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Neues Buch: Ein Leben zwischen Boheme und Exil

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Von: Jürgen Wagner

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Der Friedberger Lehrer und Henry-Benrath-Forscher Andrej Seuss hat in Archiven recherchiert und das Leben des Kulturjournalisten Hans-Adalbert von Maltzahns dem Vergessen entrissen. © Nicole Merz

Hans-Adalbert von Maltzahn war in den 1920er-Jahren Kulturjournalist und zentrale Figur der Exilanten im Paris der 1930er-Jahre. Andrej Seuss hat nun die erste Biographie Maltzahns vorgelegt.

Das Gedicht ist mit den schlichten Worten »An Hans-Adalbert« überschrieben, es folgen acht berührende Zeilen: »Wenn du sprichst / Blühen deine Worte auf in meinem Herzen. // Über deine hellen Haare / Schweben meine Gedanken schwarzhin. // Du bist ganz aus Süderde und Liebe / Und Stern und Taumel. // Ich aber bin lange schon gestorben. / O, du meine Himmelstätte...«. Diese Verse vom Juli 1915, die eine innige Vertrautheit erkennen lassen, stammen von Else Lasker-Schüler (1869-1945), nach den Worten Gottfried Benns die »größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte.«

In Lasker-Schülers poetischer Traumwelt war der über 20 Jahre jüngere Maltzahn mehr als nur ein Vertrauter, er war für sie der »Herzog von Leipzig« und der »Vize-Malik«; Lasker-Schüler selbst ist der »Malik«, ein semitisches Wort, das »König« bedeutet.

Wer war Hans-Adalbert von Maltzahn, über den die Suchmaschinen nicht viel hergeben? Der 1966 geborene Andrej Seuss, Lehrer an einer Gesamtschule und ehrenamtlicher Leiter des Friedberger Henry-Benrath-Archivs, stieß in einem anderen Zusammenhang auf den Namen. Als er vor Jahren für sein Buch »Nur das Eine, furchtbare - Andreas ist tot! Die kurze Freundschaft zwischen Albert H. Rausch und Andreas Walser« recherchierte, fiel ihm ein Bild Walsers aus dem Kirchner-Museum in Davos auf: Ein expressives Ölgemälde, das einen jungen rauchenden Mann in Schwarz-Weiß zeigt, ein Porträt Maltzahns. Seuss wurde neugierig. Geschichte wird anhand der Geschichten von Menschen geschrieben, doch meist sind es die Prominenten der ersten Reihe, deren Leben einer näheren Untersuchung unterzogen wird.

»Über Thomas Mann gibt es zig Bücher«, sagte Seuss bei der Vorstellung des Buches am Samstagabend in der Buchhandlung Bindernagel. Gut 30 Zuhörerinnen und Zuhörern kamen, fast alle Stühle waren besetzt. Eine Untersuchung über bekannte Autoren vorzulegen, reize ihn wenig. Aber die weniger bekannten Figuren, die locken ihn. Zumal das, was Seuss über Matlzahn herausfinden konnte, neue Blicke auf Vergangenes wirft. Seuss selbst freut sich, dass er der Else-Lasker-Schüler-Forschung einen neuen »Mosaikstein« hinzufügen konnte.

Es gibt keinen Nachlass von Hans-Adalbert von Maltzahn. Seuss hat in zig Archiven recherchiert, stieß auf viele Arbeiten aus der Hand des Autors und konnte anhand von Funden im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes Leerstellen in der Biographie Maltzahns schließen.

Aristokrat wandelt sich zum Pazifisten

So fragmentarisch die Funde teils auch sein mögen: Seuss gelingt es, vor den Augen seiner Leser ein Leben nachzuerzählen, das erzählenswert ist. Und das sehr gut erzählt ist. Die Sprache ist klar und biegsam, man wird regelrecht ins Geschehen hineingezogen, begegnet namhaften Autoren und verfolgt mit Spannung, wie ein junger schwuler Mann aus konservativem adeligen Hause seinen eigenen Weg geht, wie er sich zum Pazifisten entwickelt, früh gegen Antisemitismus einschreitet und eine Liebe zum Theater entwickelt.

Unzählige Theaterkritikern hat Maltzahn geschrieben, für Zeitungen im In- und Ausland. Sogar eine Zeitung in Brasilien leitete er zeitweise, bis der liberale Journalist nach einem Streit mit einem erzreaktionären deutschsprachigen Konkurrenzblatt (dem »Urwaldboten«) inhaftiert und des Landes verwiesen wurde.

Die deutsch-französische Verständigung war Maltzahn eine Herzensangelegenheit, die Agitation der Nationalsozialisten widerte ihn an. Den Untergang der Weimarer Republik erlebte der überzeugte Republikaner im selbst gewählten Exil in Paris, wo der starke Raucher 1934 an den Folgen einer tuberkulösen Lungenentzündung starb. Das Buch wird ergänzt durch ein Verzeichnis der Periodika, in denen Maltzahn veröffentlichte, ein kommentiertes Personenverzeichnis und einen Anhang mit Fußnoten. So geschmeidig sich die 20 Kapitel lesen lassen, so akribisch hat der Autor recherchiert.

Andrej Seuss hat bereits sein nächstes Buch abgeschlossen. Es handelt von dem Kunsthistoriker und Rinderzüchter Wolfgang von Harder, der 1934/35 nach Argentinien emigrierte. Ein unbekannter Held? Das mag sein, aber gleichfalls ein spannendes Leben. Derzeit sichtet Seuss 800 Briefe aus einem Nachlass, daraus soll eine Monographie entstehen. »Und irgendwann schreibe ich die Biographie von Albert H. Rausch alias Henry Benrath.«

Andrej Seuss: Der Vice-Malik - Hans-Adalbert von Maltzahn. Berliner Behème und Pariser Exil, Vergangenheitsverlag Berlin, 332 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 24 Euro.

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