leuten Orientierung zu geben, sagte IHK-Vize-Präsidentin Dr. Angelika Schlaefke im Pressegespräch. »Bei allein rund 330 dualen Ausbildungsberufen fällt eine Entscheidung nicht immer leicht.« Deshalb sollten Eltern ihre Kinder bei der Berufswahl unterstützen. Viele Eltern haben den Wunsch, ihre Kinder sollten studieren. Schlaefke: »Ein abgeschlossenen Studium garantiert nicht notwendigerweise höheres Einkommen.« Laut DGB sind drei von vier Auszubildende mit ihrem Job zufrieden. Doch viele Lehrstellen sind unbesetzt, auch weil die Zahl der Jugendlichen ohne einen Hauptschulabschluss steigt. Die Agentur für Arbeit hat das Projekt »Zukunftsstarter« initiiert, um 25- bis 35-Jährige zu Abschlüssen zu führen. Die Statistik zeigt aber auch, dass über 50 Prozent der Menschen, die eine Ausbildung abgebrochen haben, keine neue mehr beginnen. Arbeitsagenturen, Innungen und andere Berufsverbände unternehmen viel, um Nachwuchs zu rekrutieren, es werden weiterhin händeringend Fachkräfte gesucht. Laut einer Umfrage des Münchener Ifo-Instituts gab fast die Hälfte der befragten Firmen an, ihre Arbeit sei durch einen Mangel an qualifizierten Fachkräften eingeschränkt. IHK-Vize-Präsidentin Schlaefke: »Das ist der höchste Wert seit 2009.«

Auch interessant

Kommentare