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Tankstellen-Räuber: »Habe das Geld sofort wieder verspielt«

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Von: Jürgen W. Niehoff

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Beim Überfall auf die Tankstelle in Friedberg-Fauerbach soll der Angeklagte zwar keine Beute gemacht, aber vor seiner Flucht das Portemonnaie eines Angestellten geleert haben, das auf der Theke lag. ARCHIV © Red

Weil er innerhalb von sieben Tagen fünf Tankstellen und eine Spielothek überfallen haben soll, muss sich ein 59-Jähriger, der in Altenstadt lebt, vor dem Gießener Landgericht verantworten. Er schäme sich, erklärte der Angeklagte.

Überfälle auf fünf Tankstellen in Ilbenstadt, Altenstadt, Düdelsheim, Ortenberg und Friedberg sowie ein Überfall auf eine Spielothek in Gedern - diese Raubserie sorgte für Aufsehen im vergangenen Winter. Zur Last gelegt werden die Taten zwischen dem 9. und 15. Dezember einem 59 Jahre alten Mann. Wegen der Vorwürfe des schweren Raubes, des Raubversuchs, der Erpressung und der Körperverletzung in sechs Fällen wird ihm vor dem Landgericht in Gießen der Prozess gemacht (diese Zeitung berichtete).

»Ich weiß nicht, was da mit mir passiert ist. Ich schäme mich so vor meiner Familie und auch vor den Opfern der Überfälle«, sagte der Angeklagte am Montag zu Beginn des zweiten Verhandlungstages. Sein Verteidiger verlas anschließend eine Erklärung, die Aufschluss über den bisherigen Lebenslauf des Angeklagten geben sollte.

Daraus ging unter anderem hervor, dass der Mann 1994 nach Altenstadt gezogen sei. Anfangs habe er auf dem Bau und später in einer Spedition gearbeitet. 2018 habe er wegen einer Krankheit mit der Arbeit aufhören müssen.

2020 habe der 59-Jährige angefangen, an Spielautomaten zu zocken. Erst gelegentlich und aus Spaß, später dann unter Zwang, regelmäßig. »Jeden Euro, den ich in die Hand bekam, verspielte ich. Mir war am Ende alles egal, auch meine Familie. Hauptsache, ich konnte spielen«, sagte der Angeklagte kopfschüttelnd, auch mit Blick zu seinen Kindern, die den Prozess im Gerichtssaal verfolgten. So habe er seine Ersparnisse verspielt und am Ende sogar seine Ehefrau bestohlen. Das sei drei Wochen vor dem Beginn der Überfallserie im vergangenen Dezember gewesen.

Beim ersten Überfall am 9. Dezember habe er noch keinen konkreten Plan gehabt. Auf dem Weg von Friedberg nach Altenstadt sei er an der Tankstelle in Ilbenstadt vorbeigekommen - und in diesem Moment sei ihm der Gedanke eines Überfalls gekommen. Er habe sein Auto gedreht und sei zurück zur Tankstelle gefahren. Bewaffnet gewesen sei er mit einem Messer - »das war ein normales Taschenmesser, das ich immer bei mir trage«, schilderte der Angeklagte.

Er habe niemanden verletzen wollen, sondern es sei ihm nur ums Geld gegangen. »Ich musste einfach wieder zurück an den Spielautomaten«, beschrieb der Angeklagte den Druck durch seine Spielsucht. Wie viel er erbeutet habe, wisse er nicht mehr. »Das interessierte mich auch nicht, denn ich habe es sofort wieder verspielt«, erklärte der 59-Jährige.

Laut seinen Erinnerungen stimmen die Beträge, die er laut Anklageschrift erbeutet haben soll, nicht. Es sei deutlich weniger gewesen, sagte er. Aber wie viel es genau gewesen sei, wisse er nicht.

Tat für Tat ging der Vorsitzende Richter Peter Neidel mit dem Angeklagten durch. An ein Gerangel mit der Tankstellenangestellten in Altenstadt konnte er sich nicht mehr erinnern, wohl aber daran, dass seine Überfälle nicht in jedem Fall erfolgreich waren. »Ich habe mit den Überfällen eigentlich nur weitergemacht, weil es beim ersten Mal so einfach war«, erklärte der Mann.

Der Polizei ging er nach einem Überfall auf eine Spielothek in Gedern ins Netz. Dort soll der Angeklagte einer Angestellten in die Haare gegriffen und mit einem geöffneten Klappmesser in der Hand die Herausgabe der Tageseinnahmen gefordert haben. Auch dort kam es zu einem Gerangel, wobei der Angeklagte die Mitarbeiterin der Spielothek mit seinem Messer am Finger verletzt haben soll.

Psychische Schäden

Nur zwei Tage nach dem Überfall in Gedern klickten die Handschellen. »Bei der Festnahme war er ganz ruhig und sehr kooperativ«, schilderte eine Polizeibeamtin dem Gericht. Die Polizei habe den Wohnort des Mannes leicht ausfindig machen können. Zum einen habe die Mitarbeiterin den Mann an seinem Äußeren erkannt, weil er die Spielothek in der Kleidung betrat, mit der er dort seit einiger Zeit immer wieder gesehen worden war. Und da er sich kurz zuvor beim Besitzer der Spielothek Geld geliehen und ihm als Sicherheit seine Handynummer genannt habe, kamen die Ermittler ihm auf die Schliche.

Die Beamtin berichtete auch, dass spätere Ermittlungen ergeben hätten, dass bei einigen Opfern psychische Schäden zurückgeblieben seien. Das berichtete anschließend auch der Tankstellen-Angestellte aus Ilbenstadt. Er habe nach dem Überfall seinen Job aufgegeben und seither immer noch Angst, nachts allein auf die Straße zu gehen, schilderte er.

Der Prozess wird am 27. Juni fortgesetzt.

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