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Viele Umstände der Tat im Dunkeln

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Von: Jürgen W. Niehoff

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Vorwurf Vergewaltigung: Der Angeklagte (2. v. l.) mit seinem Anwalt Mhammad El Carrouchi (r.) und seinem Dolmetscher (l.). © Jürgen W. Niehoff

Friedberg/Butzbach (jwn). Wegen der möglichen Vergewaltigung einer 15-Jährigen in Butzbach muss sich derzeit ein 32-jähriger Syrer vor dem Schöffengereicht in Friedberg verantworten. Ganz in Weiß gekleidet, dazu mit längeren Haaren, sein Gesicht zum größten Teil verborgen hinter der Corona-Maske, so betritt der Angeklagte Ahmed H. in Begleitung seines Frankfurter Anwalts Mhammed El Carrouchi den Gerichtssaal 28 in Friedberg.

Ihm wird vorgeworfen am 12. Juli 2020 nachts in Butzbach die damals 15-jährige Tanja M. vergewaltigt zu haben.

H. verweigert dazu jede Aussage. Auch seinen Beruf will er zu Beginn des Prozesses nicht verraten. Lediglich sein Heimatland und seinen Familienstand gibt er preis, nämlich Syrien. Und er ist verheiratet, hat aber keine Kinder.

Wodka und Ecstasy-Pillen

Das Geschehen soll sich in einer Samstagnacht ereignete haben. Die 15-Jährige hatte den Abend in Gießen, ihrem Wohnort, mit ihrer Freundin Alexis begonnen. Gemeinsam hatten sie im Laufe des frühen Abends bereits eine Flasche Wodka verkonsumiert und auch einige Party-Pillen Ecstasy geschluckt.

Da es den beiden Mädchen in Gießen zu langweilig wurde, schlug die Freundin vor, nach Bad Nauheim, ihrem Wohnort, zum Sprudelhof zu fahren, weil dort an den Samstagabenden immer sehr viel los sei. Auf dem Bahnhof in Gießen lernten die beiden Freundinnen zwei Männer kennen, darunter den Angeklagten. »Im Sprudelhof haben wir dann noch etwas getrunken und gefeiert«, berichtet die heute 17-jährige M. vor Gericht. Irgendwann sei ihr aber dann schlecht geworden und einer der beiden neuen Bekannten habe ihr daraufhin angeboten, sie in seine Wohnung nach Butzbach zu bringen, wo sie sich ausschlafen könne.

Dies Angebot habe sie auch angenommen, und so seien sie alle nach Butzbach gefahren. Dort angekommen, habe sie sich in das Schlafzimmer des Wohnungsinhabers zurückgezogen und sei sofort eingeschlafen. »Ansonsten kann ich mich an nichts mehr erinnern«, berichtet M. vor Gericht.

Der Vorsitzende Richter Dr. Markus Bange hält ihr daraufhin ihre Aussage vor der Polizei vor. Da habe sie ausgesagt, dass sie bereits geschlafen habe, als der Angeklagte das Zimmer betreten und von ihr Sex gefordert habe. Das habe sie mit dem Hinweis, sie sei noch Jungfrau, strikt abgelehnt. Daraufhin habe er sie mit Gewalt entkleidet und sei, obwohl sie immer wieder »nein, nein, nein, sie wolle das nicht« gerufen habe, gewaltsam in sie eingedrungen. Erst als der Angeklagte nach vollendetem Geschlechtsakt aufgestanden sei, habe sie fliehen können. »Daran kann ich mich nicht mehr erinnern«, wiederholte die 17-Jährige nach der Vorhaltung durch den Richter.

Dem steht die Aussage des Polizeibeamten entgegen, der sie in der Tatnacht in Butzbach vom Bahnhof abgeholt hatte, von wo sie die Polizei alarmiert hatte.

»Sie ist auf unseren Streifenwagen zugelaufen gekommen und hat gerufen: Ich bin eben vergewaltigt worden«, berichtet der Beamte. Die Beamten hätten sie mit auf die Wache genommen und noch in der Nacht medizinisch untersuchen lassen. Mit dem Ergebnis, dass sie keine Jungfrau mehr ist, aber auch keine Spuren von Gewalt an ihrem Körper hatte.

Der Alkoholtest in der Nacht hatte bei dem Opfer 1,5 Promille Alkoholgehalt im Blut ergeben. »Für ein junges Mädchen eine durchaus beachtliche Menge. Und dazu noch die Ecstasy- Pillen«, berichtet eine weitere Polizeibeamtin.

Ordnungsstrafe für Nichterscheinen

Alles Weitere bleibt an diesem Verhandlungstag dann jedoch im Dunkeln, denn keiner der fünf geladenen Zeugen erscheint trotz Ladung vor Gericht. Mit der Folge, dass der Richter einen Fortsetzungstermin ansetzen muss und den nicht erschienen Zeugen eine Ordnungsstrafe aufbrummte. Sie werden zu dem Fortsetzungstermin am 31. Mai nun vorgeführt.

Die Staatsanwältin Jessica Schröder sieht das alles gelassen: »Für mich bleibt es in jedem Fall bei dem Vergewaltigungsvorwurf. Wenn das Tatbestandmerkmal ›gegen den erkennbaren Willen der Opfers‹ wegfällt wegen der nun aufgetauchten vermeintlichen Erinnerungslücken des Opfers, dann greift die andere Variante des Paragrafen 177 StGB, bei der der Täter die hilflose Situation des Opfers ausnutzt, weil dieses seinen Willen nicht mehr bilden oder äußern kann.«

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