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Unter den Bäuchen der Schafe

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Von: Hanna von Prosch

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Ein neues Buch gehört in eine Buchhandlung, am besten zusammen mit seinem Autor Thanassis Nalbantis. Hier sitzt er auf den Stufen in der Buchhandlung Bindernagel in Friedberg. © Hanna von Prosch

Friedberg (hms). Der in Friedberg und im Vogelsberg lebende Autor Thanassis Nalbantis hat wieder ein Buch herausgebracht: Kyklops Schafe. Die »Variationen von elf Erzählungen« handeln von Ereignissen, die so ähnlich passiert sind oder sein könnten.

Thanassis Nalbantis, Jahrgang 1959, war schon als Schüler in Erfurt an der Antike interessiert. Allerdings war die Literatur, die ihm zur Verfügung stand, eingeschränkt. Seinen griechischen Vaterwurzeln ging er sehr viel später nach. Heute ist Griechenland seine zweite Heimat.

Reise in griechische Mythologie

So finden sich immer wieder griechische Bezüge in seinen Büchern. Diesmal ist es die Mythologie. Vorweg erklärt er: »Ein Auge reichte Kyklop (Anm. d. Red.: ein einäugiger tyrannischer Riese in der »Odyssee«) für seinen grausamen Blick auf die Welt. Bis sie es ihm ausbrannten. Sie klammerten sich an die Bäuche der Schafe und gelangten aus der Höhle ins Freie.«

Macht, List, Gefangenschaft und Flucht ziehen sich wie ein roter Faden durch das 180-Seiten-Buch. Die Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Staat kann er noch immer nicht ausblenden, denn sie prägte seine Jugend. »Warum hat das Regime so lange gehalten? Was hat der Staat mir vorenthalten?«, fragt er sich. Die Antworten verarbeitet er in Szenen, die reale Ansätze haben, aber sich nicht exakt so zugetragen haben. »Aber es hätte so sein können«, gibt er zu bedenken und fordert damit die eigene Betrachtungsweise seiner Leser heraus. Manches bleibt offen, manches wird aufgeklärt, manches bietet mehrere Lösungen.

»Ein Pressefest in der DDR erlebte 1978 tatsächlich seinen Höhepunkt in einer Prügelorgie der Polizei mit vielen Verhaftungen«, erzählt er lebhaft. Im Buch beschreibt er die Situation stellenweise detailreich. Eine andere Erzählung: Die Kanzlerin besucht eine Bank, ihr Hubschrauber landet auf dem Dach, während zugleich Staatsanwaltschaft und Polizei im Parterre zur Razzia einmarschieren. Oder »Fehltage«: »Am Montag fehlt er doch immer«, erfährt die erstaunte Ehefrau, deren Mann, ein Bänker, die Woche über im Wohnwagen ein Doppelleben führt. Als drei Vermisstenanzeigen eingehen, ist er längst im Ausland.

Heidschnucken aus dem Vogelsberg

Alle benutzen Menschen und Gelegenheiten, um sich davonzumachen, wie Odysseus aus der Höhle des Kyklopen, manchmal mit Gewalt. Stets hat der Leser dieses Bild der Schafe vor Augen. Auf dem Buchcover sind es Heidschnucken aus dem Vogelsberg.

»Meinharts Töchter«: Ein Grafiker wird auf einer inszenierten Vernissage seiner verloren geglaubten Bilder mit der Vergangenheit konfrontiert. Er trifft ungewollt seine fünf Töchter und deren Mütter. »Er meint Freiheit, drückt sich aber nur vor seinen Pflichten«, lässt Nalbantis den Bauunternehmer sagen. Flucht hat viele Gesichter.

»Die Erzählung von Ferry, dem Busfahrer, der den Gesangverein ins Böhmerland kutschiert und mit einem Unfall die gesamte Männerwelt eines Dorfes auslöscht, hat sich so in Norwegen zugetragen, wo das Schiff mit einer Trauergesellschaft auf dem Weg zum Friedhof unterging«, erzählt Nalbantis. Bei ihm ergibt sich daraus unter anderem die Ausreise einer jungen Frau in den Westen durch eine letztlich unglückliche Heirat und Rückkehr nach der Wende.

Nalbantis hat diese elf Erzählungen weitgehend im Protokollstil geschrieben, dokumentiert, komprimiert. Lücken lassen Denkmöglichkeiten offen, wie in der dialogreichen Schilderung »Der 13. Monat«. Die Wochen vor dem Mauerfall erlebt eine DDR-Hausgemeinschaft aus der Perspektive Einzelner, ihren Bedürfnissen und Problemen. Jeder will funktionieren. »In Dialogen kann man Handlungen und Denkweisen übergehen«, sagt der Autor, der auch schon Theaterstücke schrieb. In »Kyklops Höhle« wird deutlich: Geht man aus einer Diktatur weg, richtet man sich in einer anderen ein.

Oft arbeitet er mit mehreren Erzählsträngen, eröffnet kleine Nebenschauplätze, bis sich auf seltsame Weise die Ereignisse treffen. Bei beiden liefen die Situationen aus dem Ruder. Thanassis Nalbantis schreibt über das, was er beobachtet oder erlebt hat: konkret, direkt, kritisch und immer in einen Zusammenhang mit einer möglichen Wirklichkeit gestellt.

Das Buch »Kyklops Schafe« ist 2022 im Verlag fabrik.transit/Wien erschienen. ISBN: 978-3-903267-35-0. Es ist erhältlich in der Buchhandlung Bindernagel in Friedberg und Lesezeichen in Lauterbach.

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