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Zwischen Humor und Melancholie

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Von: Gerhard Kollmer

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Keine gefälligen Melodien: Lukas Meisters Songs zwingen zum genauen Hinhören. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Also ehrlich: Apokalyptisch waren die vom Lukas-Meister-Duo im Alten Hallenbad zu Gehör gebrachten Lieder für Gitarre, Piano und Bass (Matthias Kasparick) nun wirklich nicht. Insofern weckt der Titel seiner neuen CD - »Lieder vor, während und nach der Apokalypse« - eindeutig falsche Erwartungen. Den Wert des 90-minütigen Konzerts minderte dies glücklicherweise nur wenig.

Denn es gelang Lukas Meister und Matthias Kasparick nach etwas sprödem Beginn, die Gunst des überwiegend jungen Publikums zu gewinnen - wie an dem von Song zu Song wachsenden Applaus abzulesen war.

Lukas Meister ist kein Epigone, entspricht nicht dem Reinhard Mey/Hannes Wader/Konstantin Wecker-Klischee aus den goldenen Liedermacherjahren. Er passt in keine der üblichen Schubladen, lässt in seinen Titeln kaum Politisches anklingen, schleicht sich nicht mit gefälligen Melodien in die Herzen der Hörer. Nein: Viele seiner überwiegend nachdenklichen Songs verstören, zwingen zum genauen Hinhören. Wer sich dieser Mühe unterzog, wird den Auftritt Meisters als Gewinn betrachtet haben.

Die melancholischen Töne überwiegen eindeutig, so zum Beispiel in dem selbst als nostalgisch bezeichneten Titel »Gestern-Sehnsucht«. Tempi passati: Vieles, zu vieles ist unwiederbringlich verloren gegangen; alles ist unübersichtlicher, komplexer, undurchschaubarer geworden. Billige Nostalgie ist das nicht, weil Meister solche und andere sehnsuchtsvolle Rückblicke (zum Beispiel auf den ersten Italienurlaub mit der Vespa oder den Besuch der legendären Literatencafés in Paris) im gleichen »Atemzug« relativiert, zum Teil sogar karikiert.

Eigenartiger Schwebezustand

Alles (das gilt auch für etliche andere an diesem Abend gespielte Titel) verharrt in einem eigenartigen Schwebezustand. Gerade dieses Doppelbödige macht die Qualität der selbstreflexiven - oft wie beiläufig vorgetragenen - Songs aus. Das als »alltagsromantisch« kommentierte Lied von der »Partner-Paybackcard« oszilliert zwischen Kritik an der bis in die Paarbeziehung hineinwirkenden Banalisierung, Entzauberung der Lebenswelt angesichts der krebsartig um sich greifenden Digitalisierung unseres Alltags. Diese Kritik wird jedoch gleichzeitig durch »heiteres Darüberstehen« (so definiert Fontane den Humor) relativiert. Regt euch nicht auf, alles halb so schlimm.

Die Titel »Bye, bye, Bad Oldesloe« und »Hackerangriff auf Suhl« spielen humorvoll mit Klischees. Im Song »Der Boxer« greift Meister zur Mundharmonika. Das klingt dann - auch wenn es kein Remake ist - doch ein wenig nach Simon & Garfunkel. Von Kasparick dezent am Kontrabass begleitet, wechselt Meister ans Piano und lässt uns in ein Gespräch zweier Aale über Corona hineinhören. Das klingt albern, ist es aber nicht.

Auch hier balanciert er gekonnt zwischen ernst und heiter. Alles nicht so ernst nehmen: Das ist kein Aufruf zur Gleichgültigkeit, zum Rückzug ins Private. Es ist ein Plädoyer für Gelassenheit.

Angesichts der brandaktuellen, apokalyptische Dimensionen annehmenden ukrainischen Katastrophe mag das doch ein wenig zynisch erscheinen. Nichtsdestotrotz: Vernunft ist noch immer der beste Ratgeber gewesen.

Am Piano kommt Meister zunehmend in Fahrt. Mit dem italienischen Song »Certe notte« (»Gewisse Nächte«) und - als Zugabe nach langem Applaus - Paolo Contes »It’s wonderful« ist das hörenswerte Konzert an seinem End- und Höhepunkt angelangt.

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Plädoyer für Gelassenheit: Matthias Kasparick begleitet am Kontrabass. © Gerhard Kollmer

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