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Neu denken in haarigen Zeiten: Friedberger Friseur mit besonderem Projekt

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Von: Petra Ihm-Fahle

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In seinem Salon bildet Thomas Korff aus, hier mit Azubi Melissa Duric und Kundin Jutta Sittner. Der Friseurmeister bedauert die rückläufigen Lehrlingszahlen. © Petra Ihm-Fahle

Pandemie und Energie-Krise haben auch die Friseurbranche hart getroffen. Und es gibt den Fachkräftemangel. Gegen den tut Friseur Thomas Korff in Friedberg auf besondere Weise etwas.

Jutta Sittner sitzt im Sessel vor dem Spiegel im Salon Friseur Creative in Friedberg. Seit fünf Jahren kommt sie her, sie möchte die Haarfarbe auffrischen und die Konturen schneiden lassen. Der Salon liegt in der Kaiserstraße nahe der Burg. Früher hatte Inhaber Thomas Korff ein weiteres Geschäft in Bad Nauheim gegenüber des Hochwaldkrankenhauses und ein drittes in Dorheim. Beide hat er mittlerweile verkauft. Nun möchte der 54-Jährige auf ein Problem im Friseurhandwerk aufmerksam machen: den Personalmangel.

»In den 80er, 90er Jahren hatten wir 70 bis 80 Azubis im ersten Lehrjahr«, konstatiert der Meister. Aktuell besuchen im ersten Lehrjahr nur zehn Lehrlinge im Wetteraukreis die Berufsschulklasse. Unter anderem diese Veränderungen führten dazu, dass es schwer sei, Mitarbeiter zu finden.

Statt samstags eher abends Termine

Korff hat daher ein Pilotprojekt beschlossen, das unter anderem eine bessere Work- Life-Balance, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Job und Privatleben, ermöglichen soll. Im Friseurhandwerk hat seinen Worten zufolge bisher kaum jemand darüber nachgedacht. Sein Geschäft will er ab Anfang des neuen Jahres nur noch an vier Tagen in der Woche öffnen: dienstags, mittwochs, donnerstags und freitags.

Verbunden ist das neue Modell mit flexiblen Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich und mehr Flexibilität für die Kunden. Bietet er keine Samstagsöffnung mehr an, kann er stattdessen der Kundschaft Abendtermine unter der Woche offerieren. Das kommt Berufstätigen seiner Ansicht nach entgegen. Ausnahmen im Weihnachtsgeschäft und für Hochzeitsfrisuren kann er sich hinsichtlich des Samstags vorstellen. Korff hofft auch, mit dem neuen Modell als Arbeitgeber attraktiver zu werden. »Vielen Arbeitnehmerinnen ist die Freizeit sehr wichtig. Sie haben Kind und Mann, wollen am Wochenende für die Familie da sein«, weiß er. Seiner Erfahrung nach kommen Friseurinnen, die Mutter geworden sind, nach dem Erziehungsurlaub gerne zurück. »Aber häufig nur auf 450-Euro-Basis.«

Übertarifliche Bezahlung

Dass so wenige junge Menschen sein Handwerk erlernen wollen, liegt nach Ansicht von Korff an der niedrigen tariflichen Ausbildungsvergütung. Er setzt sich dafür ein, die Bezahlung für Lehrlinge zu erhöhen. »Mein eigenes Personal bezahle ich über Tarif, dazu kommen die Trinkgelder«, erläutert er. Es stimmt seinen Worten zufolge nicht, dass Friseure zu wenig verdienen, sehe man von den Beschäftigten bei »schwarzen Schafen« ab. Viel hilft die gute Bezahlung aber nicht, wenn er jemanden sucht. »Ich kriege niemanden. Und wenn ich dann welche bekommen kann, würden wir uns freuen, sie aufbauen und zu Seminaren schicken.«

Erschwerend kommen seiner Meinung nach die vielen Eröffnungen von Zehn-Euro-Läden hinzu. Seiner Ansicht nach ist es heutzutage geradezu riskant, einen Salon zu eröffnen. Laut einem Artikel der Deutschen Handwerkszeitung (DHZ) hatte die Corona-Krise auch im Juli noch weiterhin negative Auswirkungen auf das Friseurhandwerk. Die DHZ berief sich dabei auf den Zentralverband des Deutschen Frisierhandwerks (ZV). Die Folgen des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine nannte der ZV ebenfalls als Grund für eine absteigende Entwicklung. Inflation, steigende Lebenshaltungs- und Energiekosten führen demnach zu einer Konsumzurückhaltung seitens der Verbraucher. Treffen würde das auch die ohnehin von der Pandemie stark gebeutelte Friseurbranche, schreibt die Handwerkszeitung. Thomas Korff sieht das genauso. »Ich bin mit Leidenschaft Friseur«, betont er. Es brauche aber wieder mehr Wertschätzung für diesen Beruf. »Wir sind Psychologen, Künstler, Modeberater, Handwerker - wir sind eigentlich alles.«

Kundin Jutta Sittner ist auf jeden Fall zufrieden mit dem Service. Qualität ist ihr wichtig. »Ich bin erstmals hergekommen, weil mir damals ein anderer Friseur die Haarfarbe verdorben hat«, erzählt sie. Die Frau schaut in den Spiegel, ihr Schnitt sitzt wieder. Sein neues Arbeitszeitenmodell will Friseurmeister Korff ab Januar ein halbes Jahr lang ausprobieren.

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