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Wenn die Kontrolleure kommen

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Von: Sabrina Dämon

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Im Interview: Dr. Evelin Jugl, Leiterin des Veterinäramts, über Lebensmittelkontrollen im Wetteraukreis, worauf Kontrolleure achten und wie die Prüfquote erfüllt werden soll.

Wie viele zu kontrollierende Betriebe gibt es im Wetteraukreis?

Im Wetteraukreis sind aktuell 4046 kontrollpflichtige Betriebe erfasst.

Wonach wird bei Lebensmittelkontrollen geschaut?

In den Betrieben wird die Einhaltung der lebensmittelrechtlichen Bestimmungen überprüft. Dazu gehören neben der Produktions- und Personalhygiene beispielsweise Sauberkeit, die bauliche Instandhaltung des Betriebs, Rückverfolgbarkeit, Mitarbeiterschulung, Eigenkontrollsystem, Schädlingsbekämpfung und Kennzeichnung.

Wie oft werden Betriebe kontrolliert?

Kontrollen finden in den gesetzlich vorgegebenen Zeitabständen statt, die sich aus der Risikoklasse und der -beurteilung des Betriebs ergeben. Diese beruht auf einer Reihe von Faktoren, angefangen bei der Betriebsart über die Verlässlichkeit des Unternehmers bis hin zu Faktoren wie der baulichen Beschaffenheit. Hinzukommen die Verfolgung von Anzeigen oder Verdachtsfällen sowie Nachkontrollen.

Wie kann man sich eine Kontrolle vorstellen, beispielsweise in einem Restaurant? Stehen die Kontrolleure einfach vor der Tür?

Ja, die Kontrolleure stehen unangemeldet vor der Tür. Sie stellen sich vor, weisen sich aus und informieren den Betriebsinhaber oder seinen Vertreter über die Kontrolle. Dann ziehen sie sich Schutzkleidung an und gehen mit jemandem aus dem Betrieb durch alle Räumlichkeiten und besichtigen die Lebensmittel. Sie überprüfen Heißhalte- und Kühltemperaturen und sehen sich die dazugehörigen Unterlagen sowie das Eigenkontrollsystem an. Stichprobenartig werden die Lebensmittelkennzeichnungen überprüft, auch die Allergenkennzeichnung auf der Speisekarte. Gegebenenfalls können Lebensmittelproben gezogen werden. Von Mängeln werden Lichtbilder angefertigt. Nach der Kontrolle werden vorgefundene Mängel mit dem Betriebsinhaber besprochen. Dieser erhält vor Ort einen Überprüfungsbericht, auf dem die Fristen für die Abstellung von Mängeln festgelegt sind. Bei gravierenden Mängeln kann es zur Sicherstellung von Lebensmitteln oder Betriebsschließungen kommen.

Was sind unter anderem Gründe für Beanstandungen?

Gründe wären etwa Hygienemängel - Personal-, Lebensmittel- oder Betriebshygiene -, das Nicht-Einhalten von Heißhalte- oder Kühltemperatur oder Kennzeichnungsmängel.

Gab es schon Fälle, in denen ein Betrieb geschlossen werden musste nach einer Kontrolle? Oder gibt es eine Art Frist zum Korrigieren?

Betriebsschließungen kamen bei gravierenden Mängeln schon vor. Welche Maßnahmen beziehungsweise Fristen angeordnet werden, hängt von der Schwere des jeweiligen Mangels ab.

Haben Sie ein Beispiel?

Grund für eine Betriebsschließung könnte etwa eine extrem verschmutzte Küche mit starkem Schädlingsbefall sein. Bei verschmutzten Lichtschaltern im Produktionsbereich, nicht aufgefüllten Handtüchern am Handwaschbecken und fehlender Allergenkennzeichnung auf der Speisekarte würde man hingegen Fristen setzen, in denen die Mängel zu beheben sind.

Der Rechnungshof hatte Wirtschaftlichkeit und Effizienz der hessischen Veterinärverwaltungen geprüft. Das Ergebnis: Die kommunalen Ämter seien nicht in der Lage, ihren Aufgaben nachzukommen. Hessenweit fiel 2018 mehr als jede vierte Betriebskontrolle aus. Es bestehe das Risiko, dass lebensmittelrechtliche Verstöße unbemerkt bleiben. Wie ist die Situation in der Wetterau?

Diese Zahlen aus 2018 treffen auf den Wetteraukreis nicht zu. In den vergangenen Jahren konnten wir sogar einen landesweit überdurchschnittlichen Erfüllungsgrad bei den Plankontrollen vorweisen. 2018 und 2019 - also vor Pandemiebeginn - haben wir die Kontrollquote mit 103 beziehungsweise 104 Prozent übererfüllt. Das bedeutet, dass wir häufiger kontrolliert haben als vorgeschrieben. Allerdings hat die Pandemie auch den Wetteraukreis nicht verschont. Viele Betriebe - Restaurants, Cafés, Kantinen - waren geschlossen und konnten nicht überprüft werden. Zudem musste Personal im Kreishaus in der Corona-Rückverfolgung unterstützen. Das muss erst wieder aufgeholt werden.

Ein Problem, heißt es weiter im Prüfbericht, ist Personalmangel. Wie ist es im Veterinäramt des Kreises?

Wir bilden aktuell zwei Lebensmittelkontrolleure aus, eine weitere Stelle ist ausgeschrieben. Mit diesem verstärkten Team werden wir daran arbeiten, möglichst schnell zur 100-Prozent-Quote zurückzukommen.

Wie viele Beanstandungen gab es 2018 im Wetteraukreis?

2018 wurden insgesamt 3329 Kontrollen durchgeführt, bei 1227 davon gab es Beanstandungen, also Verstöße. Allerdings ist die Schwere der Verstöße sehr differenziert zu betrachten - im einen Betrieb müssen vielleicht lediglich einige offene Bohrlöcher verschlossen werden, im anderen Betrieb können hingegen Schimmel und Ungezieferbefall festgestellt worden sein.

In der Diskussion zum Thema Lebensmittelkontrollen geht es auch um eine Veröffentlichung der Ergebnisse. Vorbild ist Dänemark: Dort hängen Prüfberichte an Ladentüren von Bäckereien oder Restaurants. Ist das eine Möglichkeit für Deutschland?

Ein Alleingang durch den Wetteraukreis ist nicht möglich. Ob das Vorgehen zu einer weiteren Verbesserung unserer Lebensmittelproduktion beitragen würde, kann nicht eingeschätzt werden. Es bleibt festzuhalten, dass die Qualität unserer Lebensmittel im Wetteraukreis einem höchsten Standard entspricht. Verstöße werden verfolgt, geahndet und die weitere Ausgabe der Lebensmittel unterbunden. Primär verantwortlich für die Qualität der Lebensmittel ist und bleibt aber der produzierende beziehungsweise verkaufende Einzelhändler oder Gastronom. Im Kreis haben wir sehr viele verantwortliche und verantwortungsbewusste Unternehmerinnen und Unternehmen.

INFO:

Die Landkreise sind in Deutschland zuständig für die Lebensmittelüberwachung. In der Kreisverwaltung hat das Veterinäramt die Verantwortung dafür und kümmert sich um die Kontrollen. »Die Wetterauer Lebensmittelbetriebe werden in zuvor festgelegten Intervallen regelmäßig kontrolliert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen dabei Proben, die dann vom Hessischen Landeslabor mit seinen Stellen in Kassel, Gießen oder Wiesbaden untersucht werden«, erläutert Dr. Evelin Jugl, Leiterin des Fachdienstes Veterinärwesen und Lebensmittelkontrolle des Kreises. Wie Jugl berichtet, unterteilen sich die Arten der Lebensmittelbetriebe nach dem bundeseinheitlichen Betriebsartenkatalog. Dieser wurde vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit erstellt. Zahlreiche Betriebsgruppen und -arten werden darin erfasst, etwa Dienstleistungsbetriebe, wie Küchen und Kantinen, Gaststätten und Imbisseinrichtungen. Aber auch Hersteller und Erzeuger, etwa Milchbe- und -verarbeitungsbetriebe (wie Käsereien, Butter- und Speiseeishersteller, Hersteller von Eierprodukten, Schlachtbetriebe, Metzgereien, Fisch-, Krusten-, Schalen- und Weichtierbetriebe). Auch Primärerzeuger (hierunter fallen auch viele Direktvermarkter) und Hersteller von pflanzlichen Lebensmitteln, etwa Bäcker, Konditoreien, Großbäckereien, Verarbeiter von Obst oder Gemüse, Honigabfüllbetriebe, Kaffeeröstereien sowie Hersteller von Getränken oder Hersteller von Halbfertig- und Fertiggerichten (wie Suppen, Soßen, Tiefkühlkost). Lebensmittelgroßhändler werden ebenso überwacht wie der Lebensmittelhandel. Die Kriterien für die Lebensmittelüberwachung, erklärt Jugl, gibt die EU-Gesetzgebung in mehreren Verordnungen vor. Zudem gelten die nationalen Gesetze und Verordnungen, etwa die »AVV Rahmen-Überwachung - AVV Rüb« (Allgemeine Verwaltungsvorschrift über Grundsätze zur Durchführung der amtlichen Überwachung der Einhaltung der Vorschriften des Lebensmittelrechts, des Rechts der tierischen Nebenprodukte, des Weinrechts, des Futtermittelrechts und des Tabakrechts).

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