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Soziale Rettungssanitäter in Sachen Wohnungsgeld

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Von: Jürgen Wagner

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Hilfe für Menschen, die sich im Paragrafendschungel nicht zurechtfinden (v. l.): Im Gespräch mit WZ-Redakteur Jürgen Wagner berichten Anja ElFehtali und Peter Eickmann aus dem Alltag des Beratungsangebots im »Roten Laden«. © Nicole Merz

Seit zehn Jahren unterstützt die »Linke Hartz IV-Hilfe« Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, sich im Paragrafendschungel aber nicht auskennen. Dafür gab es nun einen Preis.

Vor einiger Zeit wurde eine fünfköpfige Familie aus der Wetterau durch einen Wohnungsbrand obdachlos. Als Notunterkunft sollte ein Hotel dienen, aber niemand wollte die Hotelrechnung zahlen. Die Familie wandte sich an die »Linke Hartz IV-Hilfe Wetterau«, deren Vereinsvorsitzende Anja ElFehtali Kontakt zum Rathaus der Kommune aufnahm. »Die waren sehr nett«, erzählt sie, das Problem wurde gelöst. Und das nächste schließlich auch: Das Jobcenter habe sich drei Monate lang geweigert, die Kaution für eine neue Wohnung zu übernehmen. »Man muss sich das mal vorstellen: Die Familie war traumatisiert und stand aufgrund des Zahlungsrückstandes kurz vorm Rauswurf.« Erst auf ihren Druck hin habe die Behörde das Geld bewilligt.

Solche Menschen in Extremsituationen benötigten Hilfe, Zuspruch und vor allem Ruhe, sagt ElFehtali. Aber keinen Ärger mit Ämtern oder Vermietern. Ärger, der nicht nötig sein müsste, wie ElFehtalis Mitstreiter Peter Eickmann sagt: »Die Leute wollen ja nur das, was ihnen gesetzlich zusteht.« Stattdessen würden seitens der Behörden hohe Hürden aufgebaut. Stichwort »Paragrafendschungel«.

Wer Unterstützung sucht, muss Formulare ausfüllen, viele Formulare. Eines komplizierter als das nächste. Und da hilft die »Linke Hartz IV-Hilfe«. Die Ehrenamtlichen füllen Anträge aus, geben Tipps und übernehmen auch schon mal die Aufgabe eines Kummerkastens. Ihr Wissen haben sie sich selbst und durch Schulungen angeeignet, sind längst Spezialisten in Sachen SGB II.

Die Sozialsprechstunden im »Roten Laden« in der Usagasse seien »Solidarität mit den Ärmsten der Armen«, sagt Eickmann über die Arbeit des Vereins, dem aufgrund einer Panne bei einer Antragsverlängerung aktuell die Gemeinnützigkeit abgesprochen wird.

Verein hat Ärger mit dem Finanzamt

Das Finanzamt hält den Verein für eine reine Parteiorganisation. »Wir machen das nicht aus parteipolitischen Gründen«, sagt Eickmann. Die Parteimitglieder seien auch nicht das Klientel. Viele Menschen, die Hilfe suchten, gingen aus Frust nicht mehr zur Wahl. »Die haben resigniert.«

Wenn Antragsteller Verständnisprobleme beim Ausfüllen von Formularen haben, müssten doch eigentlich die Behörden Hilfestellung geben. »Wir machen deren Job«, sagt ElFehtali. Vor knapp zehn Jahren hatten sie, die Wetterauer Linken-Vorsitzende Gabi Faulhaber und Werner Schulz die Idee, regelmäßige Beratungstermine für SGB II-Empfänger einzurichten. Seither bildet sich jeden Montag (14 bis 16 Uhr) und Donnerstag (16 bis 18 Uhr) vor dem Laden eine lange Schlange an Hilfsbedürftigen. Aufgrund des großen Andrangs mittlerweile sogar mit Nummernvergabe.

Im Oktober ist der »Rote Laden« umgezogen, ins Gebäude schräg gegenüber. Am alten Standort, den die Linke selbst renoviert hatte, sollte die Miete erhöht werden. Der neue ist auf lange Sicht günstiger und geräumiger. ElFehtali ist sehr glücklich, dass es den »Roten Laden« als Anlaufpunkt im »Brennpunkt« Altstadt gibt.

Die Räume wirken einladend. Es gibt Sitzgelegenheiten, eine »Kuschel-Ecke« mit Sofa und Bücherwand, ein Büro mit drei Arbeitsplätzen, Lagerraum und Küche, alles barrierefrei und, wie Eickmann erzählt, sehr gut genutzt. Parteigruppen (Fraktion, Vorstand) tagen hier ebenso wie die Jugendgruppe Solid und die Wetterauer Friedensinitiative, ein Chor probt in den Räumen, Kinder kommen gerne vorbei, um sich an der »Bonbontankstelle« zu bedienen. Auch finden viele Bildungsveranstaltungen in den Räumen statt.

Ungewöhnlicher Zukunftswunsch

Neulich wurde die »Linke Hartz-IV-Hilfe« von der »Stiftung Solidarität Frankfurt« mit einem Preis ausgezeichnet, erhält 3000 Euro. Das Beratungsangebot in Friedberg ist in dieser Form einzigartig. »Wir leisten hin und wieder Geburtshilfe für ähnliche Projekte in anderen Städten.« Das Preisgeld könne man gut gebrauchen, sagt Eickmann. »Es kommen immer wieder Menschen in Notsituationen, die kurzfristig Geld zur Überbrückung brauchen, weil die Ämter nichts auszahlen.« Was sich die Aktiven der »Linken Hartz IV-Hilfe Wetterau« für die Zukunft wünschen? Das ist schnell beantwortet: »Wir wären gerne überflüssig.«

Preis für soziales Engagement

Die »Linke Hartz-IV-Hilfe Wetterau« ist von der »Stiftung Solidarität Frankfurt« mit dem zweiten Preis ausgezeichnet worden und erhält 3000 Euro. Ausgezeichnet werden Vereine oder Initiativen, die gegen soziale Missstände angehen und eine solidarische Praxis entwickelt haben. Die preisgekrönte Arbeit der ehrenamtlichen Initiative zeigt laut der Vorsitzendern Anja ElFechtali, »dass es möglich ist, sich gegen die wachsende Spaltung der Gesellschaft zu wehren, das Gemeinwohl in den Mittelpunkt zu stellen und mit konkreten Angeboten vor Ort Menschen zu helfen«. Die Beratung findet montags (14 bis 16 Uhr) und donnerstags (16 bis 18 Uhr) im »Roten Laden« in der Usagasse 26 statt. Weitere Infos unter www.die-linke-wetterau.de.

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jw_linke4_260422_4c © Nicole Merz

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