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Kreiselternbeirat sieht Defizite in Schulpolitik

Verantwortung durchgereicht: KEB-Kritik an Kreis und Land für Corona-Politik

  • Rüdiger Geis
    VonRüdiger Geis
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Wie kann eine moderne, gesunde Schule aussehen, in der auch Bildungsgerechtigkeit herrscht? Auch nach der Pandemie. Mit diesen Fragen hat sich der Kreiselternbeirat auseinandergesetzt.

Die Weihnachtsferien nähern sich und bewirken bei manchem sicher ein Aufatmen. Denn die in den vergangenen Wochen sprunghaft gestiegenen Inzidenzzahlen lassen Befürchtungen aufkommen, dass es wieder zu Schulschließungen und Unterricht zu Hause kommt. In einer Videokonfernz hat sich am Mittwoch der Kreiselternbeirat mit dieser Problematik beschäftigt und sich dabei mit den Erfahrungen weiterer Schulelternbeiräte auseinandergesetzt. Beteiligt waren auch die Kreisschülerratsvorsitzende Carolin Fischer und ihre Stellvertreterin Helen Hoffmann.

Im Mittelpunkt der Sitzung unter der Leitung und Moderation des KEB-Vorsitzenden Thomas Seeling und Andreas Gerhardus standen dabei die Themen »Gesunde Schule - in Pandemiezeiten und darüber hinaus«, »Schule für alle - Bildungsgerechtigkeit und soziales Miteinander« und »Zeitgemäße Schule - moderne Lerninhalte und Methoden«.

Gebäude nicht pandemiesicher

Hauptkritikpunkt an Kreis und Land sei dabei das »Durchreichen« von Zuständigkeiten«, erklärte Gerhardus: »Alles bleibt unten beim Fußvolk hängen, aber von oben gibt es keine klaren Vorgaben.«

Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern und auch die Lehrkräfte seien am Ende dafür verantwortlich, dass es läuft: Tests, Impfungen, Ausrüstung mit digitalen Medien.

Dagegen hätten Kreis und Land zu wenig getan, um die Gebäude »pandemiesicher« zu machen, so Gerhardus, der hier als Beispiel die Ausstattung mit Luftfiltergeräten ansprach. Die Wissensvermittlung sei dadurch oft zur »Holschuld der Schüler« gemacht worden.

»Grauenvolle« Sanitärbereiche

Kreisschulsprecherin Carolin Fischer sagte, in der Pandemie habe man gemerkt, wie wichtig Hygiene ist. Die sei aber in vielen Schulen so »grauenvoll«, dass sich viele weigerten, die Sanitärbereiche zu nutzen. »Der Kreis bemüht sich da zu wenig.«

Annete Völker-Hedderich, Schulelternbeirätin an der Karbener Kurt-Schumacher-Schule, räumte allerdings ein, dass es nicht selten an den Schülern läge, wie sauber Toiletten seien. Allerdings gebe es seit Jahren einen Sanierungsstau. Die Platznot an ihrer Schule sei durch neue Baugebiete und damit steigende Schülerzahlen größer geworden. Die Schulleitung vollbringe »organisatorische Wunder«.

Dr. Wolfgang Stock unterstrich, dass die Anschaffung von Luftfiltergeräten wichtig sei. In Schulen gebe es Inzidenzen zwischen 300 und 500. Nach seiner Erfahrung in der Praxis werde Corona von den Schulen in die Familien getragen und nicht umgekehrt.

Stresstest für Lernplattformen

Rückblickend berichtete Kreisschulsprecherin Fischer vom mangelhaften Funtionieren der Plattform wtkedu fürs Homeschooling: Verbindungen seien abgebrochen, Lernaufträge hätten dadurch nicht heruntergeladen werden können.

Auch die Kommunikation mit Schülern und Lehrern habe darunter gelitten. »Ich mache mir Sorgen, dass wir wieder zum Homeschooling kommen«, sagte sie. Die soziale Schere gehe auseinander, weil viele Schüler nicht die Mittel und Ausrüstung für den Distanzunterricht hätten.

Tobias Huth berichtete, man habe die Plattform BigBlueButton erfolgreich getestet und schlug vor, dass man einen solchen Stresstest auf wesentlich breiterer Ebene machen sollte. Zum Thema Lüfter wandte Huth ein, dass die wenigen eingesetzten oft nur auf der untersten Stufe laufen würden, weil sie sonst die »Lautstärke eines Güterzuges« erreichten.

Schwieriges Aufholen von Lehrstoff

Dazu meinte Dr. Stock, dass das oft ein Problem der richtigen Konfigurierung sei. Seine Befürchtung ist, dass aufgrund mangelnder Maßnahmen und hoher Inzidenzen am Ende nur noch wenige Schüler in den Genuss von Unterricht kommenDas Land habe beschlossen, dass es keinen Distanzunterricht mehr geben soll, und Ministerpräsident Bouffier habe unterstrichen, dass die Schulen offen bleiben.

Ein Problem der schwierigen Inhaltevermittlung in Pandemiezeiten ist das Aufholen von Lehrstoff. Man hüpfe dabei von Thema zu Thema im letzten und im aktuellen Schuljahr, machte Kreisschulsprecherin Fischer deutlich. Das erzeuge enormen Druck. »Der Stoff wird stramm durchgezogen«, ist Volker-Hedderichs Erfahrung.

Die Situation vieler Schüler, die nicht an Gymnasien seien, gehe dabei oft unter, meinte Dr. Stock. Angst vor Ansteckung und die mangelnden Möglichkeiten, zu Hause zu lernen, führten zu Resignation und Ausgrenzung. »Es geht nicht nur darum, Stoff zu vermitteln, sondern auch um Zuwendung.«

Digitales Standbein für Schule der Zukunft

Einig war man sich in der rund 30-köpfigen Runde der Schülervertreter: Die Schule der Zukunft muss aus der Corona-Pandemie lernen. Kreisschulsprecherin Carolin Fischer sagte, man müsse die Digitalisierung mitnehmen, aber zugleich die Stressbewältigung verbessern.

Das sieht auch Bärbel Armenat so: »Der richtige Umgang mit den digitalen Medien muss im Unterricht vermittelt werden.« Auch Sechstklässler seien schon mit Handys vertraut. Es könne aber nicht sein, wenn sie auf eigene Kosten für den Lernstoff googeln müssten.

Für Jörg Grieshaber wird es den herkömmlichen Unterricht weiterhin geben. Aber man müsse ihn auf ein zweites Standbein stellen: digitales Lernen, neben dem klassischen Buch, und Medienkompetenz.

Und diese Digitalisierung, so Dr. Wolfgang Stock, dürfe nicht als »Zusatzfach obendrauf gestülpt werden. Hier haben wir Hebel in der Hand, Schule zu modernisieren.«

Dieser Artikel stammt aus der Wetterauer Zeitung.

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