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Wenn der Partner zuschlägt: Neue Selbsthilfegruppe im Wetteraukreis

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Karin M. (Name geändert) ist Anfang 20, als ihr Freund das erste Mal die Hand gegen sie erhebt. Nach vier Jahren schafft sie es, sich von ihm zu trennen. Heute will sie anderen Frauen durch eine Selbsthilfegruppe beistehen, um sagen zu können: Nein, es reicht jetzt! SYMBOLFOTO: DPA © DPA Deutsche Presseagentur

Es war ein Schock, als ihr Partner sie das erste Mal schlug. Karin M. (Name geändert) floh unter Polizeischutz aus der Wohnung. Jetzt gründet sie eine Selbsthilfegruppe für Opfer häuslicher Gewalt.

Frau M., wieso wollen Sie die Selbsthilfegruppe für Opfer häuslicher Gewalt gründen?

Ich war Opfer von häuslicher Gewalt und wollte mich damals schon darüber austauschen. Als ich in den Wetteraukreis zog, suchte ich nach Selbsthilfegruppen, es gab aber keine. Eine eigene Gründung kam nicht zustande - es war noch nicht die richtige Zeit gekommen. Den Leidensdruck habe ich heute nicht mehr, aber das Bedürfnis, anderen Frauen zu zeigen: Ihr könnt da raus. Es ist wichtig, nicht alleine zu sein.

Welche Gewalterfahrungen mussten Sie erleiden?

Anfang bis Mitte 20 war ich vier Jahre mit einem Mann zusammen, bei dem ich physische und psychische Gewalt erlebte. Es fing schnell an, wir zogen nach drei Monaten zusammen, und im vierten Monat ging es los. Er boxte mich in die Rippen, demolierte die Wohnung. Die Nachbarn riefen die Polizei, ich erstattete aber nie Anzeige. Ihn zu verlassen, traute ich mich nicht. Am Ende schlug er mich täglich.

Was hielt Sie auf?

Ich war sehr jung, spürte keine Selbstliebe und kannte den eigenen Wert nicht. Er war sehr manipulativ und hatte eine schwere Kindheit - ich glaubte, ihn retten zu können. Aber ich hatte auch Angst fortzugehen, ich schämte mich, dass mir so etwas passierte. Meine Befürchtung war, mir von anderen anhören zu müssen: »Warum bist du so lange geblieben?« Mein Partner trichterte mir ein, dass ich das Problem sei.

Fielen Ihre Verletzungen nicht auf?

Einmal kam ich mit einem blauen Auge zu meinen Eltern. Ich erzählte ihnen, ich hätte beim Spielen einen Ball ins Gesicht bekommen. Meine Eltern vermuteten immer, dass er mich schlägt, aber ich verteidigte ihn. Auch meinen Arbeitskollegen erzählte ich eine Geschichte darüber, woher das blaue Auge kam. Ich habe mehrere Narben, die man noch heute sieht.

Wie entkamen Sie der Gewalt?

Ich wollte nie, dass das Kind alleine bei ihm ist. Bevor ich zur Arbeit ging, brachte ich daher meinen Sohn zu meiner Mutter. Als er dort eines Tages das Kind herausforderte, beschloss ich, ihn zu verlassen. Tagsüber schlief er immer, währenddessen wollte ich mit dem Kind heimlich fort. Ich kam von der Arbeit und tat, als sei nichts. Er wurde wach, sah, dass die Zahnbürsten weg waren und die Taschen da standen. Er gab vor, mit dem Hund spazieren zu gehen, stellte sich stattdessen aber vor die Wohnungstür und wartete. Das merkte ich und rief die Polizei. Er trat die Tür ein, nahm das Kind - aber drei Minuten später war die Polizei da. Die kannten die Adresse schon, weil die Nachbarn öfter angerufen hatten.

Wie konnten Sie sich endgültig lösen?

Bei meinen Eltern stand er zweimal vor der Tür, aber ich sagte ihm, dass er sich mir gesetzlich nicht nähern dürfe. Er glaubte es, aber er schreibt mir heute noch. Diese E-Mails sammle ich, um Beweise zu haben, dass er nicht ablässt. Ich muss jährlich beantragen, dass die Auskunftssperre aufrechterhalten bleibt. Als ich einen neuen Partner hatte, bedrohte er ihn per Sprachnachricht mit dem Tod. Die Richterin lehnte sofort ab, dass er das Sorgerecht für unseren Sohn bekam. Betreuten Umgang lehnte wiederum er ab. Wegen des uneingeschränkten Umgangsrechts wäre ein Prozess nötig gewesen, aber einen Tag vorher wurde er abgeschoben. Er ist US-Amerikaner, und seine Niederlassungserlaubnis war abgelaufen. Das ist acht Jahre her.

Wie fühlen Sie sich mittlerweile?

Heute bin ich eine starke Frau, nach mehreren Selbstverteidigungskursen und intensiver Arbeit für meine Persönlichkeitsentwicklung, mit Psycho- und Traumatherapie sowie spirituellen Themen. Ich bin jetzt Entspannungstrainerin für Kinder und Jugendliche, systemische und Inneres-Kind-Beraterin und habe die Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie begonnen. Seit Februar biete ich Coachings zur Stärkung von Frauen an. Meine Erfahrungen will ich weitergeben. Ich will zeigen, dass sich jede Betroffene aus der Hölle befreien kann.

Info: Treffen samstags und online

Das erste Treffen der Selbsthilfegruppe für Opfer häuslicher Gewalt ist für Samstag, 26. März, um 11 Uhr terminiert. Stets am letzten Samstag im Monat ist das Treffen - die Zusammenkunft läuft per Zoomkonferenz, um die Reichweite zu erhöhen. Kontakt zu Karin M. (Name geändert) gibt es per E-Mail an selbst_bestimmt@web.de. Die Teilnahme ist kostenlos.

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