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»Teurer« Ovag-Strom aus der Ostsee

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Von: David Heßler

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Windräder zwischen den Inseln Rügen und Bornholm. An einem neuen Offshore-Windpark in der Ostsee ist die Ovag mit vielen Millionen beteiligt. Geld, das der Energiekonzern besser vor Ort einsetzen sollte, wie der BUND-Vorsitzende Dr. Werner Neumann findet. © DPA Deutsche Presseagentur

Der Windpark Arcadis Ost 1 in der Ostsee nahe Rügen wird auch aus der Wetterau finanziert. Die Ovag und die Stadtwerke Bad Vilbel stecken Millionen in das Projekt, das sie als zukunftsweisend für die Energiewende bezeichnen. Für den BUND Wetterau sieht die Sache anders aus.

In der Ostsee bei Rügen sollen sich ab 2023 - Stand jetzt - 27 Windräder nahe dem Kap Arkona drehen. Die Bad Vilbeler Stadtwerke und die Ovag halten über Beteiligungsfirmen je fünf Prozent an der Parkwind Ost GmbH, die den 257-Megawatt-Windpark entwickelt. Der erwartete jährliche Stromertrag wird laut Dr. Hans-Peter Frank, bei der Ovag zuständig für Energieerzeugung und Handel, mit über einer Million Megawattstunden prognostiziert. »Das ist etwa die Menge, die die Ovag jährlich an ihre Kunden liefert«, erklärt er. Rechnerisch entspreche das dem Jahresstrombedarf von mehr als 300 000 Haushalten.

Für die Ovag-Vorstände Joachim Arnold und Oswin Veith ist das Windparkprojekt eine »zukunftsweisende Möglichkeit, nachhaltig klimaneutralen und CO2-freien Strom zu erzeugen«. Es handle sich um eine kluge Investitionsentscheidung und um ein »richtungsweisendes Engagement, das von der Struktur her zu den Windenergieanlagen der Ovag in der Region sowie unserer langfristigen Beschaffung in diesem Sektor der Energieerzeugung passt«.

Der Energieversorger reagiert damit auf Kritik des Wetterauer BUND. Deren Vorsitzender Dr. Werner Neumann, sieht »erhebliche ökologische und wirtschaftliche Probleme« bei der Investition der Ovag, die sich mit einem Eigenkapital von 8,4 Millionen Euro beteilige und Bürgschaften über 4,2 Millionen Euro für mögliche Kostensteigerungen übernehme. Für Neumann stellt sich die Rendite des Projektes als »völlig unklar« dar. Es kämen erhebliche Kosten auf die Stromkunden zu.

Wie steht es um die Wirtschaftlichkeit?

Der Windpark koste 800 Millionen Euro und solle jährlich 1100 Millionen Kilowattstunden Strom liefern. »Der Anteil der Stromerzeugung für die Ovag beträgt damit 55 Millionen Kilowattstunden. Die Stromerzeugungskosten liegen bei fünf Cent je Kilowattstunde«, sagt Neumann. Es sei unklar, wie hoch die Vergütung sei, daher auch die erwartete Rendite. »Erstaunlich«, findet es der BUND-Vorsitzende, dass hier kommunale Gelder investiert würden, ohne dass ein Ertragsplan vorliege.

Ovag-Sprecher Frank nennt auf Anfrage keine Zahlen, betont aber, dass allen Gremien, die in der Ovag-Gruppe zuständig für die Genehmigung seien, die Wirtschaftlichkeit des Windparks en detail dargelegt worden sei.

Größter Kritikpunkt des BUND ist aber: Für den Transport des Stroms aus Offshore-Windenergie müssten teure Stromtrassen von Nord nach Süd gebaut werden, die zudem zu erheblichen Schäden zulasten von Bodenschutz und Naturschutz führten. Summa summarum koste der Ostseestrom ca. 15 ct/kWh. »Bezogen auf den Anteil der Ovag-Beteiligung kommen somit 5,5 Millionen Euro jährlich als Transportkosten für 55 Millionen Kilowattstunden Strom hinzu. Über 25 Jahre gerechnet sind dies 137 Millionen Euro Kosten für eine Investition von gerade ca. 12 Millionen Euro«, rechnet Neumann vor.

Müsste die Ovag als Mitbetreiber Transportkosten zahlen, wäre das Projekt »völlig unwirtschaftlich«, glaubt der BUND-Vorsitzende. Die Mehrkosten für die Stromleitungen würden letztlich durch erhöhte Netzentgelte alle Stromkunden in Deutschland bezahlen. Bei einem Durchschnittshaushalt wären dies laut Neumann im Ovag-Gebiet jährlich etwa 30 bis 50 Euro - »für Strom, der nicht in der Wetterau ankommt«, wie Neumann betont. Diese Mehrkosten könne man sich sparen, würde sich die Ovag auf ihre vorgeschriebenen Ziele beziehen und Windenergieprojekte, ebenso wie Investitionen in Photovoltaik, in der Region umsetzen. Blockheizkraftwerke mit Wasserstoff aus regionalen Windenergieanlagen könnten zudem die Versorgungssicherheit in der Region sicherstellen. Neumann: »Die Offshore-Anlagen der Ovag leisten dazu keinen Beitrag.«

Wenn Neumann es als sinnvoller erachte, dass die Ovag Windräder in der Region baut (»Denn Strom aus Windenergie kann gleichermaßen vor der Haustüre zu ca. 6 ct/kWh erzeugt werden«), dann vergesse er, dass der Konzern genau dies tue, entgegnet Ovag-Sprecher Frank. Der Energieversorger räume dem Ausbau der erneuerbaren Energien vor Ort »eindeutig Priorität« ein. Zuletzt habe es jedoch erhebliche Schwierigkeiten beim Vollzug der erteilten Genehmigungen von neuen Anlagen gegeben. »Allein bei der Ovag werden derzeit zwei Projekte durch Klagen behindert.« Vier weitere Windparkprojekte befänden sich im fortgeschrittenen Genehmigungsverfahren.

INFO:

Die BUND-Kritik am Ausbau der bundesweiten Netztrassen kann man bei der Ovag nicht nachvollziehen. »Ohne den bundesweiten Ausgleich - und auch den über die nationalen Grenzen hinweg - kann das immer mehr auf volatilen Einspeisungen basierende Stromversorgungsystem nicht effizient betrieben werden«, betont Sprecher Dr. Hans-Peter Frank. Und ohne den »Beitrag vom Meer« würden sich die deutschen Energiewende- und Klimaschutzziele nicht erreichen lassen, »schon gar nicht vor dem Hintergrund des noch zunehmenden Bedarfs für die Elektrifizierung des Mobilitäts- und Wärmesektors sowie die Bereitstellung von Wasserstoff als speicherbaren Energieträger. Das kann nur gelingen kann, wenn auch Offshore-Anlagen mindestens in dem Umfang entstehen, wie es die Ausbauplanung der Bundesregierung aktuell vorsieht«, betont Frank.

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