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Wetterau: Getreideanbau oder Naturschutz?

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Von: Jürgen W. Niehoff

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Sollte wegen drohender Versorgungslücken infolge des Ukraine-Krieges hierzulande mehr Getreide angebaut werden? © DPA Deutsche Presseagentur

Sollten die Flächen für Getreideanbau vergrößert werden, um so drohenden Versorgungslücken infolge des Ukraine-Krieges vorzubeugen? Die Meinungen gehen auseinander. Auch in der Wetterau.

Der Nabu Wetterau sieht mit Schrecken, wie derzeit argumentiert werde, dass der Naturschutz angesichts des Krieges in der Ukraine und den deswegen drohenden Versorgungslücken gegenüber dem Getreideanbau zurückstehen solle.

Schließlich gebe es Alternativen, wie mehr Getreide zur Verfügung stehen könne. Ein Teil der Getreidereserven Deutschlands könne schnell Menschenleben retten. Und: »Wir könnten zum Beispiel unseren Konsum an Schweinefleisch reduzieren und stattdessen selbst Getreide oder Gemüse essen«, findet Thomas Herold, Vorsitzender des Nabu Wetterau.

Wetterau: Nabu verweist auf Artensterben

Anderer Ansicht ist die Vorsitzende des Regionalbauernverbands Wetterau-Frankfurt, Andrea Rahn-Farr aus Rinderbügen. Sie sagt: »Deutschland wird auch weiter auf Wertschöpfung durch Tierhaltung angewiesen sein.«

» ›Wir brauchen jetzt erst mal keinen Naturschutz, die hungernden Menschen sind wichtiger!‹ Das klingt logisch, doch die Bekämpfung des Hungers darf nicht auf Kosten des Naturschutzes gehen. Denn wir haben noch eine weitere Krise: das Artensterben. Wenn wir dieses verschärfen, verschärfen wir langfristig auch den Hunger, weil der Ausfall von Arten die Ökosysteme instabil macht«, sagt Herold.

Wetterau: Ackerflächen für Rebhuhn und Kiebitz

Laut EU-Agrarpolitik sollten ab 2023 vier Prozent der Ackerfläche als ökologische Brache den Tier- und Pflanzenarten der Feldflur zur Verfügung stehen, etwa dem Rebhuhn und dem Kiebitz. »Doch die Bauernverbände fordern, diese vier Prozent erst später, nach der Bewältigung der Hungerkrise in Afrika, aus der Nutzung zu nehmen - wenn die Ukraine wieder Getreide exportiert«, klagt Herold.

So lange könnten die Bestände von Kiebitz und Rebhuhn nicht warten, sie seien in den vergangenen Jahrzehnten um bis zu 90 Prozent eingebrochen. Sie müssten vor dem Aussterben bewahrt werden.

Wetterau: So kann mehr Getreide zur Verfügung stehen

Sollen deshalb jetzt Menschen in Afrika hungern? Nein, betont der Nabu. Es gebe Alternativen, wie mehr Getreide zur Verfügung stehen könne. Etwa durch die Reduzierung des Schweinefleisch-Konsums. Denn für eine Kalorie aus Schweinefleisch müssten mindestens fünf Kalorien aus Futterpflanzen eingesetzt werden.

Herold: »Die Anbaufläche, die für ein Drittel des Schweinefutters benötigt wird, beträgt mehr als die vier Prozent Ackerfläche, die dem Naturschutz zugutekommen soll. Fünf Millionen Tonnen Getreide könnten dort angebaut werden.«

Wetterau: »Falscher« Naturschutz der vergangenen Jahre

Die Vorsitzende des Regionalbauernverbandes Frankfurt-Wetterau, Andrea Rahn-Farr, wendet ein: »Bei den vier Prozent geht es nicht um eine Ausweitung der Anbauflächen, sondern um die Verschiebung der Einschränkung für eine bestimmte Zeit.« Der Kiebitz leide unter der starken Zunahme von Marder, Fuchs und Waschbär. Schuld daran sei der »falsche« Naturschutz der vergangenen Jahre, von dem vor allem Prädatoren profitiert hätten. »Das hat man in der Wetterau erkannt und deshalb zwei Areale mit Kiebitz-Schutzzaun angelegt. Das kleine umfasst fünf, das große 80 Hektar«, sagt Rahn-Farr.

Futtergetreide sei deshalb Futtergetreide, weil es nicht für die menschliche Ernährung tauge, wie Gerste oder Triticale. »Sie werden im Zuge der Fruchtfolge angebaut, weil man nicht immer nur Weizen anbauen kann«, erklärt Rahn-Farr. Der Fruchtwechsel sei für die Bodenfruchtbarkeit und für gesunde Pflanzen wichtig. Außerdem eigne sich auch nicht jeder Weizen fürs Backen.

Auch das Ausweichen auf Gemüse, wie es der Nabu vorschlägt, ist für Rahn-Farr kaum eine Alternative zum Verzehr von Schweinefleisch. Der Gemüseanbau in Deutschland sei wegen des Preisgefälles bei den Löhnen im Gegensatz zu Spanien eher auf dem Rückzug. »Es ist kaum mehr möglich, die Menschen zu finden und zu bezahlen, die die Arbeit machen«, sagt Rahn-Farr.

Wetterau: Wertschöpfung durch Tierhaltung

Ihrer Ansicht nach wird Deutschland weiter auf Wertschöpfung durch Tierhaltung angewiesen sein. Andrea Rahn-Farr: »Unsere Landwirte produzieren Fleisch, Eier und Milch zu höchsten Standards. Dafür muss sich niemand ein schlechtes Gewissen einreden lassen, denn das entspricht nicht den Tatsachen, sondern allenfalls der grünen Ideologie.«

Ein schneller Verzicht auf Fleisch sei nicht die Lösung aller Probleme, sagt Thomas Herold. Aber: »Gesellschaftlich und umweltpolitisch stehen die Zeichen auf eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft, vom übermäßigen Fleischkonsum und den damit einhergehenden Problemen. Der Ukraine-Krieg zeigt diese verstärkt auf. Die Antwort kann nicht ein Festhalten an Altem sein.«

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»Deutschland wird weiter auf Wertschöpfung durch Tierhaltung angewiesen sein«, sagt Andrea Rahn-Farr. © Jürgen W. Niehoff

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