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Klänge einer anderen Welt

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Von: Gerhard Kollmer

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Der iranische Gitarrist und Sänger Omid Bahadori (M.) hat die beiden mongolischen Musiker ins Alte Hallenbad eingeladen, die besondere Instrumente und noch spezielleren Gesang präsentieren. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Für alle, die des Persischen beziehungsweise »Farsi« nicht mächtig sind: »Sedaa« bedeutet soviel wie »Stimme, Klang«. Drei Musiker, die unter diesem Etikett seit zwölf Jahren gemeinsam weltweit konzertieren, waren am vergangenen Samstagabend zu Gast im Großen Saal des Alten Hallenbads, um das Auditorium mit exotischer Musik aus dem persisch-mongolischen Kultur- und Sprachraum zu verzaubern.

Die Sache mit dem Luftholen

Der iranische Gitarrist und Sänger Omid Bahadori (er fungierte zugleich als kundiger Moderator) erschien in Begleitung zweier junger mongolischer Musiker, deren nahezu unaussprechliche Namen hier aus Respekt vor ihrer beeindruckenden Sanges- und Instrumentierkunst genannt seien: Naraa Naranbaatar und Nasaa Nasanjargal.

Seiner mongolischen »Pferdekopfgeige« (in alter Zeit bildete ein Pferdekopf-Gerippe ihren Klangkörper) entlockte Nasaa gleich zu Beginn faszinierende Weisen.

Dieses zweisaitige kleine, zwischen den Knien gehaltene Instrument verfügt über ein erstaunlich breites Klangspektrum. Nasaas Landsmann Naraa assistierte am Kontrabass und verblüffte mit seiner extrem tiefen Bassstimme, genauer: mit wenigen, lange durchgehaltenen, vibrierenden Tönen - scheinbar ohne Atem holen zu müssen.

Dieses - mit Gesang nur unzureichend beschriebene - »Tönen« ist eines von zahlreichen Merkmalen der traditionellen Musik der Mongolen. Je länger zum Beispiel ein Schamane seine Stimme ohne zu atmen »halten« kann, desto intensiver ist der dadurch hergestellte Kontakt zum Göttlichen. Je besser ein Sänger diese Technik beherrscht, desto größer ist sein Erfolg beim Publikum.

Als glänzender Gitarrist erwies sich Omid Bahadori nicht nur beim Vortrag eines altpersischen Liebeslieds - begleitet von Nasaa an einem Blasinstrument mit großem Schalltrichter, dessen Klang dem einer Klarinette verblüffend ähnlich ist.

Die drei Künstler aus Regionen, die sich nicht nur durch Geschichte und Religion stark unterscheiden, agierten durchweg auf Augenhöhe und gaben ein eindrucksvolles Beispiel für Multikulturalismus.

Mit einem Trommelsolo spielte sich Omid Bahadori zu Beginn des zweiten Konzertteils regelrecht in Trance und erntete heftigen Beifall für diesen »Orkan« benannten Titel.

Was darauf folgte, stellte das absolute Highlight des Abends dar. Die beiden Künstler aus den Weiten der ostasiatischen Steppe gaben ein glänzendes Beispiel des sogenannten »Kehlkopfgesangs« (»Chöömij«) - in seinen beiden Versionen des Unter- und Obertongesangs. Hierbei wird der Klang durch die Art der Mundöffnung, Zungenlage, Zahnstellung, Kehle, Nase und Lippen geformt. Es werden immer gleichzeitig zwei Töne gebildet, wobei der tiefe Grundton gehalten wird. Kehlkopf und Stimmbänder werden in Schwingung versetzt.

Wer dieses Klangwunder im Alten Hallenbad erstmalig miterleben durfte, fühlte sich in eine gänzlich andere Welt versetzt. Die »Sänger« werden hier zu einer Art tönendem Medium, durch das hindurch sich das Göttliche, die Harmonien des Kosmos vernehmen lassen - sei es in der buddhistisch-lamaistischen oder naturreligiös-animistischen Ausprägung.

Melancholie und Erinnerung

In einem bewegenden Klagelied über das in den 1930er Jahren von der Sowjetunion annektierte Tuvagebiet im Altaigebirge demonstrierten die beiden mongolischen Sänger ihre meisterhafte Beherrschung des Kehlkopfgesangs aufs Eindrucksvollste.

Mit dem melancholischen persischen Lied »Wo bleibt die Liebe?« endete der offizielle Teil dieses singulären Abends mit jubelndem Applaus. Nach zwei Zugaben durften die Künstler, die ihr Bestes gegeben hatten, den Saal verlassen.

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