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Schauspielerin Ulrike Folkerts: »Es muss sich etwas ändern«

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Von: Sabine Bornemann

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Über die eigenen Grenzen hinausgehen, an sich wachsen: Das hat Schauspielerin Ulrike Folkerts alias »Tatort«-Kommissarin Lena Odenthal immer getan. Privat und in ihrer Karriere. Mit großem Erfolg.

Sie ist als Lena Odenthal die Dienstälteste »Tatort«-Kommissarin. Durfte »frech und unverblümt auf Mörderjagd gehen«, wie sie sagt. Von Stolpersteinen hat sie sich nie aufhalten lassen. Davon handelt ihre Autobiografie »Ich muss raus«. Welche Höhen und Tiefen sie erlebt hat, wird sie am Donnerstag bei »Friedberg lässt lesen«erzählen.

Sie sind ein Vorbild: Als Privatperson und irgendwie auch mit der Rolle der Lena Odenthal. Sehen Sie das auch so?

Tatsächlich sehe ich das inzwischen auch so. Anhand meiner Fanpost und von Artikeln über meine Rolle der Lena Odenthal bestätigt sich, dass ich sowohl als Privatperson als auch als Kommissarin im TV für das Bild der Frau etwas vorangetrieben habe.

Seit 1989 spielen Sie Lena Odenthal. Kommissarinnen gab es damals kaum. Sie haben sich also eine Männerdomäne erobert?

Eigentlich bin ich in die Fußstapfen von Nicole Heesters und Karin Anselm getreten. Die beiden haben den Grundstein gelegt und die ersten Hürden beiseitegeräumt. Ich durfte dann frech und unverblümt auf Mörderjagd gehen.

Haben Sie das Frauenbild damit verändert?

Da zitiere ich doch gern einen Satz aus der »Taz« vom November 2020: »Die Geschichte der Lena Odenthal ist eine Geschichte übers deutsche Fernsehen. Und über seinen Wandel. Diese Rolle hat in den letzten 30 Jahren mehr für Frauenfiguren im deutschen TV getan als alle Intendanten zusammen.«

Dennoch schreiben Sie in »Ich muss raus«, dass diese »Tatort«-Rolle Fluch und Segen war. Warum?

Das bezieht sich ausschließlich auf die TV- und Filmbranche, die uns Schauspieler/innen gerne in Schubladen steckt und auf eine, in meinem Fall die Rolle der Kommissarin festlegt und mir selten die Chance gibt, mein schauspielerisches Talent auch anderen wichtigen Rollen zur Verfügung zu stellen.

Sie haben - kurz vor Ihrem 60. Geburtstag - Ihre Autobiografie geschrieben. War es schwer, so viel Privates preiszugeben, in die Tiefe zu gehen?

Als ich mich entschieden hatte, zu schreiben (denn das war die Idee des Brandstätter Verlages aus Wien, nicht meine), dachte ich, wenn ich es mache, dann schreibe ich über alle Höhen und Tiefen, die mein Leben zu bieten hat. Ohne meine Träume, ohne Fehler zu machen oder gar zu scheitern, wäre mein Weg nicht so reich und bunt gewesen.

Der Buchtitel »Ich muss raus« kann vielseitig interpretiert werden: Raus aus Klischees, raus auf die Bühne. Was war Ihr Gedanke?

Es ging mir darum, aufzuzeigen, wie wichtig es ist, Unvorstellbares zu wagen, über seine bekannten Grenzen hinauszuwachsen und sich zu trauen, trotz allen denkbaren Risiken und möglichen Stolpersteinen, weil zum Beispiel mein Wunsch, Schauspielerin zu werden, eine solch treibende Kraft hatte.

Sie haben »Ich muss raus« zusammen mit Journalistin Heike Vowinkel geschrieben. Gab es Diskussionen, was den Weg ins Buch finden sollte und was nicht?

Heike Vowinkel hat mir sehr geholfen, eine Struktur für das Buch zu finden, einen roten Faden, an dem wir uns langarbeiten konnten. Inhaltlich hatte ich alle Freiheiten, Heike hat eher noch mal nachgehakt, um mehr in die Tiefe zu gehen, das hat mich gefordert, aber auch weitergebracht.

Sie sagen, dass Sie oft als Kind schon aus Trotz geschwiegen haben, dadurch widerspenstig waren. Hat Ihnen die Schauspielschule dagegen geholfen?

In der Zeit an der Schauspielschule hatte ich die Chance, zu begreifen, welche Mechanismen ich benutze, um Dinge nicht zu tun oder auszuweichen. Und ich lernte neue Wege auszuprobieren. Das war mehr als hilfreich, wenn auch manchmal schwer.

Zu Anfang Ihrer Laufbahn habe man Ihnen davon abgeraten, sich zu outen. Dann geschah das Outing öffentlich eher unfreiwillig. War das im Nachhinein eine glückliche Fügung?

Für mich persönlich war es im ersten Moment ein Schock, zwei Wochen schien mein Leben auf den Kopf gestellt, aber im Nachhinein war ich froh, dass es endlich raus war, ich mich nie wieder verstellen müsste, ich offen darüber reden durfte.

Wird Kollegen und Kolleginnen heute immer noch vom Outing abgeraten?

Die Antwort lautet: Ja!

Haben Sie deshalb bei der Aktion »Act out« mitgemacht?

Das war gar keine Frage. Mich hat es sehr gefreut, dass es diese längst überfällige Initiative gab. Es muss sich etwas ändern, und das geht am besten, wenn wir uns zusammentun und Forderungen stellen. Es geht zum einen um die Benachteiligung bei Besetzungen von lesbisch, schwul, bi, trans*, queer, inter und nonbinären Schauspieler/Innen und um die Sichtbarkeit der Vielfältigkeit von Lebensformen im Fernsehprogramm.

Braucht es Ihrer Meinung nach mehr weiblichen Einfluss in der Film- und Fernsehbranche?

Nicht umsonst gibt es so was wie #ProQuoteRegie. Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen, Hauptrollen für Frauen über 40 Jahre - da gibt es ein großes Ungleichgewicht gegenüber den männlichen Kollegen. Frauen sollten mehr für Frauen tun. Das könnte helfen.

Lesung in der Augustinerschule

(pm). Ulrike Folkerts spielt als Lena Odenthal die dienstälteste »Tatort«-Kommissarin. Im Zuge der Reihe »Friedberg lässt lesen« ist sie am Donnerstag, 10. März, ab 20 Uhr in der Augustinerschule in Friedberg mit ihrem Buch »Ich muss raus« zu Gast. Darin erzählt Folkerts offenherzig und humorvoll von ihrem Kampf gegen innere und äußere Widerstände.

Als Ermittlerin Lena Odenthal hat sie das Frauenbild im deutschen TV-Krimi revolutioniert. Doch ihre eigene Rolle im Leben zu finden, war ein längerer und härterer Weg.

Ihre Erfahrungen als prominente Frau in der Filmbranche, als lesbische Frau, als kinderlose Frau, als älter werdende Frau spiegeln wider, was viele Frauen erleben. Um aus vorgesehenen Rollen auszubrechen, braucht es Kraft und Mut.

Folkerts ist 1961 in Kassel geboren als Tochter einer Kosmetik-Beraterin und eines Schaufensterdekorateurs. Als erste Frau spielte sie bei den Salzburger Festspielen im »Jedermann« 2005/2006 die Rolle des Tods.

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