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Jeder Tropfen zählt für den Vogelsberg

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Auf dem Trockenen: Wolfgang Schleich sitzt im Bett des Gänsbaches oberhalb von Gedern, der schon seit Mai kein Wasser mehr führt. © Judith Seipel

Den Kampf ums Vogelsbergwasser hat der Tiefbauunternehmer Wolfgang Schleich aus Gedern zu seiner Sache gemacht. Viele Projekte fördert und finanziert er aus eigener Tasche.

Früher führte der Gänsbach in Gedern ganzjährig Wasser. Wenn die Kühe morgens raus aus dem Dorf in Richtung Tempelswald auf die Hutweide getrieben wurden, konnten sich Mensch und Tier an einer Furt des Baches oberhalb des heutigen Sportplatzes erfrischen.

Seit Mai ist der Gänsbach trockengefallen. Es staubt, wenn man durch sein Bett läuft. Dort sitzt Wolfgang Schleich auf einem Stein und schaut nach oben in welkende Blätter und dürre Äste eines Kirschbaumes im Todeskampf. »Dieses Jahr scheint alles, was wir bisher erlebt haben, noch einmal zu toppen«, sagt er. Kein Regen in Sicht und die Tendenz beim Trinkwasserverbrauch ist steigend. Spitzenreiter in Hessen ist die Stadt Frankfurt, die ihr Wasser auch aus dem Vogelsberg bezieht.

Am Gaulskopf und im Tempelswald sterben die Buchen. »Ein Bild des Jammers«, klagt Schleich. Die Böden trocknen aus, verarmen und verlieren ihre Speicherfähigkeit. Gleichzeitig nehmen Starkregenereignisse zu. »Die Niederschläge fließen viel zu schnell ab und verursachen in den Tälern Überschwemmungen. Grundwasserneubildung findet kaum noch statt. Ein Teufelskreis«, seufzt er.

Vor ein paar Wochen hat er an der Stelle, wo er jetzt auf dem Trockenen sitzt, einen Zugang zum Gänsbach angelegt: ein flaches Ufer mit Trittsteinen und einem Findling, der zum Sitzen einlädt. Ein Ort, an dem Kinder planschen können und wo man sich gerne aufhält. Er wollte »das Wasser dominant werden lassen«.

Im Nebenjob

Umweltaktivist

Das ist sein Appell an die Mitmenschen: Seht, so schön ist’s bei uns, lasst nicht alles kaputtgehen. Jetzt steht nur eine Pfütze trüben Wassers in dem Geröllfangbecken, das er ausgebaggert hat, damit beim nächsten großen Regen nicht wieder Steine und Totholz die Brücke über den Bach zuschwemmen. Der Tiefbauunternehmer ist, so könnte man sagen, im Nebenjob Umweltaktivist. Wenn er der Natur auf die Beine hilft, dann oft auf eigene Kosten (Auch die Entsorgung der 20 Kubikmeter illegal abgelagerten Mülls am Uferrand hat er selbst bezahlt). Sein Kampf ist der ums Wasser. Wenn er eine Idee hat, die dem Schutz des Lebensmittels Nummer eins dient, fackelt er nicht lange, setzt sich auf einen seiner Bagger und gräbt los. »Manchmal muss man einfach machen«, findet er.

Seit er mit dem damaligen Gederner Revierförster Edwin Klapp nach dem Orkan »Wiebke«, der 1990 über Deutschland fegte, angefangen hat, auf Freiflächen im Stadtwald dezentrale Rückhaltebecken anzulegen, lässt ihn die Idee eines Vogelsberger Gewässergürtels mit vielen Retentionsteichen zur dezentralen Wasserrückhaltung nicht los. Heute hat er auf dem Gebiet viel Erfahrung und Expertise.

Dass Gedern im Januar 2021 von großen Hochwasserschäden verschont geblieben ist, führt Schleich auf solche Rückhaltemaßnahmen zurück. Am Oberlauf des Gänsbaches, der auf knapp 500 Metern Höhe nordöstlich von Gedern entspringt, zeigt er, wie das funktioniert. Dort, im Feuchtgebiet »In der Seife«, wo die Fichten komplett umgefallen waren, sind im Auftrag der Stadt Gedern zunächst vier größere Teiche entstanden.

Nur wenige Meter entfernt hat Schleich im Frühjahr dem Gänsbach »ein neues Gesicht« verpasst, wie er sagt. »Ich will zeigen, wie man mit wenig Aufwand und ohne große Planungskosten der aktuellen Entwicklung entgegenwirken kann.« Das städtische Bauamt hat er kurz informiert und dann mit seinem Bagger losgelegt. Entstanden sind weitere Retentionsteiche und ein mäandrierender Gänsbach, der freilich gerade kein Wasser führt. An mehreren Stellen gibt es Versickerungsmöglichkeiten zur Grundwasseranreicherung. Mittels Rohren und natürlichen Hindernissen wie Steinen wird das Wasser gelenkt, mit dem Ziel, möglichst viel davon möglichst lange in der Fläche zu halten.

Insgesamt wurde der Retensionsraum erheblich vergrößert. Die Biodiversität habe sich nach wenigen Monaten erholt, freut sich Schleich.

Wasser für Insekten

und Wildtiere

Wildtiere und Insekten finden trotz der Trockenheit Wasser und angesichts der Waldbrandgefahr gewinnen die Teiche als Löschwasserreservoir an Bedeutung.

Er ist überzeugt: Hochwasserrückhaltebecken, wie sie am Seemenbach vorgesehen sind, könnten wesentlich kleiner dimensioniert werden. Mit den eingesparten Kosten könnte man Anlagen wie die »In der Seife« umsetzen. »Das wäre funktionierender Hochwasserschutz in der Fläche.« Naturschutz- und Forstämter hätten das mittlerweile auch erkannt, Wolfgang Schleich baggert weiter an seinem Traum von einem Vogelsberger Gewässergürtel.

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Die große Retentionsfläche, die Wolfgang Schleich im städtischen Wald in Richtung Hartmannshain angelegt hat, ist auch ein Beitrag zur Grundwasserneubildung. © Judith Seipel

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