Bürgermeisterwahl in Friedberg: WZ-Podiumsdiskussion mit starken Charakteren

Wer erobert am 24. September 2023 den Chefsessel im Friedberger Rathaus? Bei der Podiumsdiskussion der WZ konnte das Publikum die eine Kandiatin und die drei Kandidaten genauer kennenlernen.
Der große Saal der Friedberger Stadthalle ist voll besetzt gewesen bei der Podiumsdiskussion, zu der die WZ im Vorfeld der Bürgermeisterwahl eingeladen hatte. Als starke, aber sehr unterschiedliche Persönlichkeiten präsentierten sich dort am Donnerstagabend die vier Kandidaten Dirk Antkowiak (CDU), Kjetil Dahlhaus (parteilos), Anja ElFechtali (Linke) und Markus Fenske (Bündnis 90/Die Grünen).
»Ich hoffe, Sie haben viele Eindrücke mitgenommen: Welche Ansichten die Kandidaten haben und wie sie diese vertreten«, sagte Moderator Jürgen Wagner am Ende. Das war bei den meisten Zuhörern vermutlich der Fall. Die Fülle der Fragen und Antworten rund ums Thema Friedberg, aber auch die Ausstrahlung von Bewerbern und Bewerberin dürfte geholfen haben, Wahlentscheidungen zu treffen. Dafür, dass sich die Veranstaltung nicht hinzog, sondern pünktlich aufhörte, sorgte WZ-Chefredakteur Siegfried Klingelhöfer mit dem Blick auf die Uhr.
Was sie jeweils im Amt erreichen wollen
Der amtierende Bürgermeister Antkowiak (57) schilderte, zu Beginn seiner Amtszeit mit einer Vision angetreten zu sein - für ein lebenswertes und zukunftsfähiges Friedberg. »Die wichtigsten Punkte meines Wahlprogramms habe ich versucht umzusetzen«, sagte er. Das waren etwa Elektromobilität, Glasfaser und mehr Bürgerbeteiligung. Seine Vision für die Zukunft: »Vor sechs Jahren habe ich gesagt: Die Kaserne muss verkaufsfertig gemacht werden.« Das sei gelungen, am 4. Oktober geht’s los auf der Messe »Expo Real«.

Der Unternehmer Dahlhaus (44) ist angetreten, »weil ich den jahrzehntelangen Stillstand in Friedberg nicht mehr ertragen kann«. Die Stadt brauche einen Macher - er sei einer. Er posiere nicht nur fürs Foto, sondern arbeite mit, tausche sich aus. Gegen Leerstände will er angehen und mehr Transparenz in Politik und Rathaus bringen. »Ich möchte aus unserer Stadt eine richtige Marke machen«, betonte er. Ein lebendiger Tourismus und die Stärkung der Wirtschaft gehören für ihn unweigerlich dazu.
ElFechtali (49) sitzt in Stadtparlament und Kreistag, ist Vorsitzende der Linken-Hartz-4-Hilfe. »Für mich hat bezahlbarer Wohnraum oberste Priorität, weil in Friedberg die Mieten explodieren.« Mindestens 30 Prozent Sozialwohnungen sollte man in den Bebauungsplänen festschreiben. Weiteres Anliegen sind für sie eine lebenswerte Altstadt und die Menschen, die dort wohnen. Sie tritt für den Erhalt der Kaiserstraßen-Bäume ein, für mehr Barrierefreiheit, einen guten Öffentlichen Personennahverkehr und mehr Verständnis für die Jugend.

Grünen-Fraktionsvorsitzender Fenske (56) hob hervor: »Ich bin Friedberger von ganzem Herzen.« Sein Ziel sei, dass sich die Stadt wieder positiv entwickle und die wichtigen Zukunftsaufgaben angehe. Als Bürgermeister will er Anregungen geben und Mehrheiten finden. »All das kann ich, das habe ich in den letzten zwanzig Jahren bewiesen«, betonte er. Als wichtige Ziele nannte er die Verkehrs- und Energiewende, den Windpark auf dem Winterstein und die Beschäftigung mit der Thematik Wasser.
Auch Schwächen werden erkennbar
Die eine oder andere Schwäche zeigte sich, wie es im Leben so ist: So durfte sich Antkowiak anhören, die Bahn sei »noch träger als Friedberg« (Fenske). Dahlhaus ließ Antkowiak wiederholt nicht ausreden, als es um die Altstadt ging - sicher, um ihn herauszufordern. ElFechtali äußerte womöglich realitätsferne Vorstellungen, wie sie die Finanzkraft stärken will (»Ich gehe zum Bundestag und sage ›Die Kommunen brauchen Geld.‹«). Fenske schien anfangs etwas sehr in sich ruhend, zumindest vergleichsweise. Wahrscheinlich, um innerlich Anlauf zu nehmen.

Sympathien gewonnen
Alle vier Kandidaten konnten zweifelsohne Sympathien gewinnen, beispielsweise: Als sich ein Zuhörer über die mittlerweile »vielen Migranten« in Friedberg beschwerte, erwiderte der stets freundlich bleibende Antkowiak: »Für mich sind alle Menschen gleich viel wert.« Dahlhaus punktete mit Charisma, Aufbruchswillen und spannenden Ideen. ElFechtali sprach als taffe Frau, die soziale Wärme fordert, sicher vielen Menschen aus dem Herzen. Fenske lief in der zweiten Hälfte zu Hochform auf, argumentierte stark, selbstbewusst und versiert. Auf das Ergebnis der Wahl darf man gespannt sein.

Gendern und »Frauenquote«
Bei der Podiumsdiskussion ging es nicht nur ernst zu, es gab auch viel Anlass zur Heiterkeit. So bewegte das Gendern einen Zuhörer, der den parteilosen Kandidaten Kjetil Dahlhaus fragte: Auf seiner Website gendere er - nicht aber während der Diskussion in der Stadthalle. »Hat das wer anders geschrieben? Distanzieren Sie sich von diesem Gender-Schema?«, hakte er nach. Wie sich herausstellte, hatte der Mann dem Kandidaten vorher schon eine E-Mail geschickt und ihm vorgeschlagen, das Gendern zu lassen - dann werde er ihn wählen. »Was’n das für ein Deal!«, parierte Dahlhaus das Ansinnen. Ein weiterer Zuhörer fragte die Moderatoren Siegfried Klingelhöfer und Jürgen Wagner, wieso keine Frau als Moderatorin dabei sei. »Weil wir beide als Mann geboren wurden«, konterte Wagner - und hatte die Lacher auf seiner Seite.