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Wetterau: Jan Fleischhauer zu Gast in Büdingen - »Die Masse macht da nicht mit«

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Von: Andreas Matlé

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koe_CoverHowdare_200522_4c_1 © Andreas Matlé

Er gilt als einer der profiliertesten und pointiertesten Kolumnisten: Jan Fleischhauer. Jetzt können ihn die Wetterauer live erleben. Am Mittwoch, ist er zu Gast bei »Büdingen belesen«.

Herr Fleischhauer, vor drei Jahren sind Sie vom »Spiegel« mit Ihrer Rubrik »Schwarzer Kanal« zum »Focus« gewechselt. Geschah dieser Wechsel freiwillig?

Absolut. Man hat mich weder rausgeworfen, noch rausgemobbt. Der Chefredakteur hat meinen Wechsel sogar bedauert. Aber ein Wechsel tut von Zeit zu Zeit gut. Wenn man ihn sich traut. Und das in meinem Alter. .

Die Vorteile bei »Focus«?

Der Burda Verlag hat mir mehr Möglichkeiten geboten, nicht nur, dass ich dort wöchentlich erscheine. Die Fachleute haben sich darum gekümmert, dass ich verstärkt in den sozialen Medien vertreten bin, eine Arbeit, die ich zeitlich überhaupt nicht hinbekäme. Außerdem bin ich seitdem im Fernsehen präsent vertreten, wöchentlich im »Servus TV« und im »Welt TV«.

Jan Fleischhauer in der Wetterau: »Ich lege es nicht auf Provokation an«

Früher nannten Sie Ihre Kolumne »Schwarzer Kanal«. Mit schwarz wird gemeinhin konservativ assoziiert - mindestens.

Na ja, eigentlich komme ich von den Linken. Von deren Nahbetrachtung profitiere ich bis heute. Und über meine Wahl bei der Bundestagswahl habe ich kein Geheimnis gemacht, warum auch? Ich wurde von einem Fernsehmagazin gefragt und habe geantwortet: FDP - die Stimme der Freiheit.

Es gibt nicht wenige Menschen, die Ihre Kolumnen als provokativ empfinden, oder?

Ich sage es mal so: Vielleicht wohnt mir ein stärkerer Widerspruchsgeist inne, als anderen Journalisten. Aber wenn 50 Kommentatoren eine Meinung haben, die ich teile, muss ich nicht der 51. sein, der auch noch seinen Senf dazugibt. Ich lege es nicht auf Provokation an - aber, wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann schreibe ich das auch.

War es vor 20, 30, 40 Jahren noch einfacher »provokative« - oder wie immer man es nennen mag - Meinungen diskutieren zu können?

Bin ich mir nicht sicher. Die sogenannten 68er waren auch nicht unbedingt Helden der Meinungsvielfalt. Aber eines steht fest: Ein Fritz Teufel wäre nicht einer Podiumsdiskussion ferngeblieben und hätte sich unter seinen WG-Tisch verkrochen, wenn ein »Rechter« bei der Diskussion dabei gewesen wäre. Der hätte kein Hosenflattern bekommen. Heute gibt es diese kontroversen Diskussionen immer weniger.

Jan Fleischhauer in der Wetterau: »Die Masse macht da nicht mit«

Sie schreiben häufig über Themen wie Gendersprache, sogenannte kulturelle Aneignung, über Wokeness. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung eine andere Gewichtung sieht. Wie kommt es, dass scheinbar eine Minderheit hier den Ton angibt?

Es ist nichts Neues, dass eine Elite Vorstellungen für wichtig und richtig hält und die breite Masse damit beglücken will, wie diese Sprachakrobatik, also das Gedern. Irrwitzig ist, dass jene, die konsequent für das Gendern sind, selbst daran scheitern, wenn sie es ernsthaft umsetzen.

Wie meinen Sie das?

Die »Zeit« wollte nach der NRW-Wahl den Begriff »Nichtwähler« vermeiden und verwendete dafür »Wählende, die zu Hause geblieben sind« - was an sich unlogisch ist. Aber schon am Russischen Hof hat man Französisch gesprochen, um sich von der von der Masse abzuheben. Es stößt auf Aversionen, wenn eine Elite nach dem Motto handelt: Wir bringen euch das Licht der Aufklärung, aber wenn ihr euch anstrengt, bekommt ihr das hin. Fragen Sie einmal eine Verkäuferin mit Nasenpiercing bei Lidl ob sie Cisgender oder Transgender ist. Da blicken sie in tote Augen.

Diese Entwicklung ist auf dem Vormarsch, ist scheinbar unaufhaltbar.

Bin ich nicht überzeugt. Die Masse macht da nicht mit. Der Niedergang der Linken hat damit zu tun. Die Stammwähler der Grünen finden das gut. Aber auch die Verluste der SPD bringe ich damit in Verbindung. Denn deren Stammwähler in Duisburg können nichts damit anfangen. Aber nicht alle sind in der SPD zum Selbstmord bereit. Ich glaube, ein Herr Klingbeil steuert schon dagegen.

Jan Fleischhauer in der Wetterau: »Ich profitiere von masochistischen Lesern«

Warum springen dennoch viele Menschen auf diesen Zug?

Immer mehr Menschen unserer Gesellschaft sind sehr schnell beleidigt. Das ist ein Erziehungsproblem, das in der Hauptsache im akademischen Milieu gründet. Es gibt immer mehr Einzelkinder, und die werden derart übertrieben umsorgt - was bei dem Bohei um das richtige Essen anfängt. So, dass es sie bei den ersten Blessuren und Schlägen umhaut und ihnen die Worte fehlen, wenn sie mit Gedanken konfrontiert werden, die nicht in ihrem Lehrplan stehen. Mittlerweile gibt es die verrücktesten Trigger-Warnungen, etwa bei dem Klassiker »Orestie«… »Geschilderte Gewalttaten könnten Sie beim Lesen verstören.«

Werden Sie nach dem Erscheinen Ihrer Kolumnen mit Beleidigungen überschüttet?

Das hält sich in Grenzen. Meist über Twitter, wo ich die Kolumnen ankündige. Andererseits gibt es genug Leute, die sich geschworen haben, den Fleischhauer nie wieder zu lesen, die aber der Versuchung nicht widerstehen können, zu lesen, was der Irre dieses Mal geschrieben hat. Ich profitiere also gewissermaßen auch von masochistischen Lesern.

Info: Am Mittwoch in Lorbach

Jan Fleischhauer wird sein neues Buch »How dare you!« mit dem Untertitel »Vom Vorteil eine eigene Meinung zu haben, wenn alle dasselbe sagen« am Mittwoch, 25. Mai, um 20 Uhr bei »Büdingen belesen« in der Wolfgang-Konrad-Halle in Lorbach vorstellen. Darin nimmt er Kolumnen als Ausgangspunkt für Nachfragen. In Gesprächen mit Andersdenkenden und Lieblingsgegnern wie Jakob Augstein, Margot Käßmann oder Armin Nassehi soll klar werden, dass die Auseinandersetzung erst anfängt, wo die Kolumne aufhört.

Fleischhauer, geboren 1962 in Hamburg, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie. Nach 30 Jahren beim »Spiegel«, wo er unter anderem als Berliner Büroleiter und Wirtschaftskorrespondent in New York tätig war, wechselte er im Sommer 2019 zum »Focus«. Fleischhauer lebt mit seiner Familie in Pullach bei München.

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»Vielleicht wohnt mir ein stärkerer Widerspruchsgeist inne, als anderen Journalisten«, sagt Kolumnist Jan Fleischhauer. © Andreas Matlé

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