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Kongeniale Interpretationen in der Stadtkirche

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Kantor Ulrich Seeger hat sich an technisch schwierige Stücke gewagt und diese auf der restaurierten Orgel meisterhaft umgesetzt. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). In seinem fast zweistündigen Benefizkonzert zugunsten der restaurierten Stadtkirchenorgel am Sonntagabend zeigte Ulrich Seeger ein weiteres Mal sein überragendes technisch-interpretatorisches Können beim Vortrag von Werken aus der Feder von sechs Komponisten.Franz Tunders (er wirkte von 1641 bis zu seinem Tod 1667 an St. Marien in Lübeck) auf ein Präludium Vincent Lübecks folgende Choralfantasie mit Cantus firmus über das protestantische Kirchenlied zum Pfingstfeiertag »Komm, Heiliger Geist, Herre Gott« beeindruckt mit kühnen Harmonien, die in manchen Passagen das Frühwerk Johann Sebastian Bachs vorwegnehmen.

Tunder gilt als einer der großen Repräsentanten der Norddeutschen Orgelschule, deren bedeutendster Vertreter sein Schwiegersohn Dieterich Buxtehude war.

Von ihm erklang als nächstes das großartige Präludium in der selten gespielten Tonart fis-Moll, BuxWV 146. Der Nichtfachmann glaubt hier ein Werk des großen Bach zu hören. Seegers kongeniale Interpretation lässt den Spannungsbogen dieses sechsteiligen Stücks mit seinem dramatischen, aufwühlenden Schlussteil förmlich greifbar werden.

Fast 200 Jahre später - 1878 - erblickt ein Werk das Licht der Welt, das einer gänzlich anderen musikalischen Welt zugehört - César Francks »Fantaisie A-Dur« aus seinen »trois pièces«. Dem 1822 in Lüttich geborenen Begründer der romantischen französischen Orgelschule gelingt mit seiner »Fantaisie« ein wahres Meisterwerk. Auf einen hoffnungsfrohen Beginn folgen aufwühlende Momente bis hin zum traurig-sehnsuchtsvollen Ende.

Mit einem knapp fünfminütigen Feuerwerk werden die Hörerinnen und Hörer dann in die Pause entlassen. Der 1940 kurz nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht in Frankreich 29-jährig gefallene Jehan Alain führt 1938 an der Orgel von St. Trinité in Paris seine »Litanies« erstmalig auf.

Das kleine Meisterwerk beruht auf einem Thema von, in immer neuen Variationen wiederholten, Achtel- und Viertelnoten. In seinem Verlauf erfolgt eine dramatische Steigerung bis zum ekstatischen Schluss. Technisch extrem schwierige Passagen gelten als nahezu unspielbar.

Zum Begriff »Litanies« schreibt Alain:»Wenn die christliche Seele keine neuen Worte mehr findet, um in der Not Gottes Barmherzigkeit zu erflehen, wiederholt sie ... unaufhörlich die gleiche Anrufung.«

Das ist sein Lieblingskomponist

Auf den mit heftigem Applaus endenden ersten Konzertteil folgte das Hauptwerk des Abends - Sigfrid Karg-Elerts symphonischer Choral, op. 87,2. Zur großen Freude nicht nur Ulrich Seegers, der Karg-Elert als seinen Lieblingskomponisten bezeichnet, konnte das Werk nach neun Jahren erstmals wieder an der restaurierten Orgel gespielt werden.

Die vom Komponisten in die Partitur aufgenommenen eigenen Texte erleichtern dem Hörer das Verständnis des komplexen dreiteiligen Chorals von fast 45-minütiger Dauer.

Dantes »Divina Commedia« vergleichbar, beginnt das Werk in der Hölle. Ergreifende Klagen - zum Beispiel »Ach wie lange ist dem Herzen bange«, »Mag’ die Höll’ auch wüten« und »Ich kann Trotz ihr (der Hölle) bieten« - von stiller Resignation über sehnsuchtsvolle Erwartung bis hin zu heftigem Aufbegehren werden laut. Karg-Elerts von B-A-C-H-Motiven durchzogenes Werk kulminiert in dem triumphierenden Maestoso-Choral »Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister Jesus tritt herein«.

Mit lang anhaltendem Applaus klingt das Orgelkonzert aus.

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