1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Friedberg

»Keine Illusionen: Die Hölle regiert«

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

koe_SusanneGraweimAltenH_4c_1
Bewegend: Radiosprecherin Susanne Grawe liest Episoden aus Irmgard Keuns Roman »Nach Mitternacht«. © Klaus Nissen

Friedberg (kni). Wer in Moskau aktuell ein falsches Wort sagt, riskiert Gefängnis. Wie würden wir uns verhalten, wenn wir dort lebten? Hätten wir genug Mut, den Krieg gegen die Ukraine anzuprangern?

Irmgard Keun wäre skeptisch. Die 1905 geborene Autorin hat nach 1933 zugehört und aufgeschrieben, wie sich ganz normale Leute in einem diktatorischen Regime verhalten. Das gab es damals in Deutschland. Keun machte daraus den zumeist in Frankfurt spielenden Roman »Nach Mitternacht«. Gebannt lauschten die Gäste im Alten Hallenbad den von Susanne Grawe gesprochenen Episoden. »Ein Schauder läuft uns über den Rücken«, notierte einst Klaus Mann nach der Lektüre des Buches. Den Gästen in Friedberg ging es wohl ähnlich.

Einmal wird im Buch die 19-jährige Hauptfigur Susanne Moder in Köln von der Gestapo vorgeladen. Sie soll über Göring und Himmler gelästert haben. Und während sie auf ihre Vernehmung wartet, kommen lauter Leute, die etwas anzuzeigen haben.

Verrat, Spione und Gestapo

Im rheinischen Singsang zitierte Grawe Nachbarn, die ihre Nachbarn verpfeifen, Kollegen, die sich gegenseitig denunzieren und Leute, die Verwandte anschwärzen. Susanne: »Bei mir war längst klar, dass die Tante Adelheid mir die ganze Scheiße eingebrockt hat.« Die national gesinnte Tante war eifersüchtig, weil ihr geliebter Sohn Franz die Cousine Susanne verehrte.

Später wohnt Susanne genau wie ihre Erfinderin Keun in Frankfurt, berichtete der in Rosbach lebende Historiker Thomas Sieben bei der Lesung. Susanne sucht Arbeit und verkehrt unter linksliberalen Intellektuellen, die verzweifelt überlegen, wie sie im NS-Regime überleben können. Susannes schriftstellernder Halbbruder Algin beginnt, ein patriotisches Buch zu schreiben. Andere wenden sich historischen Themen zu. Algins Journalisten-Freund Heini lästert: »Ein Schriftsteller, der Angst hat, ist kein Schriftsteller.« Der einstige Starjournalist Heini lebt in einer Absteige im Bahnhofsviertel. Und erschießt sich auf einer Party in der schicken Wohnung des anpassungsfähigen Algin.

Im Roman wie in der Wirklichkeit entfliehen Susanne und Autorin Keun der beklemmenden Situation 1936 nach Holland. In Ostende freundet sich Keun mit dem verfolgten Starjournalisten Joseph Roth an. Sieben zitierte bei der Lesung Briefe von Keun. Darin beschreibt sie, wie sie neben Roth im Café sitzt, viel zu viel Alkohol trinkt und fieberhaft schreibt. Beide gehen eine turbulente Beziehung ein, die nach zwei Jahren auch an der Aussichtslosigkeit scheitert. Sieben zitierte einen schon 1933 von Roth verfassten Brief an seinen Gönner Stefan Zweig: »Ich gebe keinen Heller mehr auf unser Leben. Machen Sie sich keine Illusionen: Die Hölle regiert.«

Roth geht 1939 an seinem Alkoholismus und seiner Verzweiflung zugrunde. Keun dagegen reist zu ihrem Verlobten in die USA, kehrt noch während der NS-Zeit nach Deutschland zurück und überlebt unter dem Radar der Nazis bei Verwandten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stockt ihre literarische Karriere. Laut Sieben wegen ihres Alkoholismus und ihrer damals als »unmodern« empfundenen Bücher. Auch weil der nach dem Krieg tonangebende Literaturkritiker Friedrich Sieburg ein alter Nazi gewesen sei.

Doch einen ganz starken Auftritt hat Irmgard Keun noch 1981, ein Jahr vor ihrem Tode. Grawe und Sieben ließen die Café-Szene aus der Romanverfilmung über die Stirnwand des Alten Hallenbads laufen. Da muss die junge Desirée Nosbusch als Susanne mit ihrer Freundin Gerti wie alle anderen Gäste aufstehen und den Arm recken, als eine Rede des »Führers« aus dem Lautsprecher quakt. Nur eine alte Dame in der Ecke bleibt sitzen und streckt verächtlich ihre Zunge heraus. Das ist die echte Irmgard Keun.

koe_ThomasSiebenzeigtauf_4c
Der in Rosbach lebende Historiker Thomas Sieben spricht über Irmgard Keuns Leben. © Klaus Nissen

Auch interessant

Kommentare