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Irrenhaus wird zum Gefängnis

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Von: Gerhard Kollmer

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Ermittlungen: Der Kriminalinspektor (Christian Hoelzke) fühlt Herbert Georg Beutler (André Vetters) auf den Zahn. FOTOS LOREDANA LA ROCCA © pv

Friedberg (gk). »Schaue ich der heutigen Welt ins Gesicht, erblicke ich eine Fratze.« Dieser Satz findet sich in einem Interview mit dem 1990 gestorbenen Dramatiker Friedrich Dürrenmatt anlässlich der Uraufführung seiner Komödie »Die Physiker« 1962 im Schauspielhaus Zürich.

Dass das knapp zweistündige Neun-Personen-Stück auch 60 Jahre nach seinem Erscheinen noch bzw. wieder aktuell ist, bewies die gelungene, mit langem Beifall bedachte Aufführung des Tourneetheaters Thespiskarren in der gut besuchten Stadthalle am Mittwochabend.

Ort der Handlung ist ein privates, von der »Irrenärztin« Dr. Mathilde von Zahnd (Hellena Büttner) geführtes Nervensanatorium, in dem sie drei harmlos verrückte ehemalige Kernphysiker behandelt - Ernst Heinrich Ernesti (Stephan Bürgi), der sich für Einstein hält, Herbert Georg Beutler (André Vetters), der sich mit Newton identifiziert, und Johann Wilhelm Möbius (Peter Bause) mit seinen apokalyptischen Visionen vom König Salomo.

Eine der drei Schwestern wurde bereits, die beiden anderen - Marta Boll (Katrin Schwingel) und Monika Stettler (Tina Rottensteiner) - werden im Lauf der Handlung ermordet. Täter sind die drei unzurechnungsfähigen Verrückten. Ein Kriminalinspektor (Christian Hoelzke) versucht vergeblich, sie irgendwie zur Rechenschaft zu ziehen.

Im relativ handlungsarmen ersten Akt haben alle Protagonisten Gelegenheit, ihr komödiantisches Talent unter Beweis zu stellen. Besonders gut gelingt das André Vetters und Stephan Bürgi dank ihres skurrilen Agierens als Geige spielender Einstein und schwadronierender Newton. Peter Bause als Möbius und Hellena Büttner als Mathilde von Zahnd bleiben dagegen (trotz Möbius’ Mord an der ihn verehrenden Schwester Monika) - noch - im Hintergrund.

Im zweiten Akt wird sich das deutlich, fast schlagartig ändern, denn ihre überraschende, »schlimmstmögliche« (Dürrenmatt) Wendung nimmt die rabenschwarze »Komödie« erst jetzt. Möbius und Zahnd dominieren von nun an das Geschehen. Es stellt sich heraus, dass keiner der drei Patienten wirklich irre ist. Die Schwestern mussten sterben, weil sie entsprechenden Verdacht geschöpft hatten.

»Ich hätte nie Physiker werden dürfen. Ich habe mein Geheimnis nicht für mich behalten.« Möbius hat die für zwei feindliche Geheimdienste (unschwer zu erraten: den US-amerikanischen und sowjetischen) arbeitenden Atomphysiker Kilton (alias Newton) und Eisler (alias Einstein) auf sich aufmerksam gemacht. Das erregte Gespräch, in dem sie ihn auf ihre jeweilige Seite ziehen wollen, gehört zu den Höhepunkten des Stücks und der Aufführung.

Der Moralist Möbius hat aus einem plötzlichen Verantwortungsgefühl heraus den Rückzug als Verrückter ins Irrenhaus als einzige Möglichkeit gesehen, um skrupellose Machtpolitiker daran zu hindern, seine Forschungen zu missbrauchen - zum Beispiel für den Bau von Kernwaffen. Deshalb hat er alle Manuskripte über seine Entdeckung der »Weltformel« vernichtet. Es gelingt ihm sogar, seine Kollegen vom Wahnsinn ihres Tuns zu überzeugen. Auch sie entschließen sich für den lebenslangen Aufenthalt im Sanatorium. »Wir müssen unser Wissen zurücknehmen. Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. Draußen sind unsere Gedanken Sprengstoff.«

Also ein Happy End, wie es einer Komödie gebührt? Nicht so bei Dürrenmatt! Denn ein dummer Zufall will es, dass Mathilde von Zahnd als einzig wirklich Verrückte Möbius’ Manuskripte vor deren Vernichtung heimlich fotokopiert und mit der praktischen Umsetzung seiner »Weltformel« bereits dabei ist, die Weltherrschaft anzutreten.

Mit der Verkündung dieses Coups an die perplexen Physiker läuft Hellena Büttner zur Hochform auf: Das Irrenhaus wird zum Gefängnis, und der neu eingestellte Oberpfleger (Uwe Sievers) entpuppt sich als dessen zukünftiger Wärter. Welch ein Wahnsinn!

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Komplizierte Beziehung: Johann W. Möbius (Peter Bause) und Schwester Monika Stettler (Tina Rottensteiner). © pv

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