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Schwere Zeiten für Kirchen - auch in der Wetterau

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Von: Christoph Agel

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Himmlisch ist die Lage der christlichen Kirchen auch in der Wetterau nicht unbedingt. Die Austritte machen sich bemerkbar. Aber es gibt auch viele Engagierte, die sich nach wie vor für ihre Kirche und ihre Mitmenschen einsetzen. SYMBOLFOTO: IMAGO/IMAGEBROKER © Red

Die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche und andere Gründe haben einen massiven Anstieg der Kirchenaustritte zur Folge. Wie ist es um die christlichen Kirchen in der Wetterau bestellt?

Jeder Missbrauch steht in schärfstem Widerspruch zu der Botschaft, die wir vertreten. Angesichts dessen differenzieren viele Menschen auch nicht mehr. Die Konfession spielt für viele gar keine Rolle mehr. Das ist alles Kirche und das ist alles verwerflich.« Skandale in der einen Kirche wirken sich auch auf die andere aus, macht Volkhard Guth, Dekan des Evangelischen Dekanats Wetterau, deutlich. Ohne dabei zu behaupten, seine Kirche wäre heilig. »In der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau arbeiten wir jeden einzelnen uns bekannt gewordenen Fall auf - und ganz selbstverständlich auch mit der staatlichen Justiz, wo diese ermittelt.«

Mit Blick auf den Missbrauch in der katholischen Kirche und den Umgang damit ist diese Zeitung der Frage nachgegangen, wie sehr sich dies auf die christlichen Konfessionen in der Wetterau auswirkt und wie man in die Zukunft blickt.

Ein anderer Skandal hatte auch Folgen

»Die Bereitschaft zum Austritt erhöht sich durch Irritationen, wie sie durch Missbrauchs- und Finanzskandale hervorgerufen werden«, sagt Gert Holle, Öffentlichkeitsreferent des Evangelischen Dekanats Büdinger Land. Die Ereignisse um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst 2013 hätten auch bei Protestanten am Vertrauen in die eigene Glaubensgemeinschaft gerüttelt. Wie sich die neuerliche Debatte um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche auf die Austrittsbereitschaft in der evangelischen Kirche auswirke, lasse sich noch nicht genau sagen. »Die Erfahrung aus der Vergangenheit lässt aber vermuten, dass mit einer leichten Zunahme der Austritte zu rechnen ist.« Andererseits gebe es auch Menschen, die vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertieren, macht Guth deutlich: »Diese Anfragen erhalten wir immer wieder. Und das geschieht auch. Auch in unseren neu gewählten Kirchenvorständen sowie unter unseren Pfarrer*innen finden sich Personen, die vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertiert sind.«

Was sagt die katholische Seite? Andreas Münster vom Katholischen Dekanat Wetterau-West rechnet damit, dass sich die Entwicklung noch viele Jahre fortsetzen werde, »denn es werden weitere Gutachten von weiteren Bistümern veröffentlicht. Und sehr wahrscheinlich wird man auch da Fehlverhalten von Verantwortlichen feststellen, auch wenn dann kein emeritierter Papst betroffen sein wird.« Münster fürchtet, dass dies in der Öffentlichkeit dann oft so wahrgenommen werde wie »Da ist schon wieder was passiert«, obwohl es sich auf die gleichen Jahre beziehe wie die bisherigen Gutachten.

Rechtfertigung und Generalverdacht

Gibt es auch Positives? Er kenne niemanden, der wegen der Missbrauchsskandale sein Engagement aufgegeben habe, sagt Münster. »Aber es ist eine Belastung für das ehrenamtliche Engagement; und zwar auf mehreren Ebenen.« Ebene eins: Wenn die Identifikation mit der Kirche durch die Krise der Kirche geschwächt sei, dann beende man bei konkreten Schwierigkeiten eher sein Engagement. Ebene zwei: Viele würden kritisiert - nach dem Motto: »Wie kannst du dich denn noch für diesen ›Laden‹ einsetzen, du bist doch sonst ganz in Ordnung?« Ebene drei: »Fast alle Ehrenamtlichen müssen eine Präventionsschulung machen und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, selbst wenn er oder sie nur einmal in der Woche für 5 Minuten im gleichen Raum (Sakristei) mit Kindern oder Jugendlichen ist«, sagt Münster. »Das ist zum einen eine zeitliche Belastung, zum anderen höre ich gelegentlich Äußerungen, dass man als Katholik unter Generalverdacht steht, was der Motivation auch nicht förderlich ist.« Es gebe aber auch das umgekehrte Motiv: »Auf die da oben kann man sich nicht verlassen. Aber wir hier vor Ort können viel Gutes bewirken, also packen wir es an.«

Kein Argument zum Resignieren

Münster meint, die Kirche habe in ihrer jetzigen Form vermutlich kaum Zukunft. Wenn es aber gelinge, Begeisterung am Glauben zu wecken, dann habe sie diese Zukunft eben doch.

Auch Gert Holle sieht Positives: Es gebe kein Sterben der Kirchen. »Die zahlreichen Berichte in den Medien von kirchengemeindlichen Veranstaltungen in unserer Region zeugen davon, dass kirchliches Engagement nach wie vor eine wahrnehmbare Rolle neben anderen gesellschaftlichen Ereignissen spielt.« Dies sei zumindest vor Corona sichtbar gewesen. »Der Rückgang kirchlicher Ressourcen ist kein Argument für einen Rückzug und Resignation.«

Über 46 000 Katholiken im Dekanat

Ende 2021 waren im Dekanat Wetterau-West laut Andreas Münster vom Dekanatsbüro 46 543 Katholikinnen und Katholiken gemeldet. Stand 10. Februar seien es wohl etwa 250 weniger. 44 Menschen wirken hauptamtlich im seelsorglichen Dienst, davon einige in Teilzeit. »Gut ein Dutzend davon sind nicht in der Pfarreiseelsorge, sondern in anderen Einsatzstellen wie Klinik- oder Gefängnisseelsorge oder auch mit einem Auftrag für mehrere Dekanate tätig. Dazu kommen Priester und Diakone im Ruhestand und Verwaltungskräfte wie Sekretärinnen«, erläutert Münster. Zu den Ehrenamtlichen habe er keine Zahlen für die Dekanatsebene. Wenn man den Begriff weit im Sinne von »Freiwilliges Engagement« fasse und zum Beispiel einen Dienst wie die coronabedingte Einlasskontrolle bei den Gottesdiensten dazu zähle, komme man im Dekanat bestimmt auf 1000 bis 2000 Personen, die sich ehrenamtlich engagieren.

Etwa 3500 Ehrenamtliche im Evangelischen Dekanat Wetterau

Und wie ist das bei der evangelischen Kirche? »Ich erlebe in unserem Dekanat vermehrt engagierte und motivierte Ehrenamtliche, häufig auch jüngere Menschen. Man kann sagen: Wer sich heute in seiner Kirche engagiert, weiß warum!«, macht Dekan Volkhard Guth vom Evangelischen Dekanat Wetterau deutlich. Laut Statistik hätten sich im Jahr 2020 etwa 3500 Ehrenamtliche in den Gemeinden eingebracht. Ebenfalls Stand 2020 gebe es 70 677 Gemeindemitglieder. Aktuell seien etwa 50 Pfarrpersonen hauptamtlich beschäftigt, hinzu kämen circa 280 Mitarbeiter in den Kitas des Dekanats sowie die Mitarbeiter in den Kirchengemeinden und im Dekanat selbst.

Pro Jahr etwa 1100 evangelische Christen weniger

»Als ich im Jahr 2004 meine Arbeit als Öffentlichkeitsreferent in den ehemaligen Dekanaten Büdingen, Nidda und Schotten antrat, hatten wir in 79 Kirchengemeinden 74 000 Mitglieder. Heute, 18 Jahre später, zählt das fusionierte Dekanat Büdinger Land nach Zusammenschlüssen in nunmehr 76 Kirchengemeinden rund 55 000 evangelische Christen. Kontinuierlich hat die Mitgliederzahl pro Jahr um gut 1100 evangelische Christen abgenommen«, erläutert Gert Holle. Das entspreche pro Jahr etwa der Größe einer durchschnittlichen Gemeinde, der im Dekanat nämlich im Schnitt 1000 Menschen angehören. Dieser Trend könne nicht nur damit erklärt werden, dass mehr Menschen sterben als geboren werden. Es gehe um gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, aber auch um das Innenleben evangelischer Kirchen und die Wahrnehmung von kirchlichem Leben in der katholischen Kirche.

Als mögliche Gründe für den Rückgang sieht Holle folgende Aspekte: »Fehlende religiöse Erfahrungen, kombiniert mit abnehmendem religiösem Wissen. Dieser Umstand führt möglicherweise dazu, dass vielen jüngeren Menschen ein Leben ohne Religion als selbstverständlich erscheint und dass dementsprechend die Bereitschaft, wiederum eigene Kinder religiös zu erziehen, erkennbar sinkt.«

Weltanschauliche Veränderungen, hervorgerufen durch den naturwissenschaftlichen Fortschritt, mögen laut Holle »so manchen berechtigten Zweifel an biblischen und kirchlichen Aussagen geweckt haben«. Mit wachsender Mobilität sei auch eine religiös-weltanschauliche Pluralisierung einher gegangen. Die Mobilität im Internet habe ihr Übriges zur Entwicklung beigetragen.

»Nichtsdestotrotz konnten wir bei den vergangenen Kirchenvorstandswahlen im vergangenen Jahr die Vorstände in unseren Gemeinden wieder mit zahlreichen Ehrenamtlichen besetzen, die Ideen und Engagement einbringen. Über 500 evangelische Christinnen und Christen wollen Kirche vor Ort und im Dekanat Büdinger Land mitgestalten.« Dekan Wolfgang Keller weist darauf hin, dass das Evangelische Dekanat Büdinger Land bei den Kirchenvorstandswahlen im Vergleich zu den anderen Dekanaten der Landeskirche die höchste Zuwachsrate in Sachen Wahlbeteiligung gehabt habe. »Wir wollen Begegnungsräume eröffnen, Begeisterung wecken und die Menschen zur Beteiligung ermuntern.«

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