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Sicherheit, aber soziale Abschottung: Durch Corona sind Begegnungen in Pflegeheimen komplett heruntergefahren worden. Deswegen, sagt Dr. Oliver Schultz, muss der Blick nun wieder nach vorne gerichtet werden, um zu schauen, welche Möglichkeiten es im Kleinen gibt, Begegnungen zu ermöglichen.

Soziale Abschottung

Corona in Pflegeheimen: „Das braucht Aufarbeitung“

  • Sabrina Dämon
    VonSabrina Dämon
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Mit Corona kam die Abschottung. Pflegeheime haben ihre Türen geschlossen, das Virus sollte draußen bleiben. Doch was ist in dieser Zeit geschehen? Mit den Menschen, die dort wohnen, mit denen, die dort arbeiten? Und mit den besorgten Angehörigen?

Der Soziologe Dr. Oliver Schultz macht zum Thema Abschottung ein Forschungsprojekt. Er hat mit Betroffenen gesprochen, u.a. in Linden, emotionale Einblicke bekommen und Perspektiven entwickelt.

Im Sommer haben Sie das Projekt »Sozialraum Altenpflegeheim in Zeiten von Corona« gestartet. Worum geht es dabei?

Begonnen hat es mit der Frage, wie der Konflikt erlebt wird: Abschottung der Pflegeheime und soziale Beschränkungen auf der einen Seite, Sicherheit auf der anderen. Daraus ist das Projekt entstanden. Wir wollen schauen, wie die Einrichtungen damit umgegangen sind, welche Erfahrungen man dort gemacht hat. Einerseits geht es um die Aufarbeitung, andererseits wollen wir den Blick nach vorne richten, schauen, welche Lehren man ziehen kann - mit dem Fokus auf den Sozialraum.

Inwiefern?

Altenpflegeeinrichtungen sind zwar Institutionen, für sich organisierte Versorgungsbereiche, dennoch sind sie stark mit dem Quartier und der Gesellschaft verbunden. Diesen Blickwinkel wollen wir wieder in Erinnerung rufen. Denn Corona hat die Perspektive auf die Infektiologie gelegt. Zwar aus besten Gründen. Dennoch gilt es, nicht die Frage danach zu vergessen, was mit dem sozialen Leben geschehen ist. Und welche Möglichkeiten Akteure vor Ort sehen, um das wiederzubeleben.

Corona-Abschottung im Pflegeheim: „Die schlimmste Zeit des Lebens“ der Angehörigen

Sie haben Gespräche mit Betroffenen geführt. Wie hat sich das gestaltet?

Vergangenen Sommer habe ich begonnen. In einer Zeit, in der es wieder Begegnungsmöglichkeiten gab. Es ist ein Pilotprojekt: Es geht nur um zwei Einrichtungen, das ist zwar nicht repräsentativ. Dennoch muss man irgendwo anfangen. Bei den Gesprächen im Seniorenzentrum in Großen-Linden und im Antoniusheim in Wiesbaden waren Leute aus verschiedenen Bereichen: Pflegende, Angehörige, Ehrenamtliche, Sozialdienst-Mitarbeitende. Unsere Auffassung von Sozialraum ist, dass alle möglichen Akteure, professionelle und nicht-professionelle, bei der Gestaltung des Soziallebens eine Rolle spielen.

Wie waren die Gespräche?

Emotional. Es gab fast keine Begegnung, in der nicht starke Gefühle aufgekommen sind. Auf allen Seiten. Vor allem bei Angehörigen, die in den Hochzeiten der Pandemie ihre Mütter, Väter, Tanten, Onkel nicht sehen konnten und voller Ungewissheit waren. Die Erinnerung daran war sehr schwer. Das hat deutlich gemacht: Hier ist etwas geschehen, was Aufarbeitung braucht. Man sollte nicht einfach versuchen, es hinter sich zu bringen. Zumal wir noch mittendrin sind.

Was haben die Angehörigen erzählt?

Sie haben oft gesagt, das war die schlimmste Zeit ihres Lebens. Weil sie so in Sorge gewesen sind. Eine Frau hat zum Beispiel erzählt: »Mein Vater trinkt sehr wenig, aber wenn ich komme, schaffen wir es, dass er ein bisschen was trinkt.« Solche einfachen Versorgungsfragen, die aber ein Gegenüber brauchen. Wenn das Vertrauen da ist, gelingt es, aber das kann man nicht mechanisch ersetzen durch eine Zeitarbeitsfirma. Das braucht Zeit und Verbundenheit. Gerade bei Menschen mit Demenz. Sie wissen vielleicht nicht mehr den Namen, aber empfinden die Verbindung. Wenn die fehlt, verfallen sie in Apathie oder Teilnahmslosigkeit. Die Angehörige wussten das, während sie nicht in die Heime durften, und waren entsprechend besorgt.

Dr. Oliver Schultz hat sich schon oft wissenschaftlich mit dem Thema Demenz befasst - nun forscht er über Altenpflegeheime in Zeiten von Corona.

Haben Sie auch mit Bewohnern gesprochen?

Ja, zum Teil. Erstaunlicherweise waren sie viel gelassener. Man sagt ja oft, die ältere Generation ist krisenerprobt. Vielleicht stimmt das auch. Die Bewohner, mit denen ich gesprochen habe, haben die Kontaktbeschränkungen mit großem Verständnis kommentiert. Sie haben durchaus gesagt, es war eine sehr schwere Zeit. Es kam teilweise zu zweiwöchigem Isolieren auf den Zimmern, nicht einmal Gespräche waren möglich. Aber jetzt liegt das für sie zurück. Sie schauen zum Teil mit einer gewissen Gelassenheit zurück und haben es überstanden - wie so vieles andere auch. Allerdings sind das die Bewohner, mit denen man sprechen kann. Es sind nicht sehr viele, die dazu in der Lage sind oder sich bereit erklärt haben. Vielleicht sind das eben die, die es gut verkraftet haben. Es gibt auch Bewohner, die diese Zeit schlecht verkraftet haben. Eine Angehörige hat von ihrem Vater berichtet, der sehr schwermütig geworden ist. Beinahe depressiv. Das Rätsel ist auch, wie es für Menschen mit Demenz gewesen ist. Ich denke, das ist mit großer Vorsicht zu beurteilen: Nur weil sie es nicht sagen können, heißt das nicht, dass es nicht eine tiefgreifende Erfahrung für sie dargestellt hat.

Wie hat sich in den Gesprächen die Perspektive der Pflegenden dargestellt?

Sie mussten unter extremen Belastungen ihren Dienst verrichten. Teilweise mit Schutzanzügen etc. Dann wurden Mitarbeitende krank; es gibt ohnehin einen Pflegenotstand, und plötzlich waren es noch weniger Leute, die diesen sehr anstrengenden Dienst in der Pflege verrichten musste. Zudem haben die Pflegenden, mit denen ich gesprochen habe, sehr stark die Rolle des sozialen Umfelds übernommen. Plötzlich war es nicht mehr nur die Aufgabe, zu pflegen, sondern auch seelisch unter extremen Bedingungen Beistand zu geben. Ein Pfleger hat gesagt, dass ihm diese Doppelbelastung fast die Luft zum Atmen genommen hat.

Soziologe über Corona-Abschottung in Pflegeheimen: „Pflegeheime dürfen nicht wie Krankenhäuser werden“

Sie haben gesagt, es geht auch darum, Perspektiven zu entwickeln. Wie können die aussehen?

In den Einrichtungen gibt es Covid-Beauftragte. Sie setzen die Vorschriften der Regierung in Maßnahmen im Haus um. Eine Idee ist es, dazu noch einen Sozialraumbeauftragten mit ins Spiel zu bringen. Jemand, der die Aufgabe hat, zu schauen: Was ist weggefallen und wie kann man das wieder aufbauen? Wir müssen nach vorne denken. Pflegeheime dürfen nicht wie Krankenhäuser werden. Pflegeheime sind Lebensräume, in denen Menschen zehn Jahre, zum Teil länger, ihre letzte Lebenszeit verbringen. Sie wohnen und leben dort, und man soll ihnen Teilhabe am Leben eröglichen. Dazu, glaube ich, braucht es diese gezielte Perspektive, die nicht nur auf die Infektionslage schaut.

Wie könnte sich das konkret darstellen?

Ich glaube, da braucht es die Bereitschaft, zunehmend die soziale Frage mitzubedenken und zu gucken: Welche Spielräume gibt es, um die Abschottung nicht mit einem totalen Herunterfahren von Begegnungen gleichzusetzen? Wenn die Leute nur auf ihrem Zimmer bleiben, verlernen sie die wenige Mobilität, die sie noch haben. Das ist im hohen Alter oft nicht wiedergutzumachen. Eine Mitarbeiterin erzählte mir, dass sie nach Absprache mit Schutzausrüstung in die Zimmer gegangen ist, die unter Quarantäne standen. Allein, um die Bewohner aus dem Bett zu holen, mit ihnen ans Fenster zu gehen. Viele haben sich sofort angewöhnt, nur noch im Bett zu liegen. Ich glaube, dass man jetzt mutig gucken muss, wie man im Kleinen Sozialerfahrungen ermöglichen kann, wenn es wieder dazu kommen sollte, dass Corona im Haus ist. Eine Rolle, das hofft man, spielt die Digitalisierung: Dass mehr Kenntnisse und Ressourcen im Umgang mit Videotelefonie bereitgestellt werden. Dafür braucht man Menschen, die dafür Zeit haben. Das hat mir eine Pflegende auch gesagt: Nicht mal telefonieren ist so, dass man einem Bewohner das Telefon in die Hand drückt, man muss oft dabeistehen, es erklären. Daher braucht es jemanden, der sagt: Heute erreichen fünf Bewohner ihre Angehörigen per Videotelefonie. (sda)

Dieser Artikel stammt aus der Wetterauer Zeitung.

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