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Inklusion in der Wetterau: »Wir brauchen die Werkstätten«

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In Behindertenwerkstätten können Menschen mit geistiger Beeinträchtigung in ihrem eigenen Tempo und entsprechend ihrer Fähigkeiten arbeiten und haben damit eine Tagesstruktur und soziale Kontakte. SYMBOL © Imago Sportfotodienst GmbH

Behindertenwerkstätten sind in die Kritik geraten. Eva Reichert, Geschäftsführerin der Behindertenhilfe Wetteraukreis, hält dagegen: »Der inklusive Arbeitsmarkt braucht Werkstätten wie unsere.«

Jeder Mensch hat das Recht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen«, heißt es im Leitbild der Behindertenhilfe Wetteraukreis (bhw). Eva Reichert ist seit 2018 Geschäftsführerin der bhw. Menschen so anzunehmen, wie sie sind, ist ihr selbstverständlich. Aber die 56-jährige Betriebswirtin weiß auch um die Grenzen. Eine Abschaffung der Behindertenwerkstätten, wie jetzt vielfach gefordert, hält sie für falsch.

Inklusion ist, wenn alle mitmachen dürfen. Dieser Satz ist so einfach wie zutreffend. Ist er noch Wunsch oder schon Wirklichkeit?

Ich denke, das ist noch ein Wunsch. Wobei ich es schwierig finde, Inklusion überhaupt zu definieren. Inklusion findet doch dann statt, wenn ich mich in einer Gemeinschaft wohlfühle und mich zugehörig fühle. Das lässt sich aber nicht verallgemeinern. Man muss auf jeden Einzelnen schauen. Gruppenbildung, indem man für Menschen mit Handicap allgemeine Lösungen definieren möchte, behindert Inklusion eher als sie ihr dienlich ist. Gerade Menschen mit einer geistigen Behinderung, um die es hier geht, haben eine ganz schlechte Lobby.

Wenn wir von Inklusion reden, dann meist im Zusammenhang mit Schule oder Arbeit. Wie aber ist es um die Teilhabe behinderter Menschen am Vereinsleben oder am kulturellen Leben bestellt?

Soziale Teilhabe und die Beteiligung am kulturellen Leben sind wichtige Aspekte. Für den Bereich Wohnen der Behindertenhilfe kann ich sagen, dass das gut funktioniert. Wir besuchen mit unseren Klienten Feste in den jeweiligen Gemeinden und laden auch Gäste zu uns ein. In unserem Herbert-Rüfer-Haus in Friedberg gibt es einen Chor, der öffentlich auftritt. Das macht große Freude. Leider hat die Pandemie vieles ausgebremst.

Inklusion in der Wetterau: Berührungsängste gar nicht erst entstehen lassen

Während räumliche Barrieren in institutionalisierten Bereichen wie Schulen, Behörden oder öffentlichem Nahverkehr verschwinden, scheinen soziale Barrieren in den Köpfen hartnäckiger zu sein. Wie baut man Berührungsängste ab?

Am besten lässt man Berührungsängste gar nicht erst entstehen. Wenn man unbefangen auf Menschen zugeht und nicht auf mögliche oder offensichtliche Defizite achtet, klappt das ganz gut. Ich persönlich möchte Menschen nicht auf ihre Behinderung reduzieren, sondern schaue lieber auf die Stärken, die jemand hat. Und wer Unterstützung braucht, in welcher Form auch immer, der bekommt sie, ohne Aufhebens darum zu machen.

Das Recht aller Menschen auf Beteiligung setzt voraus, dass die Gesellschaft sich öffnet und Möglichkeiten zur Teilhabe schafft: Zugänge ohne Hindernisse, Kommunikation in leichter Sprache, Fortbildungen für Übungsleiter. Gibt es Beispiele?

Es gibt einiges. So stellt die bhw bei der Laufveranstaltung OCL in Nidda immer eine große inklusive Gruppe. Spontan fällt mir unsere Klientin Janine Hippel aus Glashütten ein. Sie hat das Downsyndrom und ist fester Bestandteil der Merkenfritzer Theatergruppe »Die Mühlengeister«. Dort, wo wir Wohnhäuser unterhalten, klappt das Miteinander gut. Viele unserer Bewohner sind selbstständig in den Orten unterwegs, beispielsweise zum Einkaufen. Wer signalisiert, dass er gerne in einen Verein möchte, den unterstützen wir dabei. Wichtig zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang unser Büro für leichte Sprache. Dort werden Texte - Briefe, Broschüren, Formulare oder auch Websites - in leicht verständliche Sprache übersetzt. Wir machen das für Kommunen und Behörden, beispielsweise das Hessische Sozialministerium. Erst wenn unsere Prüfgruppe, alles Menschen mit Lernschwäche, die Übersetzung für gut befindet, geht der Text raus.

Inklusion in der Wetterau: »Bei uns findet Förderung statt«

Wo funktioniert Inklusion bereits besonders gut?

Gut funktioniert sie in den Kindertagesstätten, das sehe ich in unserer Kita »Sonnenschein« in Friedberg. Die Kinder sind offen und haben einfach Spaß miteinander. Es gibt noch keinen Druck, zu lernen. Werden sie älter, bauen sich Barrieren auf. Im Bereich Arbeit gibt es viele gute Beispiele. Auch unsere Werkstätten funktionieren richtig gut. Kleinigkeiten machen es inklusiv, wenn ein Klient beim Bäcker ein Brötchen kauft, ehe er in den Bus zur Arbeit steigt, und sich auf dem Fußweg zur Werkstatt an der Tankstelle noch Zigaretten holt, ist das alles sehr »normal«. Spielt es eine Rolle, dass er in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitet?

Aber die Werkstätten stehen in der Kritik. Der Vorwurf: Sie laufen dem Inklusionsgedanken entgegen, weil sie trennen, statt zu verbinden.

Sicher, was soll ein Rollstuhlfahrer in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung? Unsere Klienten aber haben im Wesentlichen geistige Behinderungen und hätten ohne uns keine Arbeit. Sie würden zu Hause sitzen und hätten weder Tagesstruktur noch Anerkennung noch soziale Kontakte. Bei uns findet Förderung statt. Und es gibt ausgleichende Angebote wie Singen, Töpfern oder Malen und Ruhepausen. Die meisten unserer Klienten sind straffen Acht-Stunden-Tagen nicht gewachsen. Der inklusive Arbeitsmarkt braucht Werkstätten wie unsere. Dort werden die Menschen gefördert, können sich entwickeln und werden unterstützt bei einem gewünschten Wechsel in den allgemeinen Arbeitsmarkt.

Inklusion in der Wetterau: Menschen fit machen für den Arbeitsmarkt

Ein weiterer Vorwurf lautet, die Mitarbeiter würden ausgebeutet, weil sie für ihre Arbeit deutlich weniger als den Mindestlohn erhalten.

Streng genommen sind wir eine Rehabilitationseinrichtung. Es geht darum, Menschen fit zu machen für den Arbeitsmarkt. Dabei erledigen sie, je nach individueller Voraussetzung, Arbeiten. Sie werden geholt und gebracht beziehungsweise bekommen Tickets für den ÖPNV. Sie erhalten ein Entgelt für ihre Arbeit, Grundsicherung und Wohnraumfinanzierung sowie einen Rentenbeitrag, der dem Durchschnittseinkommen in Deutschland entspricht. Nach meinen Berechnungen wäre der Mindestlohn demgegenüber eine Verschlechterung.

Welche Voraussetzungen brauchte es, um den geforderten Ausstieg aus dem System Werkstätten umzusetzen?

Ich hoffe, dass es nicht so weit kommen wird, denn ich bin nicht so blauäugig anzunehmen, dass alle Unternehmen bereit sein werden, Menschen mit Handicap ganz nach deren Bedürfnissen zu fördern und zu unterstützen.

INFO:

Die Behindertenhilfe Wetteraukreis fördert, unterstützt und begleitet Menschen mit geistigen und mit schwerst-mehrfachen Behinderungen sowie Menschen mit psychischen oder seelischen Einschränkungen. Gesellschaftliche Teilhabe, berufliche Qualifikation und Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt sind die wesentlichen Zielsetzungen. Das Leistungsspektrum umfasst mehrere Werkstätten, besondere Wohnformen, Wohngemeinschaften, ambulant betreutes Wohnen und Tagesförderstätten. Rund 400 Beschäftigte arbeiten für die bhw. VON JUDITH SEIPEL

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Eva Reichert ist seit 2018 Geschäftsführerin der Wetterauer Behindertenhilfe. © pv

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