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Wetterau: Holz-Nachfrage explodiert - »Zwischen 20 und 30 Anrufe am Tag«

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Von: Inge Schneider

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Die Nachfrage nach Brennholz steigt gerade - wegen höheren Energiepreisen und der Drosselung von Gaslieferungen aus Russland. SYMBOL © DPA Deutsche Presseagentur

Die Energiepreise steigen, Russland drosselt seine Gaslieferungen. Die Angst vor kalten Räumen im Winter steigt - und damit die Nachfrage nach Brennholz. So ist die Lage in der Wetterau.

Wetteraukreis (im). Die Energiepreise für fossile Brennstoffe steigen, Russland drosselt seine Gaslieferungen. Die Angst vor einem Winter in kalten Räumen steigt in der Bevölkerung - und damit die Nachfrage nach Brennholz. »Einen derartigen Ansturm wie aktuell habe ich noch nicht erlebt«, sagt Händler Jan Becker aus Oppershofen. »Sind die Bestellungen schon in den Corona-Wintern leicht angestiegen, so bekomme ich jetzt zwischen 20 und 30 Anrufe am Tag mit Nachfragen und Bestellungen.«

Die vorhandenen Holzkapazitäten kommen seiner Meinung nach an ihre Grenzen. Die Preise steigen, liegen aktuell zwischen 130 bis 140 Euro für den Raummeter Brennholz. »Da bringt mich schon der Einkauf in Schwierigkeiten - und dann soll ich dieses Niveau auch noch an meine Kunden weitergeben.« Längst hat Becker auf seiner Homepage vermerkt, dass er weder weitere Bestellungen noch Neukunden annehmen kann. Kollegen tun es ihm gleich.

Brennholz in der Wetterau: »Wenn jeder vernünftig bestellt, wird es für alle reichen«

Andre Eiser betreibt seinen Forstservice und Brennholzhandel in Ober-Widdersheim und sieht die Lage ähnlich. »Meine Auftragsbücher sind jetzt schon so voll wie sonst zum Jahresende. Man kommt sich vor wie bei der biblischen Speisung der 5000 mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen«, sagt der Händler. Seiner Meinung nach hilft nur der Appell an die Vernunft der Menschen.

»In der Not muss man teilen und sich selbst etwas einschränken. Wenn jeder vernünftig und nicht über das Normalmaß hinaus bestellt, wird es für alle reichen«, ist Eiser sich sicher. Doch auch er bedient aktuell nur noch seine Bestandskunden, bietet diesen wiederum auch Mischholzlieferungen an, um alle vorhandenen Kapazitäten auszunutzen. Ansturm auch beim Brennholzhandel Filz in Nidderau-Eichen, wo die beiden Geschäftsführer Christoph und Daniel Filz wegen des Arbeitsaufkommens keine Zeit für ein Interview finden.

Brennholz in der Wetterau: Lage laut Hessen Forst noch nicht dramatisch

Eher gelassen sieht man die Situation bei Brennholz Hofmann in Gießen - und nicht zuletzt auch bei Hessen Forst. »Als dramatisch würde ich die Lage noch nicht bezeichnen«, sagt Bereichsleiter Anselm Möbs vom Forstamt Nidda, der zudem zur Frage der Klimafreundlichkeit des Brennstoffes Holz Stellung nimmt (siehe Zusatzelement).

Aufgrund eines Beschlusses des Bundeskartellamtes darf Hessen Forst selbst in Sachen Verkauf nur noch bei Brennholz aus den Staatsforsten tätig werden, den Verkauf von Beständen aus kommunalen und privaten Wäldern hat die Forstbetriebsgemeinschaft Büdingen übernommen. »In den vergangenen Jahren haben wir in unseren Revieren vor allem das sogenannte Kalamitätsholz aus Sturm- und Trockenheitsschäden abgearbeitet, das als Brennholz verwertbar war. Aktuell können wir wieder verstärkt an der Pflege des Bestandes und der Aufforstung arbeiten. Wir glauben, dass wir die Nachfrage befriedigen können«, erläutert Möbs. Er räumt auch ein, dass es schon zu Holzdiebstählen im professionellen Maßstab gekommen sei. »Wer sich mit solchen Plänen trägt, sei vorgewarnt: Wir versehen unsere Holzstapel stichprobenartig mit GPS-Trackern und können verfolgen, wohin entwendetes Holz unterwegs ist.«

Brennholz in der Wetterau: »Bei Händlern und Endverbrauchern ist Flexibilität gefragt«

»Privatpersonen haben zwei Möglichkeiten, bei Hessen Forst Brennholz zu erwerben. Entweder sie arbeiten es im Bestand nah am Waldweg auf. Das heißt, sie sägen es selbst. Motorsägenschein und Schutzkleidung vorausgesetzt«, ergänzt Michelle Sundermann, Pressesprecherin von Hessen Forst in Kassel.

Sundermann: »Oder man erwirbt das Holz geerntet und gerückt am Wegrand in Längen von drei bis fünf Metern oder mehr. Dann kümmert sich der Käufer selbst um Abtransport, Kleinsägen, Spalten und Trocknen. Wer als Privatperson ofenfertiges Brennholz für diesen Winter erwerben möchte, muss sich an seinen Händler wenden.«

Die Balance zwischen Angebot und Nachfrage sieht Sundermann ähnlich wie Anselm Möbs in Nidda: »Die Nachfrage ist zweifellos größer als in den vergangenen Jahren. Wir versuchen, alle Bestellungen auch zu bedienen. Vielleicht können wir nicht alle Anfragen nach Buchen- und Birkenholz erfüllen, aber Nadelholz und Eiche eignen sich ebenfalls als Brennholz. Hier ist bei Händlern und Endverbrauchern Flexibilität gefragt.«

Info: Holz als Brennstoff - eine Klimabilanz

»Holz ist insofern als klimafreundlicher Brennstoff einzustufen, als es bei einer nachhaltig betriebenen regionalen Forstwirtschaft ein nachwachsender Rohstoff ist, der auf kurzen Wegen zum Verbraucher gelangt«, erläutert Anselm Möbs, Bereichsleiter im Forstamt Nidda. »Bei seiner Verbrennung wird nicht mehr klimaschädliches Kohlendioxid freigesetzt, als vom Baum vorher durch sein Wachstum gebunden wurde. Und es dauert auch nicht 100 Jahre, bis der nächste Baum nachgewachsen und die gleiche Menge CO2 wiederum gebunden ist - vielmehr binden alle in einem Bestand vorhandenen Baum-Individuen diese Menge dezentral durch ihr Wachstum innerhalb einer einzigen Vegetationsperiode.«

Dem Argument der Feinstaubfreisetzung durch Holzverbrennung gibt Möbs Recht, hält das Risiko aber auf dem Land und bei einer nicht flächendeckenden Nutzung dieser Wärmegewinnung für vertretbar.

»Etwas anderes wäre es, wenn sich in der Großstadt plötzlich die gesamte Bevölkerung dafür entschiede, mit Holz zu heizen - dies würde sicher einen nicht hinnehmbaren Anstieg der Feinstaubbelastung mit sich bringen«, sagt der Bereichsleiter des Forstamts Nidda.

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