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Wohnzimmer statt Großraumbüro: So läuft das Homeoffice bei Wetterauer Firmen

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Von: Stefan Schaal

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Wohnzimmertisch statt Schreibtisch im Büro: Vielen Mitarbeitern von Unternehmen fehlen der Kontakt und die Gespräche mit ihren Kollegen. SYMBOLFOTO: ARCHIV © DPA Deutsche Presseagentur

Heimische Unternehmen berichten, wie die Umstellung ins Homeoffice bei ihnen gelaufen ist, welche Vor- und Nachteile sich daraus ergeben und wie kreativ sie die Situation gelöst haben.

Viele Menschen im Wetter-aukreis standen im Frühjahr 2020 vor einer völlig neuen Situation. Der Weg zur Arbeit bestand plötzlich nicht mehr darin, ins Auto zu steigen und ins Büro zu fahren, sondern per Knopfdruck einen Computer einzuschalten. Zu Hause. Im Wohn- oder Gästezimmer, manchmal auch in der Küche - Homeoffice eben.

Bei den Oberhessischen Versorgungsbetrieben (Ovag) gab es die Möglichkeit, mobil von zu Hause zu arbeiten, schon vor der Pandemie. Sie wurde jedoch in deutlich geringerem Umfang praktiziert und nur, wenn es besondere Gründe dafür gab, erzählt Dr. Martina Faber, Personalchefin des Energieversorgers. Mit Beginn der Pandemie habe die Ovag technisch dafür gesorgt, dass mehr Personen zeitgleich von zu Hause arbeiten können.

Homeoffice in der Wetterau: Mitarbeiter wechseln sich ab

Etwa die Hälfte der Mitarbeiter könne im Homeoffice arbeiten - jedoch nur in einem gewissen Umfang. »Es ist für manche Tätigkeiten auch Präsenz im Büro erforderlich«, sagt Faber. Hierbei wechsele man sich ab: Es arbeite circa ein Drittel der etwa 700 Mitarbeiter zeitgleich von zu Hause aus. »Die Kollegen, die die Strom- und Wasserleitungen warten und instand halten, arbeiten natürlich vor Ort auf den Baustellen«, sagt Personalchefin Faber.

Das Thema Homeoffice begleitet auch die Firma Eurobaustoff mit Sitz in Bad Nauheim seit Längerem. Mit Beginn der Pandemie, sagt Pressesprecher Thorsten Schmidt, wurde in vielen Fällen ein Rotationssystem installiert. »Das heißt 50 Prozent zu Hause, 50 Prozent im Büro«, erklärt er - immer mit dem Ziel, die Kontakte dort möglichst gering zu halten.

Homeoffice in der Wetterau: In vielen Bereichen ist Präsenz erforderlich

Generell lasse sich festhalten, dass bei Eurobaustoff bis Ende 2020 etwas mehr als die Hälfte der Mitarbeiter wechselweise im Homeoffice waren. Doch Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel: Der Empfang der Firma, die mit Baustoffen, Holz und Fliesen handelt, ist laut Schmidt immer besetzt. Auch die Hausmeister seien vor Ort.

Bei der Zentrale der Rewe Region Mitte in Rosbach ist es ähnlich. Laut Pressesprecherin Anja Loewe arbeiten hauptsächlich Verwaltungsangestellte von zu Hause aus. Der Außendienst und die Mitarbeiter in den 540 Märkten der Rewe Mitte gelten seit Beginn der Pandemie als systemrelevant. Heimarbeit sei da nicht möglich oder ergebe nur bedingt Sinn. Die Mitarbeiter in den Märkten, verdeutlicht Loewe, müssten sich täglich den Herausforderungen der Pandemie stellen. »Wir wissen, was die Kollegen draußen leisten.«

Homeoffice in der Wetterau: Persönlicher Austausch zwischen Kollegen wichtig

Loewe könne keine genaue Zahl nennen, wie viele der etwa 300 Mitarbeiter der Verwaltung im Homeoffice seien. Alle könnten das Angebot nutzen, machten aber nicht jeden Tag Gebrauch davon. Gebe es Bedarf, zum Beispiel wenn eine Unterschrift geleistet werden müsse, werde das Arbeiten vor Ort aber gerne angenommen. »Viele Kollegen sind froh, einmal die Woche ins Büro zu kommen«, sagt die Rewe-Pressesprecherin.

Der persönliche Austausch zwischen den Mitarbeitern ist wichtig, sagt Loewe. »Es ist unersetzlich, den Kopf in das Büro eines Kollegen stecken zu können.« An jedem Büro in der Rosbacher Zentrale stehe, wie viele Personen sich darin aufhalten dürften.

Die Mitarbeiter seien jedoch dazu angehalten - wo es der betriebliche Ablauf hergebe -, von zu Hause aus zu arbeiten. Sehr zur Freude von Kollegen aus dem Umkreis: Sie müssten nicht nach Rosbach pendeln. Da Schulen und Kindergärten zeitweise geschlossen waren, hat Rewe laut Loewe eine digitale Kinderbetreuung eingerichtet - um Eltern im Homeoffice zu unterstützen.

Homeoffice in der Wetterau: Pandemie schafft differenzierteres Verhältnis zur Heimarbeit

Auch Martina Faber von der Ovag ist der Meinung, dass kurze mündliche Abstimmungen, mit denen sich Probleme bei »motivierendem menschlichen Kontakt« schnell und kreativ lösen lassen, im Homeoffice zu kurz kämen. Daher hätten die Mitarbeiter im Sommer, als die Lage wieder mehr Präsenz zugelassen habe, mit einer »gewissen Erleichterung« davon Gebrauch gemacht.

Die Pandemie, sagt Schmidt, habe bei Eurobaustoff generell ein differenzierteres Verhältnis zum Homeoffice geschaffen. Zum einen habe die Firma erkannt, dass mobiles Arbeiten in bestimmtem Maße - und abhängig von der Aufgabenstellung - durchaus funktionieren könne. Zum anderen hätten die Mitarbeiter Nachteile für sich erkannt. »Zum Beispiel die fehlende Kommunikation mit den Kolleginnen und Kollegen, wenn man sich nicht mal eben auf dem Gang oder in der Teeküche austauschen kann.«

Weitere Vorteile des Homeoffice:

Um bis zu 22,1 Prozent, statt wie tatsächlich um 4,9 Prozent, hätte das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands 2020 laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte schrumpfen können - gäbe es nicht den Heimarbeitsplatz. Das Homeoffice habe in der Pandemie einen radikaleren Absturz der deutschen Wirtschaft abgewendet. Steffen Friedrich, Personalleiter bei Schunk in Heuchelheim (Kreis Gießen), berichtet zudem von Veränderungen, die das Homeoffice für die Firma mit sich gebracht hat. Zunehmend erhalte das Unternehmen Bewerbungen von Personen, die außerhalb Mittelhessens wohnen. So erweise sich das Homeoffice als hilfreich im Umgang mit dem Fachkräftemangel. Man könne dadurch ohne große Schwierigkeiten auch Menschen aus Nordrhein-Westfalen beschäftigen. »Sie können zum Beispiel montags und freitags zu Hause arbeiten und sind dann zwei, drei Tage hier vor Ort.«

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