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Sie hat einst die Kirchenglocken geläutet: 87-Jährige zurück an alter Wirkungsstätte in Friedberg

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Von: red Redaktion

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Die heute 87-jährige Rosi Geyer hat ihren früheren Arbeitsplatz erreicht: Als 13-Jährige hat sie in der Friedberger Stadtkirche die Glocken geläutet. © pv

Als 13-Jährige hat Rosi Geyer aus Friedberg die Glocken der Stadtkirche geläutet. Nun, mit 87, hat sie die Stufen erneut erklommen und an alter Wirkungsstätte vorbei geschaut.

Ein Herzenswunsch ist dieser Tage für Rosi Geyer in Erfüllung gegangen. Die gebürtige Friedbergerin hat noch einmal den Glockenturm der Friedberger Stadtkirche bestiegen. Ermöglicht hat ihr dies ihre Nachbarin Nina Blum de Almeida, der sie immer wieder von ihrer Tätigkeit als »Glockenläuterin« in der Stadtkirche erzählt hatte. Blum de Almeida setzte sich daraufhin mit dem Gemeindebüro der evangelischen Kirchengemeinde Friedberg in Verbindung. Die dortige Mitarbeiterin Gabriele Köhler vermittelte ihr völlig unbürokratisch und kurzfristig die Möglichkeit, den Glockenstuhl zu besichtigen.

Bevor es die 124 Stufen nach oben ging, hatte sich Rosi Geyer die Stadtkirche angesehen, in der sie noch viele ihr bislang entgangene Details entdecken konnte, obwohl die Friedberger Stadtkirche, wie Geyer erzählte, für sie eine richtige Familienkirche sei, die sie in ihr Herz geschlossen habe. »Wahrscheinlich wurde ich hier getauft, an die Konfirmationszeit hier erinnere ich mich gut, und meine Trauung fand auch hier statt«, sagte Geyer. Die Schlichtheit und Eleganz der Kirche bewundert sie bis heute.

Zum Schluss nach oben ziehen lassen

Als 13-jähriges Mädchen wurde die heute 87-jährige Rosi Geyer 1947 vom Inhaber des Wäsche- und Aussteuergeschäftes Franz Weber, Herrn Rudolf Mees, auf der Kaiserstraße angesprochen und gefragt, ob sie denn nicht Lust hätte, die Kirchenglocken zu läuten. Sie sagte zu und war so über zwei Jahre im Glockenturm tätig.

Nach dem Kirchenrundgang begann der Aufstieg in den Glockenturm. Etwa nach der Hälfte der Strecke auf der Wendeltreppe wurde der Raum erreicht, in dem damals die Seile gehangen hatten, an denen die Glocken befestigt gewesen waren. Sofort konnte sich Rosi Geyer mit einem Strahlen im Gesicht an die Umgebung erinnern. »Ja, das war mein Arbeitszimmer, mein Arbeitsplatz«, sagte sie. Sie habe meistens die große Glocke, die etwa 3600 Kilo schwere Sonntagsglocke aus dem Jahr 1711, läuten müssen, sagt sie. Warum dies so war oder warum dies nicht die noch anwesenden Männer taten, daran konnte sie sich nicht erinnern. Zum Schluss des Läutens, so erklärte sie, habe sie sich immer am Seil festgehalten und sei so nach oben gezogen worden. Sozusagen etwas Freude für die Mühen.

Geläutet wurde an Sonntagen, Feiertagen, zu Hochzeiten und bei Beerdigungen. Für das Läuten erhielt Rosi Geyer 1,20 Mark - ein kleiner Zuverdienst, der in der Familie gut gebraucht wurde. Das Mädchen konnte damit seine alleinerziehende Mutter und seine beiden Geschwister unterstützen.

Heute läuft es elektronisch ab

Nach einigen Erläuterungen und der Feststellung, dass es die Treppe und den Holzverschlag in diesem Raum früher nicht gegeben habe, ging es die restlichen Stufen nach oben in die Glockenstube. Mit erstaunlich guter Fitness wurden diese gemeistert, und der Augenblick war gekommen, dass sie nach über 70 Jahren wieder vor »ihrer« Glocke stand, die sie am liebsten umarmt hätte. Sichtlich gerührt erzählte Rosi Geyer, dass sie noch heute aus ihrer Wohnung die Glocke beim Läuten deutlich erkenne. Durch das lange Nachschwingen ist die Hauptglocke des Geläutes dann auch noch als letzte Glocke zu hören.

Nach intensivem Betrachten des Glockenstuhls, der Eisenverstrebungen, die für die nötige Stabilität sorgen, und der Motoren, die die Glocken jetzt antreiben, ging es wieder nach unten. Im Kirchenraum zeigte Silke Heimann, Küsterin der Stadtkirche, dann Rosi Geyer noch das kleine Kästchen, von dem aus heute die Glocken elektronisch gesteuert werden. Roland Reichl

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