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Wetterau: »Die Kindheit genommen« - Urteil im Prozess des Kindesmissbrauchs in 112 Fällen

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Von: Barbara Czernek

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Im Fall des 51-Jährigen, der sich wegen Kindesmissbrauchs im Kreisgebiet verantworten musste, ist das Urteil gesprochen worden. Es fällt zwar niedriger aus als gefordert, Opfer und Staatsanwaltschaft zeigten sich dennoch erleichtert und zufrieden.

Mit diesem Urteil hatte der Angeklagte nicht gerechnet: Das Landgericht in Gießen verurteilte ihn zu zehn Jahren und sechs Monaten Haft wegen schweren sexuellen Missbrauchs an mehreren Kindern. Ungläubig hörte der 51-Jährige die Verkündung des Urteils an, sackte dabei ein wenig in sich zusammen, schlug die Hände über den Kopf. Noch im Gerichtssaal klickten die Handschellen. Er wurde direkt ins Gefängnis gebracht.

Oberstaatsanwältin Yvonne Vockert hatte in ihrem gut eineinhalb stündigen Plädoyer eine Strafe von zwölf Jahren und sechs Monaten sowie Haftbefehl beantragt, da - aufgrund der Höhe der zu erwartenden Strafe - Fluchtgefahr gegeben sei. Dies sah der vorsitzende Richter Peter Neidel genauso und ließ den Haftbefehl sofort vollstrecken. Dies wurde von den Nebenklägerinnen und Opfern des Angeklagten mit Erleichterung aufgenommen.

Wetteraukreis: Angeklagter wendet sich an Handschellen an Opfer

Beim Abführen hob der Verurteilte seine in Handschellen gefesselten Hände und sagte in Richtung seiner Opfer: »So, jetzt habt ihr es erreicht«. Das war die einzige Äußerung, die er am Montag in Richtung der Geschädigten machte - von Reue keine Spur.

»Nun kann ich mit dem Geschehen abschließen und mit der Aufarbeitung beginnen«, sagte eines der Opfer (und eine der drei Nebenklägerinnen). Als sie elf Jahre alt war, hatte der Angeklagte sie ein Mal nachts am ganzen Körper berührt, einschließlich des Genitalbereichs. Zu diesem Zeitpunkt wohnte er als Untermieter bei der Familie. Das Mädchen erzählte das ihrer Mutter, die ihn sofort aus der Wohnung warf. Eine Anzeige erfolgte nicht. Wie sehr ein solches Ereignis das Leben nachhaltig verändern kann, wurde an ihr deutlich: Sie hatte lange Zeit außer ihrer Mutter mit niemandem darüber gesprochen. Nicht einmal mit der besten Freundin, die ebenfalls zum Opfer des 51-Jährigen wurde. Beide erfuhren erst im Zuge der Ermittlungen voneinander. »Man spricht darüber nicht«, sagte sie.

Wetteraukreis: Nebenklägerin froh, den Schritt gewagt zu haben

Die Tochter der ehemaligen Lebensgefährtin des Angeklagten sagte im Anschluss, dass sie sehr froh darüber sei, den Schritt gewagt und ihn angezeigt zu haben. Sie gehe gestärkt aus dem Verfahren und werde sich jetzt der Aufarbeitung widmen.

Der Verteidiger des Angeklagten ließ nichts unversucht, die Aussagen der Zeuginnen als unglaubwürdig oder als Lügen herabzuwürdigen. Dem steht die Beurteilung des Kinder- und Jugendpsychologen Dr. Johannes Völler entgegen, der allen Zeuginnen eine uneingeschränkte Glaubwürdigkeit bescheinigte.

Wetteraukreis: Gießener Psychiater bescheinigt volle Schuldfähigkeit

Der Gießener Psychiater Dr. Jens Ulferts hatte dem Angeklagten volle Schuldfähigkeit bescheinigt. Da jedoch die letzten ihm nachgewiesenen Taten mehr als zehn Jahr zurückliegen, konnte er keine Sicherungsverwahrung empfehlen.

Ins Rollen kam das Verfahren 2013 durch die Tochter seiner damaligen Lebensgefährtin. Sie wurde von ihm sexuell missbraucht, seitdem sie elf Jahre alt war. Mindestens ein bis zweimal in der Woche wurde er sexuell übergriffig, bis hin zum Geschlechtsverkehr. Sie und ihre Schwester wurden später aus der Familie genommen und in einer Jugendeinrichtung untergebracht, dort unterhielt er weiter heimlich Kontakt zu ihr, um seine sexuellen Triebe auszuleben.

Wetteraukreis: Taten reichen bis 1996 zurück

Im Rahmen der Ermittlungen wurden weitere Taten aufgedeckt, die bis 1996 zurückreichen. Auch vor seiner eigenen Tochter machte er keinen Halt, missbrauchte sie regelmäßig und zwang sie sogar ein Mal dazu, mit ihrem Bruder Geschlechtsverkehr zu haben. Die beiden Kinder waren zu diesem Zeitpunkt gerade einmal fünf und acht Jahre alt.

Seine Tochter ist von den Taten so traumatisiert, dass sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und es nicht ertragen konnte, ihre Aussage im gleichen Raum zu tätigen. Daher wurde sie per Video vernommen.

Wetteraukreis: »Sie haben sechs Kindern die Kindheit genommen«

»Sie waren der liebe Onkel oder der Freund der Mutter, der sich das Vertrauen der Kinder erschlich und es ausnutzte. Sie haben sechs Kindern die Kindheit genommen. Sie haben das Vertrauen missbraucht und es mit Füßen getreten.«, sagte der Richter in seiner Begründung, der während des Prozessverlaufs einfühlsam bei den Befragungen der Zeugen umgegangen war. Er bescheinigte dem Mann ein mangelndes Unrechtsempfinden, das sich durch seine Haltung und Körpersprache gezeigt hatte.

Sowohl die Staatsanwältin wie auch die Nebenklägerinnen und die weiteren Opfer, die zum letzten Prozesstag nach Gießen gekommen waren, zeigten sich zufrieden mit dem gefällten Urteilsspruch - auch wenn dieser etwas niedriger ausfiel als die geforderten zwölf Jahre und sechs Monate.

Der Verteidiger hatte Freispruch gefordert, da aus seiner Ansicht keine der Taten bewiesen ist. Gegen das Urteil kann binnen einer Woche Revision beantragt werden.

Info: Angeklagter schwieg

Der Täter hatte während des gesamten Prozessverlaufs zu den Vorwürfen geschwiegen. Meistens verhielt er sich passiv, als wenn ihn dies nichts anginge. Da er jedoch keinerlei Aussagen machte, blieb den Opfern die erneute Aussage vor Gericht nicht erspart. Allerdings wurde die Öffentlichkeit in weiten Teilen des Verfahrens zum Schutz der Opfer ausgeschlossen.

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