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Zackiges Getrommel, bunter Protest gegen »Spaziergänger«

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Von: Jürgen Wagner

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»Querdenker« marschieren über die Kaiserstraße: An der Parkbucht kurz vor dem Elvis-Presley-Platz treffen Demonstranten und Gegendemonstranten aufeinander. Ein infernalisches Getrommel und Gepfeife erschallt, die Polizei sorgt dafür, dass sich die beiden Gruppen nicht zu nahe kommen. © Jürgen Wagner

»Querdenker« zogen am Samstag durch Friedberg und machten in den Wohnvierteln der Kreisstadt noch Stunden nach dem Abmarsch Krach. 150 Gegendemonstranten stellten sich ihnen in den Weg.

Auf Trommeln (z. B. Congas, Bongos) lassen sich mitreißende und lebendig-pulsierende Rhythmen spielen, die zum Tanzen, Lachen, Spaßhaben einladen. Man kann Trommeln (z. B. Landsknechtstrommel, Kesselpauke) aber auch mit harten, zackigen Schlägen bearbeiten. Das klingt dann militärisch und martialisch, wie ein Trommelgewitter. Im Geiste sieht man braune Gestalten im Stechschritt vorbeidefilieren.

Den Stechschritt haben die vielleicht 150 Querdenker, die am Samstag durch Friedberg zogen, ausgelassen. Stattdessen trugen sie rote Luftballonherzen und lange Stöcke spazieren, an deren Ende kleine Lautsprecher stecken, die Trillerpfeifengeräusche von sich geben. Für die Demo wurde überregional geworben. Auf Plakaten wurde »Gen-Food« mit »Gen-Impfen« gleichgesetzt oder die Feststellung getroffen: »Denken gefährdet die Gesundheit.« Ob das Ironie oder ein Eingeständnis war, wurde nicht deutlich. Wie man sich überhaupt fragte, was die eigentlich wollen. Die eine forderte eine »dauerhafte Senkung der Energiepreise«, der andere »Frieden schaffen ohne Waffen«. Die neue Protestbewegung plündert die rhetorische Abstellkammer der alten. Ein Mann trug ein Schild mit der Aufschrift »Man muss eine Lüge nur so oft genug wiederholen, schon wird sie zur Wahrheit.« Das ist stilistisch unbeholfen, trifft aber zu. »Nur, wem sagt er das?«, meinte ein Passant.

Als sich der Demonstrationszug dem Elvis-Presley-Platz näherte, wurde das Stechschritt-Getrommel durch die locker-flockigen Rhythmen der Samba-Truppe »Vamos Lá« durcheinandergewirbelt. Auf dem Parkplatz zwischen Wolfen- und Schirngasse fanden sich 150 Gegendemonstranten ein. Wer von beiden Gruppen lauter war, war schwer auszumachen. Dafür wurden, wie neulich beim »Querdenker-Spaziergang« in Bad Nauheim, die üblichen Verdächtigen aus dem rechten bis rechtsextremen Spektrum gesichtet, nebst Esoterik-Fans sowie Biedermännern und -frauen.

Mit Trillerpfeifen durch Wohngebiete

Die Gegendemonstranten antworteten auf diesen Aufmarsch mit Musik und Reden. Was sind das eigentlich für Leute, die »Querdenker«? »Das sind jene«, sagte Markus Fenske von der Antifa-BI, »die sonst mittwochs unsere Wohnviertel mit Trillerpfeifen terrorisieren, dass Kleinkinder aufschrecken und Hunde jaulen.« Die Bewegung habe sich radikalisiert, lehne die Demokratie ab.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Natalie Pawlik zeigte sich bestürzt, dass in Instagram-Posts der »Querdenker«-Szene russische Propaganda über den Krieg in der Ukraine verbreitet werde, dass der Ukraine gar das Existenzrecht abgesprochen werde.

Dekan Volkhard Guth von der Evangelischen Kirche nannte es »befremdlich«, dass noch immer Woche für Woche »20 Auf-Rechte durch die Straßen ziehen und ›Freiheit‹ fordern«, während gleichzeitig nur 1800 Kilometer entfernt Menschen aufgrund eines terroristischen Angriffskrieges die Freiheit und das Leben genommen werde. »Ich schäme mich dafür.« Es sei an der Zeit, über Werte zu reden, sagte Guth. Und über die ungerechte Verteilung der Vermögen. »Viele Menschen werden heute abgehängt.« Deren Sorgen müsse die Politik ernst nehmen, forderte Guth. »Der Neoliberalismus hat dazu geführt, dass die ›Daseinsfürsorge‹ aus der politischen Diskussion verschwunden ist.« Es gebe manches zu beklagen. »Aber es gibt keinen Grund, die demokratische Grundordnung verächtlich zu machen.«

In Friedberg gebe es »keinen Raum und keine Räume für Querdenker«, sagte Stadtrat Johannes Contag (Grüne) als Vertreter des Magistrats, bevor der Liedermacher Tony V. mit hintergründigem Witz und Charme Lieder über Vermögensberater, Influencer und Leute sang, die im Smartphone nach dem Sinn des Lebens forschen. Später spielte ein Jazz-Trio, weitere Rednerinnen und Redner gaben Statements ab. Ein esoterisch angehauchter »Querdenker« verteilte derweil »Die Goldene Regel«, wobei es sich eigentlich um sieben Regeln handelt. »Was du nicht wünschest, dass dir dein Nächster Tue, das tue du ihm nicht«, lautet eine, eine andere »Wie du tust, wird dir getan werden.« Während draußen drei Straßen weiter auf Trommeln eingeprügelt wird, fragt man sich, ob man nicht mal vor die Häuser von »Querdenkern« ziehen sollte, um dort Krach zu machen. Aber es ist Samstagmittag, da gibt es vernünftigere Beschäftigungen als durch die Straßen fremder Städte zu ziehen.

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