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Neue Wohnformen als Lösung für ein altes Problem?

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Friedlich sieht sie aus, die Ossenheimer Ortsdurchfahrt. Haus reiht sich an Haus, Erweiterungsmöglichkeiten gibt es hier nicht. Soll mehr Wohnraum geschaffen werden, müssen Baugebiete ausgewiesen werden. Moderne Wohnformen wie das »Clusterwohnen« sind wohl eher Modelle für Großstädte. FOTO: NICI MERZ © Nicole Merz

Wohnungssuche in Ossenheim: Hat man da Chancen? »Nein«, winkt ein Ossenheimer ab, »das ist eine Katatstrophe«. Bauplätze fehlen. Ist Clusterwohnen die Lösung des Problems?

Cluster ist englisch und bedeutet »Bündel«, »Haufen«, auch ein Netzwerk von Unternehmen, ein Zusammenschluss. Clusterwohnen ist folglich eine Form des Zusammenlebens, die zwar nicht neu ist, aber neu aufgestellt wird. In Wohngenossenschaften organisiert, leben Menschen in einer Art Wohngemeinschaft zusammen, teilen sich Gemeinschaftsräume, können sich aber auch in die eigenen vier Wände zurückziehen.

»Clusterwohnen als Zukunftsmodell« hatte Dipl.-Ingenieurin und Architektin Ulrike Wassermann vom Fachbereich Bau der TH Mittelhessen ihren Impulsvortrag überschrieben. Die Friedberger SPD, die zum Bürgerstammtisch in den »Ossemer Treff« in Ossenheim eingeladen hatte, setzte hinter die Überschrift ein Fragezeichen: »Clusterwohnen als Zukunftsmodell?«

Clusterwohnen ist nicht das gleiche wie eine Wohngemeinschaft oder ein Wohnheim. Wassermann verwies auf eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung, in der verschiedene Wohnmodelle untersucht wurden. Was Clusterwohnen von anderen Modellen unterscheidet: Alle Mieter haben ihr eigenes Zimmer mit Bad und Miniküche, nutzen aber gemeinsam die Küche, das Wohnzimmer und andere Gemeinschaftsräume. Innerhalb der Wohneinheiten gibt es Yogaräume, kleine Büros für Home Office oder ein Café, das den Kontakt zu Menschen von außerhalb ermöglicht.

Studie: Menschen wollen teilen

Üblich ist, dass nur wenige Wohneinheiten in Mehrfamilienhäusern als Clusterwohnungen genutzt werden. Auch die Motive der Mieter, die diese Wohnform wählen, wurden in der Studie erfragt. »Kooperation und Teilen« steht an erster Stelle, die Menschen wollen nicht (ganz) alleine leben, suchen die Gemeinschaft. Außerdem wird der Wohnraum bezahlbar, es entsteht eine lebendige Nachbarschaft, Ältere können Kinder betreuen, man hilft sich gegenseitig beim Einkauf, kann sich aber auch zurückziehen. Durch Clusterwohnen spart man Heizkosten und wirkt dem steigenden Flächenbedarf entgegen.

Wassermann zeigte Beispiele dieser neuen Wohnform aus Gießen (Johanette-Lein-Gasse), aber auch aus Zürich, München, Berlin oder Köln. Aber funktioniert das auch in kleineren Städten, in Dörfern wie Ossenheim gar? Ossenheim, wurde in der anschließenden Diskussion angemerkt, sei auch nichts anderes als ein Cluster im Großen - man kennt sich, trifft sich, hilft sich gegenseitig. Das neue Clusterwohnen freilich muss inszeniert, geplant, vorbereitet und vor allem finanziert werden. Oft seien es Genossenschaften, die sich eigens zu diesem Zweck gründen und deren Mitglieder schon im Vorhinein wissen, mit wem und in welcher Form sie zusammenwohnen wollen.

»Wie wollen wir hier in Zukunft wohnen?« So lautete das Leitthema des SPD-Bürgerstammtischs. Ortsvorsteher Peter Haas konnte 25 Bürger begrüßen, darunter auch Vertreter anderer Parteien. »Ich bin gekommen, weil mich das Thema interessiert«, sagte Peter Heller, Vorsitzender des örtlichen Karnevalsvereins. Das Problem aus seiner Sicht: Die Vereine engagierten sich in der Kinder- und Jugendarbeit, doch wenn die jungen Leute erwachsen sind, eine Familie gründen und ein eigenes Haus bauen wollen, müssen sie aus dem Dorf wegziehen. Es gibt keine Bauplätze.

Als neulich in Ossenheim ein Haus zum Verkauf stand, ging es nach zähen Verhandlungen an einen auswärtigen Bieter, der offenbar, so erzählt man es, 50 000 Euro mehr zahlte als ursprünglich gefordert. Clusterwohnen, darauf einigten sich alle, könne eine Möglichkeit sein, um große alte Häuser anders zu nutzen. Nur muss das auch finanziert werden. Die SPD hatte auch Roland Kostial eingeladen, den Vorsitzenden des Bauvereins »Eigner Herd ist Goldes Wert«. Die Mieter in den 275 Wohnungen dieser Genossenschaft zahlen eine durchschnittliche Kaltmiete von 5,50 Euro. Bezahlbares Wohnen ist also durchaus machbar - wenn die öffentliche Hand dies unterstützt, etwa durch günstigere Baulandpreise, sagte Kostial. »Fragen Sie mal nach Grundstückspreisen für ein Zehn-Familien-Haus. Da fallen Sie vom Glauben ab.«

Regionaler Flächennutzungsplan: Neue Baugebiete in Ossenheim?

»Der Rhein-Main-Speckgürtel ist bei uns in Ossenheim angekommen, die Mietpreise steigen«, sagte der SPD-Stadtverordnete Erich Wagner während der Diskussion im »Ossemer Treff«. Eine junge Frau schilderte, sie und ihr Mann wollten das alte Haus der Familie aufstocken und anbauen. Das Bauamt habe die Genehmigung verweigert. »Das ist frustrierend.« Auch ein anderes junges Paar machte deutlich: Clusterwohnen kommt für sie nicht in Frage, sie wollen ihr eigenes Haus. Nur der Bauplatz fehlt. Für Bauwillige aus Ossenheim gibt es immerhin einen Hoffnungsschimmer. Ortsvorsteher Peter Haas, der den Bürgerstammtisch zusammen mit Anke Bunke moderierte, verwies auf den Regionalen Flächennutzungsplan, der derzeit erarbeitet wird. »Für Ossenheim sollen zwei Baugebiete ausgewiesen werden: eines im Haalweg am Ortsausgang Richtung Florstadt, das laut Bauamt aber zu klein und daher unrentabel ist und der Bereich Bachseifenweg/Assenheimer Straße.« Ob dieses Gebiet letztendlich ausgewiesen wird und wann es die Stadt entwickelt, steht freilich noch in den Sternen.

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