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»Samenspende nicht verheimlichen«

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Von: Sabrina Dämon

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Nur durch Zufall erfährt Sabrina Graulich, dass sie in einer Samenspender-Klinik in der Wetterau gezeugt worden ist. Ihr Anliegen ist es, betroffene Eltern zu überzeugen, offen mit dem Thema umzugehen.

Mit Mitte 20 erfährt Sabrina Graulich von ihrer Halbschwester: eine junge Frau, die denselben Erzeuger hat. Inzwischen, erzählt die 29-Jährige, kennt sie 13 weitere Halbgeschwister. »Wir sind in ganz Deutschland und auch im Ausland verteilt.« Sie alle sind in den 80ern und 90ern in der Wetterau in einer Samenspender-Klinik gezeugt worden. Wie viele es tatsächlich sind? »Das ist unbekannt.«

Es war ein Zufall - »das Worst-Case-Szenario«, wie Sabrina Graulich es heute beschreibt. Sie war Anfang 20, spricht mit einem Bekannten der Familie, der plötzlich und nebenbei sagt: »Dein Vater kann ja keine Kinder bekommen.« »Ich dachte mir: Was hat er da gerade gesagt?« Sie spricht ihre Mutter an. »Sie war geschockt. Weil sie hoffte, dass es nie ans Licht kommt.«

Die heute 29-Jährige ist mit der großen Schwester, der Mutter und dem Vater aufgewachsen. Dass er nicht ihr Erzeuger ist, ahnte sie nicht. Erst als sie ihre Mutter anspricht, erfährt sie, wie und wo sie gezeugt worden ist. »Ich habe recherchiert und die Klinik gefunden.« Der Arzt habe ihr am Telefon gesagt, es gebe keine Daten mehr zum Spender. »Er hat mich angelogen, aber das wusste ich damals noch nicht.«

Sie habe es deswegen auf anderen Wegen versucht. Ihre Recherche habe sie zu dem Verein Spenderkinder geführt. Dort traf sie eine junge Frau, die in derselben Klinik gezeugt worden ist. Durch einen Gentest, erzählt Sabrina Graulich, erfuhren die beiden, dass sie Halbschwestern sind.

Mit der Zeit habe sie weitere Halbgeschwister kennengelernt, die sich schon vor ihr gefunden hätten. Manche von ihnen seien »richtige« Geschwister - »so wie ich und meine große Schwester«, erzählt Sabrina Graulich: Weil die Eltern zwei Kinder wollten und sich die Mütter deswegen zweimal Samen des selben Spenders injizieren ließen.

»Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen uns. Die Gesichtszüge sind oft ähnlich, aber auch die Geschichten aus der Vergangenheit.«

Inzwischen, knapp zehn Jahre später, weiß Sabrina Graulich, wer ihr Erzeuger ist. Allerdings nicht durch den Arzt, wie sie erzählt. Der habe die Akten bis zuletzt unter Verschluss gehalten bzw. die Anruferin vertröstet. »Dabei müssen die Daten 110 Jahre aufbewahrt werden.« (siehe Kasten)

Eines der Spenderkinder habe den Vater ausfindig machen können. Sabrina Graulich weiß deswegen, wer er ist. Kontakt habe sie bisher noch nicht aufgenommen. Ein Bild von ihm zu haben, sei ihr dennoch wichtig gewesen. »Jedes Kind hat ein Recht darauf, die eigene Herkunft zu kennen. Es ist essenziell für die Persönlichkeitsentwicklung, aber auch hilfreiches Wissen im Umgang mit genetischen Dispositionen und chronischen Erkrankungen.« Sabrina Graulichs wichtigstes Anliegen sei deswegen Aufklärung. Einerseits, um etwas über die eigene Geschichte zu erfahren. Andererseits - auch wenn die Wahrscheinlichkeit nicht sehr groß ist: »Woher soll man wissen, dass keine Verwandtschaft zum Partner besteht, wenn der Arzt die Anzahl der Spenderkinder verschleiert?«

Vor allem aber gehe es ihr darum, Eltern zu überzeugen, ihren Kindern die Wahrheit zu sagen. »Vielleicht kostet das viel Mut, aber schlimmer ist es, wenn sie es durch Außenstehende erfahren - wie es bei mir passiert ist«, sagt sie.

»Ärzte hielten Eltern mit Kinderwunsch damals dazu an, den durch Insemination gezeugten Kindern bloß nichts von der Zeugungsart zu erzählen.« In vielen Familien habe dadurch über Jahre eine angespannte Stimmung geherrscht - durch die unterschwellige und ständige Bedrohung, die Wahrheit könne ans Licht kommen. »Zumal viele mittlerweile rein aus Interesse DNA-Tests zur Ahnenforschung machen und dann vielleicht feststellen, dass sie einen anderen biologischen Vater haben.«

Sie selbst habe einen guten Umgang mit der Situation gefunden. Weil sie das lange Schweigen ihrer Eltern nachvollziehen könne. »Doch als die Wahrheit ausgesprochen war, ist meine Mutter sehr erleichtert gewesen.«

Die 29-Jährige kennt aber auch andere Fälle, in denen das Verheimlichen zu einem Bruch geführt habe. »Weil es auch Lügen in den Familien sind: Wenn Kinder fragen, was sie vom Papa haben, und sich die Eltern eine Antwort ausdenken. Später wissen die Kinder, das waren alles Lügen.« Manche Samenspenderkinder fühlten sich fremd in der Familie oder schämten sich.

»Aber es ist ein Teil von mir«, sagt Sabrina Graulich. »Wieso soll ich mich schämen, nur weil ich so erschaffen worden bin? Es ist schön, ein Kind zu zeugen. Und manche brauchen eben Hilfe.« FOTO: PV

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