1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Friedberg

Aus nach fast 60 Jahren: Eis-Salon schließt für immer

Erstellt:

Von: Harald Schuchardt

Kommentare

Auf der Friedberger Kaiserstraße neigt sich eine Ära dem Ende entgegen: Der Eissalon „Cortina“ wird in den nächsten Tagen für immer schließen.

Friedberg - Alljährlich endet Mitte September die Saison des Eissalons »Cortina« auf der Kaiserstraße in Friedberg (Wetteraukreis), so auch in diesem Jahr - allerdings ist die Schließung nun für immer. Das hatte die Familie del Favero schon in ihrer Anzeige zum Saisonstart im März angekündigt, was viele Stammkunden mit Entsetzen zur Kenntnis nahmen.

»Wir werden seitdem jeden Tag gefragt, warum wir schließen«, sagt Michele del Favero, der das elterliche Geschäft zusammen mit seiner Partnerin Andrea Krayer, seiner Schwester Anna Maria und deren Ehemann Umberto Branca weitergeführt hat. »Dass jemand in seinem Beruf einmal aufhört, das ist doch der Lauf der Dinge«, sagt Anna Maria, die zugibt, »dass uns diese Entscheidung wirklich nicht leicht gefallen ist«. Und Bruder Michele ist Folgendes wichtig: »Wir müssen nicht schließen. Es ist einfach an der Zeit, aufzuhören, und Corona hat es auch nicht gerade leichter gemacht.« Schon die im Februar verstorbene Mutter der beiden - der Vater starb vor drei Jahren - sprach immer wieder davon, aufzuhören, doch »das wollten und konnten wir ihr auf keinen Fall antun«, sagt Anna Maria.

Eissalon „Cortina“ in Friedberg schließt: 1972 diente Salon als Filmkulisse

Nun ist es - je nach Wetterlage - wahrscheinlich am kommenden Wochenende so weit: Die lange Geschichte des »Cortina«, die am 24. April 1963 begann, geht zu Ende. Fiorino del Favero eröffnete damals zusammen mit Ehefrau Silvana das italienische Eisgeschäft. Die Familie stammt aus Pieve di Cadore in der Nähe von Cortina d’Ampezzo, was den Namen des Eissalons erklärt. Fiorino del Favero kam Ende der 50er Jahre nach Deutschland, arbeitete zunächst als Kellner in einem Café-Restaurant in Rheinland-Pfalz, bevor er einen Eissalon in Frankfurt eröffnete. Zufällig erfuhr er, dass in Friedberg ein Geschäft zu verkaufen sei. So kam die Familie in die Kreisstadt, wo deren Eissalon Kultstatus erreichen sollte.

Immer wieder in der knapp 60-jährigen Geschichte wurde umgebaut oder renoviert, man orientierte sich jeweils am Zeitgeist. Die größte Veränderung gab es vor gut 30 Jahren, als die kleine Änderungsschneiderei, die sich in dem Haus noch befand, schloss. Aus zwei Ladenflächen wurde ein großes Eiscafé.

agl_har_Cortina_Ende_4_1_4c
Auf den neuen Lebensabschnitt freuen sich (v. l.): Umberto und Anna Maria Branca sowie Michele del Favero und Andrea Krayer. © Loni Schuchardt

Zehn Jahre später wurde die Fensterfront durch bewegliche Elemente ersetzt, sodass bei schönem Wetter die Verkaufsfront und ein Teil des Cafés offen sind. In den 80er Jahren gehörte die Familie zu den Befürwortern der Einführung der Außenbewirtschaftung auf der Kaiserstraße, die von Kritikern als »Schafställe« abgekanzelt wurde.

1987 legten die beiden Kinder ihre Prüfung zum »staatlich geprüften Speiseeishersteller« ab. Drei Jahre hatten die Geschwister an den Eisschulen in Coneglia und Congarone in der Region Venezien den Beruf von der Pike auf erlernt, was von der Handwerkskammer Rhein-Main anerkannt wurde. Dies führte dazu, dass die »Bild«-Zeitung ein Foto der beiden mit der Urkunde in der Hand samt Bericht veröffentlichte.

Gute Alternativen

Wer in Frankfurt nach guten Eisdielen sucht, sollte sich die Tipps unserer Leser anschauen. Im Sommer 2022 haben sie ihre Top 5 Eisdielen in der Region gewählt.

Im Jahre 1972 war der Eissalon sogar zur Filmkulisse für den Fernsehfilm »Immobilien« mit Stars wie Christine Kaufmann und Karlheinz Böhm geworden. Zum 50-jährigen Jubiläum im Jahre 2013 wurde der Eissalon ein letztes Mal umgestaltet. Die Feier selbst ist für die Familie unvergessen: Zum Empfang kamen viel mehr Stammkunden, Freunde und Bekannte als erwartet. »Uns kennt ja jeder zweite Friedberger«, sagt Anna Maria.

Eissalon „Cortina“ in Friedberg schließt: Neuer Haus-Eigentümer ist gefunden

Nun ist also endgültig Schluss, und wie es mit dem Geschäft weitergeht, steht auch schon fest. Das Haus wurde verkauft, der neue Eigentümer will »in der bisherigen Richtung weitermachen. Was genau wird eine Überraschung«, teilen die Inhaber mit, die der Wetterau treu bleiben.

»Wir haben zwei Heimaten: Italien und die Wetterau. Man wird uns immer wieder sehen«, sagt Michele, der in Bad Nauheim geboren wurde. Nach der schwierigen Entscheidung aufzuhören freuen sich nun alle auf den neuen Lebensabschnitt.

Eines ist Anna Maria noch besonders wichtig: »Wir empfinden eine große Dankbarkeit gegenüber der Stadt und den unzähligen Menschen, die unsere Familie oft über Jahrzehnte unterstützt und begleitet haben.« (Harald Schuchardt)

Auch interessant

Kommentare