1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Friedberg

Nur vage Erinnerung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jürgen W. Niehoff

Kommentare

Friedberg/Butzbach (jwn) War es Realität oder nur ein Albtraum? In dem Prozess gegen einen 32-jährigen Syrer, der sich wegen Verdachts der Vergewaltigung einer 15-jährigen Schülerin vor dem Friedberger Schöffengericht verantworten muss, scheinen die Grenzen nicht immer klar zu sein.

Der am häufigsten von den Zeugen geäußerte Satz am zweiten Verhandlungstag lautete: »Ich weiß es einfach nicht mehr, ich kann mich an nichts mehr erinnern.« Dabei ist die angeklagte Tat noch nicht einmal zwei Jahre her.

Am 12. Juli 2020 soll der Angeklagte die junge Gießenerin in einer Wohnung in Butzbach vergewaltigt haben. Dieser Samstagabend hatte für das spätere mutmaßliche Opfer und ihre Freundin in Gießen begonnen. Gemeinsam hatten sie im Lauf des frühen Abends eine Flasche Wodka getrunken und einige Pillen Ecstasy geschluckt, als sie auf die Idee kamen, nach Bad Nauheim zum Sprudelhof zu fahren. Dort würden an den Wochenenden immer Partys steigen, sagte die Freundin, die selbst in Bad Nauheim lebt. Da sie nur noch wenig Geld hatte, gingen sie zum Gießener Bahnhof und sprachen den Angeklagten und dessen Freund an. Die beiden erklärten sich sofort bereit, die stark angetrunkenen Jugendlichen samt einem Mitschüler nach Bad Nauheim zu fahren.

Im Sprudelhof ging die Party weiter, bis der 15-Jährigen schlecht wurde und sie sich hinlegen wollte. Auch da sei der Angeklagte sofort eingesprungen und habe eine Schlafmöglichkeit in Butzbach angeboten. Als die fünf die Wohnung erreicht hatten, ging die 15-Jährige gleich ins Schlafzimmer, legte sich angezogen ins Bett und schlief ein. Der Angeklagte soll nur wenig später das Zimmer betreten und sich neben sie gelegt haben. Er soll die 15-Jährige gegen ihren Willen ausgezogen und vergewaltigt haben.

Von Schreien wach geworden

Die Freunde des mutmaßlichen Opfers wollen davon nichts mitbekommen haben. Obwohl der Mitschüler, der die beiden Mädchen die ganze Zeit begleitet hatte, vor Gericht auf Nachfrage von Staatsanwältin Schröder eingestand, von Schreien wach geworden zu sein. Allerdings sei er den Schreien nicht nachgegangen. Erst einige Zeit später sei die 15-Jährige aus dem Schlafzimmer gekommen und habe von der Vergewaltigung berichtet. Der Angeklagte sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Wohnung gewesen.

Auch das andere Mädchen konnte sich nur noch sehr vage an den Vorfall erinnern. »Mir hat sie es auch erst später erzählt«, sagte die Freundin, die ihre Aussage mit dem Hinweis »ich habe jetzt einfach keine Lust dazu« begonnen hatte und erst nach Androhung eines Strafverfahrens ihr Erinnerungsvermögen wiederfand. Ob es in der Nacht tatsächlich zu einer Vergewaltigung gekommen sei, wollte keiner beschwören. »Sie hat es uns einfach nur weinend erzählt«, sagten die Freunde.

Die Polizistin, die in der besagten Nacht das Opfer vernommen und zur Untersuchung ins Krankenhaus gefahren hatte, berichtete, dass die Ärztin von widersprüchlichen Aussagen der 15-Jährigen gesprochen habe und an deren Körper auch keine Verletzungen habe feststellen können.

Stattdessen habe sie der Jugendlichen einen hohen Alkohol- und Medikamentengehalt im Blut attestiert, sagte Verteidiger Mhammed El Carrouchi und forderte, die Ärztin vor Gericht zu vernehmen. Weil sich nur geringfüge DNA-Spuren an der Kleidung der 15-Jährigen befunden hätten, verlangte er auch die Einvernahme dieses Sachverständigen.

Richter Dr. Markus Bange und Staatsanwältin Schröder versprechen sich davon keine weitere Aufklärung des Sachverhalts. »Die werden nach zwei Jahren ihre Aussage auch nur auf ihre Gutachten stützen können«, versuchte die Staatsanwältin, das Verfahren zu verkürzen. Doch vergebens - der Prozess wird fortgesetzt.

Auch interessant

Kommentare