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Peter Hähn: »Manche trauen sich nicht, sich als katholisch zu outen«

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Im Zweiten Weltkrieg, am 12. März 1945, wurde die Marienkirche in der Haagstraße von Bomben getroffen. Turm, Altäre, Kanzel und Statuen wurden zerstört oder schwer beschädigt. Wie es um den Glauben im heutigen Friedberg bestellt ist, weiß Peter Hähn, Vorsitzender des Gemeinderates. © Red

Missbrauchsskandale erschüttern die katholische Kirche. »Es gibt Mitglieder, die sich nicht mehr trauen zu sagen: Ich bin katholisch«, sagt Peter Hähn, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats in Friedberg.

Das Bistum Mainz hat sich auf den »Pastoralen Weg« gemacht. Das Ziel: Mehr Einfluss für die Basis. Warum das aus Sicht vieler Christen nötig ist, mag eine Episode erläutern, die sich vor Jahren in Dorheim zutrug, als der Bischoff von Mainz beinahe den Pfarrer des Amtes enthob.

Am Sonntag zur Dorheimer Kerb wird traditionell ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert. Nur schreibt die katholische Kirchenordnung sonntags die Eucharistiefeier vor, mit Abendmahl. Muss der katholische Pfarrer also zweimal an den Altar treten? Oder darf die Eucharistiefeier ausfallen? Ja, sagte Peter Hähn, damals im Kirchenvorstand für die Filiale in Dorheim zuständig. Der Generalvikar in Mainz sah das anders: Fällt die Eucharistiefeier aus, werde der Pfarrer seines Amtes enthoben, ließ er wissen. Und fügte unter der Hand hinzu: Hätte die Pfarrgemeinde nicht nachgefragt, wäre das niemanden aufgefallen. »Daraus habe ich gelernt«, sagt der Orthopädie-Meister.

Mitgliederschwund und Fanpost

Kirche ist nicht gleich Kirche. Was im »Pastoralen Weg« im einen Bistum gilt, muss nicht im nächsten gelten und in anderen Ländern schon gar nicht. »Mein Amt als Vorsitzender des Pfarrgemeinderats übe ich nicht für die Weltkirche aus, das mache ich für die Menschen, die mich gewählt haben«, sagt Hähn. Aus einem Umschlag holt er Din-A-4-Blätter hervor, darauf ein »Schriftimpuls«, eine Kommentierung einer Bibelstelle, die Lektoren im Gottesdienst vortragen. Eine Frau habe ihm geantwortet, sagt Hähn und zeigt eine Gebets-Collage und einen handschriftlichen Brief. »Meine Fanpost«, lacht er. »Dafür mache ich das.«

Das Bedürfnis nach Spiritualität sei da. »Wenn wir es nicht bedienen, machen das andere.« Die Skandale des Klerus freilich sorgen für Kirchenaustritte. »Der Mitgliederschwund ist riesig.« In zehn Jahren habe die Pfarrgemeinde 10 Prozent ihrer Mitglieder verloren.

»Kirchenaustritt ist ein Steuersparmodell«, sagt Hähn. Er war neulich auf einer Beerdigung im Bistum Trier. Der Vater eines Freundes war gestorben, beerdigt wurde er von einer Gemeindereferentin. Das Requiem wurde erst Wochen später gefeiert, für alle Verstorbenen der jüngsten Zeit. Der Brauereibesitzer hingegen, der zeitgleich starb, wurde vom Pfarrer beerdigt, und es wurde ein Requiem gefeiert. »Der Sohn fragte sich: Warum soll ich da noch Kirchensteuer zahlen?« Er sei aus der Kirche ausgetreten.

Es sind viele Probleme, die auf die katholische Kirche einprasseln, selbstgemachte Probleme. Die Missbrauchsfälle, die ans Licht kommen, seien furchtbar, sagt Hähn. Soweit er Einblick habe, würden solchen Fälle im Bistum Mainz gut aufgearbeitet. »Der Wille zur Aufklärung ist groß.« Ob das in allen Bistümer so ist? Zum umstrittenen Kölner Kardinal Wölki sagt Hähn, er hoffe, »dass er so klug ist und von sich aus zurücktritt.«

Frauen auf der Kanzel? Verheiratete Priester? Hähn hätte damit kein Problem. »Absolut nicht.« Auch in Friedberg übernähmen immer mehr Frauenmehr Aufgaben, hielten etwa Wortgottesdienste ab. Es gebe Gemeindemitglieder, die Reformen ablehnten. Die zu Hause bleiben, wenn statt des Pfarrers eine Pastoralreferentin den Wortgottesdienst leitet.

Der »Pastorale Weg« ist ein steiniger. Fehler, wie er sie in Trier erlebt habe, wolle man in der Wetterau vermeiden, sagt Hähn. Auch hier fehlen Pfarrer, auch hier werden Pfarreien in (größere) Pastoralräume aufgeteilt, drei an der Zahl. Doch man habe vorher eine Sozialraumanalyse angestellt, Modelle entwickelt und das beste davon ausgewählt.

Für Reformen seien kleine Schritte nötig

Die Krise der Kirche ist weltumspannend. In Afrika gebe es Gebiete so groß wie Hessen, in denen es nur einen Priester gebe. Auch von dort ist nicht mehr mit Nachwuchs zu rechnen. An Frauen als Priesterinnen, verheirateten Pfarrern, an der stärkeren Einbindung der Laien - daran führt nach Hähns Ansicht kein Weg vorbei. Aber dazu seien kleine Schritte nötig. Die Kirchenhierarchie habe bei den Mitgliedern zum »Konsumverhalten« geführt: »Sonntags in die Kirche gehen, Hostie abholen, Pflicht erfüllt, so kommt man in den Himmel.« Das war einmal, das müsse sich ändern, sagt Hähn. Aber das gehe nicht von heute auf morgen. Der »Pastorale Weg« sei »ein langer Weg«.

Gottesdienste in Zeiten der Corona-Pandemie

Der katholischen Kirche machen nicht nur Missbrauchsskandale, der Umgang mit Homosexualität oder die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in kirchlichen Ämtern zu schaffen. Angesichts der hohen Zahlen an Kirchenaustritten rücken die Pfarrgemeinden notgedrungen zusammen. Wer in der Kirche bleibe, dem oder der sei es Ernst mit dem Glauben, sagt der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Peter Hähn. Doch es gibt ein weiteres Problem: die Corona-Pandemie. Für Gottesdienste in Heilig-Geist-Kirche, Marienkirche oder der Filiale St. Anna in Dorheim müssen sich die Gemeindemitglieder anmelden. In der Heilig-Geist-Kirche sind nur 65 Besucher erlaubt. »Wir mussten schon Leute wegschicken«, sagt Hähn. Oder die Leute müssen draußen warten, ob ein vorbestellter Platz doch frei bleibt.

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