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Wetterau: Kita-Betreuung am Limit - »Kommunen haben den Schwarzen Peter«

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Mehr Geld und mehr Personal für ihre Kitas fordern die Wetterauer Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in einem offenen Brief. SYMBOL © DPA Deutsche Presseagentur

Kindertagesstätten im Krisenmodus: Es fehlt an Fachkräften und an Geld. Die 25 Wetterauer Bürgermeister äußern sich in einem offenen Brief an den Hessischen Städte und Gemeindebund.

Alle schieben Frust: Erzieher und Erzieherinnen, weil sie seit Jahren am Limit arbeiten, Eltern, weil Betreuungsplätze fehlen und -zeiten gekappt werden, Kommunalpolitiker, weil sie kein Geld haben, um eine qualitativ und quantitativ gute frühkindliche Bildung sicherzustellen.

»Kindertagesstätten sind strukturell unterfinanziert«, sagt die Ranstädter Bürgermeisterin Cäcilia Reichert-Dietzel. Sie ist Sprecherin der Bürgermeisterkreisversammlung, die nun in einem offenen Brief an den Hessischen Städte- und Gemeindebund (HSGB) Alarm schlägt.

Wetterau: »Situation ist bisweilen absurd«

Reichert-Dietzel und ihre 24 Kolleginnen und Kollegen fordern nicht nur mehr Geld für den laufenden Betrieb, für den Abbau eines »erheblichen Investitionsstaus« und für die Schaffung neuer Kindergartenplätze, sondern drängen auch darauf, die Ausbildung zu reformieren, um den Fachkräftemangel endlich zu beseitigen.

Der Markt ist leergefegt, die Suche nach Fachkräften gleicht dem Fischen in einem leeren Becken. Die Situation sei bisweilen absurd, sagt Reichert-Dietzel. Die Kommunen machten sich gegenseitig Konkurrenz, lockten mit Leitungsstellen, übertariflicher Bezahlung und so manchem »Bonbon«, um die Lücken im Stellenplan zu füllen. Doch das »hilft nicht, wenn die Leute bis zum Anschlag im Betreuungsdienst stecken«. Entlastung, müsse dringend her. Die psychischen Erkrankungen hätten beim Kindergarten-Personal »enorm zugenommen«. Deshalb fordern Reichert-Dietzel und ihre Kollegen, weitere Fachschulen für die Ausbildung einzurichten; die bestehenden seien proppenvoll.

Wetterau: Bedarf an Erziehern steigt weiter

»Unsere Erzieherinnen sind engagiert, trotz der angespannten Lage, auch die Elternbeiräte lassen nicht nach, die Kommunalpolitik zieht mit. Alle wollen das Bestmögliche erreichen, damit Kinder eine gute Bildung erhalten und Eltern Familie und Beruf vereinbaren können, aber uns fehlt das Geld«, sagt die Sozialdemokratin.

Die Gemeinde Ranstadt unterhält zwei Kindertagesstätten in Ranstadt und in Dauernheim mit jeweils 120 Plätzen. Das Kita-Personal bildet mit mehr als 50 Erzieherinnen, Sozialassistenten oder Anerkennungspraktikanten den größten Posten im Stellenplan der Gemeinde. Und der Bedarf steigt weiter. »Wir sind eigentlich ständig auf der Suche nach zwei bis fünf Erziehern oder Erzieherinnen«, sagt die Bürgermeisterin. Wenn die Öffnungszeiten der Kitas reduziert würden, um mit dem Dienstplan überhaupt hinzukommen, stünden die Eltern auf der Matte, die auf verlässliche Betreuungszeiten angewiesen seien.

Wetterau: Alle Kommunen seien in Schieflage

In Schieflage seien inzwischen alle Kommunen, wenngleich kleine Gemeinden mit wenig Gewerbesteuereinnahmen besonders im Nachteil seien. Die blieben nämlich auf den Defiziten aus den Kindertagesstätten in Form von Kassenkreditetn sitzen. Chancengleichheit und gleichwertige Lebensverhältnisse - wie in Raumordnungsgesetz und Verfassung gefordert - scheiterten daran, dass es keine gleiche Finanzausstattung gebe.

»Je mehr Auspendler eine Gemeinde hat, je mehr Familien mit Kindern, je mehr Senioren, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass keine ausgeglichenen Haushalte aufgestellt werden können und hohe Grundsteuerhebesätze in einer Gemeinde gelten«, schreiben die Bürgermeister an den HSGB.

Wetterau: Personalkosten »dickster Brocken« für Ranstadt

Der aktuelle Haushalt der Gemeinde Ranstadt hat ein Gesamtvolumen von 14 Millionen Euro. Voraussichtlich bei 1,85 Millionen Euro wird in diesem Jahr der Haushaltsfehlbetrag im Bereich Kindertagesstätten liegen. Bei Gesamtaufwendungen in Höhe von 2,6 Millionen Euro entspricht die Unterdeckung 70,5 Prozent. Auf lediglich 240 000 Euro addieren sich die Gebühren, die die Eltern für die Betreuung ihrer Kinder zahlen, das sind nicht einmal zehn Prozent der Gesamtkosten. Die Zuweisungen von Bund und Land machen rund 830 000 Euro aus.

Dickster Brocken auf der Ausgabenseite sind die Personalkosten, die mit knapp 2,1 Millionen Euro - oder 80 Prozent - zu Buche schlagen. »Es ist befremdlich, wenn das Bundesland Hessen wie in diesem Jahr meldet, dass es die Rekordsumme von 3,5 Milliarden in den Länderfinanzausgleich einzahlt. Hessen behandelt die Aufgabe der Kindertagesstätten immer noch so, als wäre es eine freiwillige kommunale Leistung«, heißt es weiter in dem Brief, der auch an die Kreisspitze sowie an Ministerien in Bund und Land geht. »Die Kommunen haben den Schwarzen Peter. Wir wollen zeigen, wo die Probleme liegen. Die lassen sich nicht lösen, wenn man immer auf den Kommunen rumhackt.« FOTO: PM

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